Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 99
Weniger sehen, mehr erkennen
Von Martina Meister
PARIS: L' ÉVÉNEMENT - DAS EREIGNIS
Ein Foto ist selten mehr als eine Fußnote der Geschichte findet art-Autorin nach einem Besuch im Pariser Jeu de Paume. Es ist der 19. Juli 1909: Hubert Latham sitzt auf dem Wrack seines Flugzeugs "Antoinette IV". Er wollte den Ärmelkanal überqueren. Doch bereits nach einigen Kilometern war seine Maschine abgestürzt. Jetzt sitzt er da, raucht eine Zigarette, blickt ins Leere. Er scheint weder auf Hilfe zu warten noch an die Menge zu denken, die ihn jubelnd in England empfangen hätte. Knapp ein Jahrhundert später gibt diese anonyme Aufnahme ihre eigentliche Botschaft preis: Die Schönheit des Scheiterns ist nur aus der Distanz wirklich zu erkennen.
Doch inszeniert wird in dieser Ausstellung nicht Lathams Scheitern, sondern "L' Événement", das Ereignis. So heißt die Schau, die "Bilder als Akteure der Geschichte" zeigen will. Im Mittelpunkt steht das Wechselspiel zwischen Tatsachen und den Bildern, die wir uns davon machen. Es geht darum, wie aus Bildern Geschichte gemacht wird und wie Bilder ihrerseits Geschichte machen.
Aber mit Bildern zu zeigen, was Bilder bewirken, ist kein einfaches Unterfangen.
Um unterschiedliche Aspekte der Historisierung und Mythenbildung zu verdeutlichen, haben die Kuratoren Régis Durand und Michel Poivert fünf international bedeutende Ereignisse ausgewählt: den Krimkrieg (1853 bis 1856), die Errungenschaft der Luftfahrt, die Sozialrevolution des bezahlten Urlaubs, den Fall der Mauer 1989 und den 11. September 2001.
Nicht alle Kapitel sind gleich überzeugend.
Die Bilder zum Fall der Berliner Mauer wirken so banal wie die These selbst, die sie illustrieren sollen: dass die Menschen das Ereignis in dem Augenblick, als es geschah, schon als historisch erlebten. Dagegen veranschaulicht das Eingangskapitel zum Krimkrieg einen zukunftsweisenden Wettstreit der Medien: Es war der erste Stellungskrieg der modernen Geschichte und der erste Konflikt, bei dem die Kamera als Waffe eingesetzt wurde. Denn der Brite Roger Fenton wurde als einer der ersten Fotoreporter an die Front geschickt, um Propagandamaterial für einen Krieg zu liefern, der in der britischen Presse stark kritisiert wurde. Er brachte Fotos von bezaubernder Schönheit zurück, die Helden, Landschaften, aber keinen einzigen Toten zeigten. Hier wurde das Ende der Historienmalerei besiegelt, aber die Zeichner waren noch näher an der Wahrheit des Krieges als die Fotografen.
Das neue Medium Fotografie konnte die Deutungshoheit noch nicht gewinnen.
Kein Ereignis hat uns die Macht der Bilder so deutlich vor Augen geführt wie der 11. September. Hier gelingt den Kuratoren die eigentliche Überraschung:
Sie demonstrieren die Uniformität der Printmedien, die sich auf ganz wenige Motive geeinigt hatten. Das immer gleiche Bild der brennenden Twin Towers führt vor Augen wie Sinnbilder funktionieren, indem sie nämlich Ereignisse auf Distanz halten: als Platzhalter des Unerwarteten und Unfassbaren. Nur manchen Bildern gelingt es, die Augen zu öffnen: Thomas Ruffs großformatiger Fotoarbeit der rauchenden Türme beispielsweise, die den Horror in grobe Pixel aufgelöst hat. Man sieht weniger und erkennt mehr. Termin: bis 1. April. Katalog: Hachette Livre, Text in Französisch, 30 Euro. Internet: www.jeudepaume.org
