Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 87
Ein Auflauf illustrer Kollegen
Von Susanne Altmann
Eine Ausstellung zum 150. Geburtstag des Leipziger Symbolisten LEIPZIG/CHEMNITZ: MAX KLINGER UND DIE FOLGEN
Hier habe sich ihm "eine ganz neue Kunst" dargeboten. "Noch vor den Blättern gelobte ich mir, mein Leben dem Schaffen solcher Dinge zu weihen." So schwärmt der 22-jährige Alfred Kubin (1877 bis 1959), als ihm ein Musikerfreund Max Klingers (1857 bis 1920) Radierzyklus "Paraphrase über den Fund eines Handschuhs" zeigte. Die nächsten vier Jahre verbrachte Kubin daraufhin im Schaffensrausch und lotete zeichnerisch die Untiefen von Wahn und Fantasie aus. Und er war nicht der einzige Künstler, den Klingers Werk nachhaltig beeindruckte. Erstmals, pünktlich zum 150. Geburtstag des Meisters aus Leipzig,widmet sich eine Ausstellung im dortigen Museum der bildenden Künste dem enormen Nachhall seines Wirkens.
"Eine Liebe. Max Klinger und die Folgen" inszeniert einen Auflauf von illustren Kollegen - von Max Beckmann und Max Pechstein über Käthe Kollwitz und Edvard Munch bis hin zu Paul Klee, Max Ernst und Georg Kolbe, dessen Gemälde "Die goldene Insel" (1898) deutliche Parallelen zu Klingers "Die blaue Stunde" (1890) aufweist. Es sind vor allem immer wieder die delikat-verrätselten Grafikzyklen, die zu Inspirationen wurden - gewiss auch wegen ihrer großen Verbreitung um 1900. Nach Klingers Vorbild schufen Zeitgenossen wie Lovis Corinth oder Paul Klee nun komplexe Radierzyklen und nannten diese, wie er "Opus". Doch noch zu Lebzeiten des Künstlers begann die Bewunderung für Klinger in Spott umzuschlagen, seine symbolistische Emphase entsprach nicht mehr dem Zeitgeschmack. Es dauerte Jahrzehnte, bis er wieder en vogue wurde: als Schlüsselfigur für Surrealismus und Moderne.
In diesem Rang begreift ihn auch eine weitere Ausstellung in Chemnitz. Im dortigen Rathaus malte er von 1911 bis 1918 ein opulentes Wandbild ("Arbeit - Wohlstand - Schönheit"). Hier verband der begeisterte Wandmaler seine Vorliebe für nackte Idealgestalten mit dem Chemnitzer Industriealltag: Antike Musen tanzen vor rauchenden Schornsteinen. Das ungewöhnliche Werk wurde von der Klinger-Forschung bislang kaum wahrgenommen, ein Grund mehr, die vier erhaltenen Vorstudien auf Karton ans Licht zu holen. Die großformatigen Fragmente wurden soeben restauriert und dienen nun als perfekter Vorwand, den auch ansonsten beachtlichen Klinger-Bestand der Kunstsammlung Chemnitz zu zeigen. Termine: 11. März bis 24. Juni, Leipzig, ab Oktober:
Hamburger Kunsthalle; 18. März bis 28. Mai, Chemnitz.
Kataloge: 36 Euro (Leipzig); E. A. Seemann Verlag, 29,90 Euro (Chemnitz). Internet: www.mdbk.de/und www.chemnitz.de/
