Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 100
Benebelt und befreit
Von Manfred Schwarz
DÜSSELDORF: BETWEEN
Die Kunsthalle Düsseldorf erinnert an ihre legendäre Ausstellungsreihe "between" von 1969 bis 1973. Mit einem karnevalesken Go-In wurde 1969 das Haus gestürmt und zum "exterritorialen Gebiet" erklärt. Der Plan war, eine demokratische Kunsthalle in Deutschland zu eröffnen. Aber so weit kam es nicht. Statt dessen folgten kurze Tumulte, endlosen Podiumsdiskussionen - und ein längst legendärer Zyklus von Nicht-Ausstellungen: "Between".
Angeregt von dem Putschversuch veranstaltete die Kunsthalle zwischen 1969 und 1973 eine lose Folge von "Zwischenspielen", die für wenige Stunden oder Tage das Museum in einen Ort für Happenings, Performances und Demonstrationen verwandelten. Der Freiraum zwischen den offiziellen Ausstellungen wurde genutzt, um das Haus zum Experimentierlabor, zum Schauplatz des Unerprobten und Unkanonischen zu machen: Kunstwerke sollten hier nicht aus-, sondern hergestellt werden; häufig unter aktiver Beteiligung des Publikums, auf provisorischer Basis, in Form eines einmaligen Ereignisses. Das damals bahnbrechende Pilotprojekt sorgte sofort für Furore - auch weit über Düsseldorf hinaus.
Zum 40-jährigen Bestehen der Kunsthalle hat nun die Kunsthistorikerin Renate Buschmann erstmals die Geschichte der insgesamt sieben Ausstellungen dokumentiert und äußerst gelungen in Szene gesetzt - mit Film- und Fotoaufnahmen, aber auch mit Rekonstruktionen und Relikten ausgewählter Werke aus der Zeit. Staunend erlebt man diese Revue, überwältigt von der Kühnheit und Offenheit, der Leichtigkeit jener Aufbruchsjahre. Gotthard Graubner beispielsweise richtete hier einen "Nebelraum" ein, Paul Cotton führte seinen mystischen Tanzperformance auf, Anatol Herzfeld ließ seine blauen Papier-Schmetterlinge durch die Kunsthalle flattern und Gilbert & George hatten als "Singende Skulptur" mit goldglänzenden Gesichtern hier einen ersten sensationellen Auftritt auf dem Kontinent.
Aber das erhabenste Bild für dieses zwar kurze und dennoch epochale Zwischenspiel verdanken wir Peter Dürr.
Für "between 4" hatte er eine Kinderschaukel unter dem acht Meter hohen Oberlicht des Kinosaals anbringen lassen.
Im eleganten Abendanzug saß er darauf und schaukelte stundenlang in schwindelnder Höhe - und sah dabei aus wie ein tollkühner Himmelsstürmer.
Termin: bis 9. April. Katalog: Dietrich Reimer Verlag, 49 Euro. Internet: www.kunsthalle-duesseldorf.de
