Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 88
Kein träger Nationalpark mehr
Von Gerhard Mack
Im Kunstmuseum wird Schweizer Kunst der letzten 150 Jahre ausgestellt WOLFSBURG: SWISS MADE
Die Frau strickt auf der Ofenbank, der Mann flicht am Fenster Weiden zu einem Korb. Die Geborgenheit und Stille, die Albert Anker 1896 seinem Bild "Korbflechterwerkstatt" angedeihen lässt, sind ein Jahrhundert später verloren. Auf den zwölf Monitoren ihrer Videoarbeit, die Peter Fischli und David Weiss 1995 bei der Biennale in Venedig gezeigt haben, dröhnen Bagger und Lkws, der Bohrer beim Zahnarzt surrt, in den Alpen sägt sich eine Tunnelfräse in den Stein. 96 Stunden zeigen sie den chaotischen Alltag der Gegenwart.
Beide Werke sind im Kunstmuseum Wolfsburg einander gegenübergestellt.
Für Markus Brüderlin, den langjährigen Chefkurator der Fondation Beyeler, lag es nahe, das Geschehen seiner Heimat am neuen Wirkungsort vorzustellen.
"Viele Schweizer Künstler sind in Norddeutschland nicht bekannt", sagt der Wolfsburger Museumsdirektor. Und die Sichtung regionaler und nationaler Kunstszenen gehört seit der Brit Art um Damien Hirst ohnehin zur Globalisierung der Kunst dazu. Nicht aus Chauvinismus, "sondern um Differenz herzustellen".
Und hier kommt der Schweiz geradezu die Rolle eines Vorbilds zu, glaubt Brüderlin. Seit das Land gezwungen wurde, sich mit seiner Identität auseinanderzusetzen, hat es die Trägheit eines "Nationalparks" verloren, von dem noch Harald Szeemann ironisch sprach.
Genau definieren will Brüderlin das neue Selbstverständnis nicht, er lässt es in "Swiss Made" um die Pole Präzision und Wahnsinn oszillieren.
In zwölf Dialogen treffen Klassiker von Ferdinand Hodler und Adolf Wölfli über Paul Klee und Max Bill bis zu Alberto Giacometti, Franz Gertsch und Dieter Roth auf Positionen, die nach 1968 formuliert wurden. Mal stehen sie in inniger Verwandtschaft wie Paul Klee und Silvia Bächli, die dessen Sprache untersucht.
Oder es gibt eine indirekte politische Verbindung wie bei Thomas Hirschhorn und Ferdinand Hodler, dessen "Holzfäller" im Büro von Justizminister Christoph Blocher hängt, zu dem Hirschhorn eine Intimfeindschaft pflegt. Vielleicht liegt hierin die tiefste Einsicht der Ausstellung: Es ist nicht so wichtig, ob jemand mit einem anderen kann oder nicht, die Hauptsache im Land beachtlicher Schweiger ist, dass man miteinander redet. Termin: Swiss Made I, 3. März bis 24. Juni; Swiss Made II, 6. Juli bis 21. Oktober. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 28 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro.
Internet: www.kunstmuseum-wolfsburg.de
