Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 91
Neues vom einsamen Insekt
Von Manfred Schwarz
Der deutsche Künstler hat eigens für das K21 klinische Räume entworfen DÜSSELDORF: GREGOR SCHNEIDER
Gregor Schneider hat einmal gesagt: "Wie die Arbeit weitergehen könnte, weiß ich nicht." Damals wohnte er noch in jenem Mietshaus in Rheydt, wo er sich wie ein einsames Insekt verpuppte. Die Ein- und Umbauten, die er zu einem abgründigen Parcours durch die Nachtseite des Daseins geformt hatte, diese längst unkontrollierbaren Wucherungen drohten nicht nur das Haus zu verschlingen. Es könnte sein, so hatte er damals erklärt, "dass ich einfach weiterarbeite, bis die Arbeit mich ausspuckt - oder mich schluckt".
Das Verschwinden ist seit jeher der Fluchtpunkt in Schneiders Arbeit: Er hat einen "total isolierten Raum" gebaut, den man, wäre man eingetreten, niemals wieder hätte verlassen können. Das "Haus ur" jedenfalls hat ihn schließlich nicht verschluckt, sondern ausgespuckt - in die große weite Welt. Nach dem triumphalen Auftritt auf der Biennale in Venedig (2001), hat er sein Domizil verlassen und andere Projekte verfolgt.
Die Ausstellung "Weiße Folter" im K21 versammelt neueste Arbeiten, die größtenteils für diesen Anlass entstanden sind. Thema der begehbaren Räume wird, wie bisher, die Isolation sein, der Übertritt in eine Zone, wo sich Orientierung und Gewissheit verlieren. Doch jetzt sind es öffentliche, normalerweise unzugängliche Bereiche, die im Mittelpunkt stehen - wie die Kaaba von Mekka (ab 23. März vor der Hamburger Kunsthalle) oder das Camp V von Guantánamo. Orte sozialer und sensorischer Beziehungslosigkeit, Verhörräume, Krankenstationen, Gefängniszellen.
Radikal anders als im "Haus ur", wo sich alles ums Fährtenlegen drehte, steht hier, in diesen klinischen Räumen, die Auslöschung sichtbarer Spuren im Vordergrund. Und doch kehrt Schneider damit zu seinem Ausgangspunkt zurück:
Räume zu schaffen, wo ein Schrei zurückbleibt, wenn sie verlassen sind.
Termin: 17. März bis 15. Juli.
Internet: www.kunstsammlung.de
