Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 60-69
Morgenröte der Vernunft
Von Hans-joachim Mller
Es wurde hell in Europa, als Philosophen und Wissenschaftler die Ratio zur neuen Weltherrscherin krönten. Teil 2 der art-Serie: Mehr Licht - Der Siegeszug der Aufklärung LUST UND DRAMA DES 18. JAHRHUNDERTS Folge 1: Auf der Bühne - Die höfische Inszenierung der Macht Folge 2: Mehr Licht - Der Siegeszug der Aufklärung Folge 3: Hinterm Vorhang - Galanterie und Erotik Folge 4: Ins Dunkle - Die Dämonen der Vernunft
Wenn man davon ausgehen darf, dass der Schöpfer mit der Schöpfung nicht am Sonntag begonnen hat, dann war am Montag das Licht dran. Vor dem Licht war nichts. Nur Wüste, Leere, Finsternis, Tiefe, Wasser und schwebender Geist.
Mit dem Licht begann alles.
Mit dem Licht beginnt der Abend.
Es muss ein Funkeln und Gleißen gewesen sein, wenn die Livrierten mit den Zündstangen aufmarschiert sind, und sich das Kerzenlicht tausendfach im geschliffenen Glas der Lüster brach.
Sanssouci erwartet Gäste. Eine kleine Soiree bei Friedrich II. Der Monarch hat neue Briefe von Voltaire aus dem Schloss Ferney bekommen. Er möchte sie ein paar Freunden vortragen. Und wenn noch Zeit ist, wird es eine kleine Sonate geben. Und wenn der leicht gebückte Monarch auch immer schwermütiger dreinschaut, dann hat er doch Freude am künstlichen Lichthimmel über ihm. An der Hamburger Kirche St. Jacobi haben sie gerade den ersten Blitzableiter in Deutschland montiert.
Derweil sitzt Immanuel Kant drüben in Königsberg vor seiner Funzel, verdirbt sich die Augen und schreibt an seiner Reflexion mit der Ordnungsnummer 5037: "Das Jahr 69 gab mir großes Licht." Allen geht jetzt ein Licht auf. Erhellung, Erleuchtung überall. Überall in Europa bilden sich kleine Lichtinseln - in den Köpfen und an den Höfen, an den Universitäten und in den Salons. Als habe bislang nur Finsternis geherrscht - Wüste, Leere, Tiefe, Wasser, schwebender Geist. Und nun wäre noch einmal Montag, der Geist ließe das Schweben sein und machte sich an die Vollendung der liegen gebliebenen Gestaltungsaufgabe Welt. In England feiern sie das Age of enlightenment, in Frankreich das Siècle des lumières. Wer zum ersten Mal von Aufklärung gesprochen hat, ist nicht überliefert.
Aufklärung meint Klarheit. Vernunftgebrauch, Beseitigung abergläubischer Altlasten, Angstabwehr mit der Verstandeswaffe, kritisches Urteil statt Vorurteil, Revision des Ungeprüften, Mikroskopie des Verborgenen. Hätte man alles schon längst haben können, meinte Kant, als sie ihm 1784 die GEDULD, RUHIGE HAND, KONZENTRATION.
Und windstill muss es sein. Jetzt nur keine Frau Maman, die die Tür aufreißt und im seidenen Hauskleid an der Table à quadrille vorbeirauscht.
Schon die Grundmauern des Kartenhauses auf dem Spieltisch kämen ins Wanken, und an einen zweiten Stock wäre gar nicht zu denken. Dass der König drüben in Versailles vorführt, wie man mit kostbarsten Materialien ein Welterbe schafft, ist das eine. Das andere aber doch, dass man hier im aufgeräumten bürgerlichen Spielzimmer mit der Leichtbauweise nicht weniger schöne Erfolge erzielen kann. Verachte mir nur keiner das Papier!
Es ist der Stoff, auf dem das Jahrhundert seinen lustvollen Verstandesgebrauch erprobt.
Nicht ohne Grund schätzte ein maßloser Papierverbraucher wie Denis Diderot einen Maler wie Jean-Baptiste Siméon Chardin, der Knaben bei der Arbeit an fragilen Architekturen malte. Natürlich könnte man im Kartenhaus ein empfindliches Symbol erkennen für die deprimierende Erfahrung, dass nichts wirklich Bestand hat. Falsch wäre es nicht. Aber was spräche dagegen, zugleich den Fantasie- Widerstand gegen all die konstruktiven Beschränkungen zu sehen, die Leben bedeutet?
Preisfrage vorlegten, was Aufklärung sei. Faulheit und Feigheit hätten die Menschen unmündig gehalten. Nur an Mut habe es ihnen gefehlt, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Aufklärung ist immer auch eine therapeutische Maßnahme zur Genesung von mentaler Fremdbestimmung. Nie zuvor war so viel Überzeugung, dass die eigentliche Lichtarbeit dem Menschen gegeben und mit dem Montag aus Licht die Schöpfungsagenda nur als Plan skizziert und der endlichen Ausführung noch bedürftig sei. Am Anfang des 18.
Jahrhunderts arbeitete Isaac Newton an der Idee, mit einem Spiegelsextanten den Höhenwinkel eines Himmelskörpers zu messen und mit ihr die Position auf See zu bestimmen. Am En de des 18. Jahrhunderts war den Europäern 83 Prozent der Erde bekannt.
Kaum einer der großen Denker der Aufklärung, der nicht auch kleinere oder größere Schriften zum positivistischen Wissen dem Buchmarkt überlassen hätte. Es war die Geburtsstunde der Wissenschaften, und die Wissenschaften waren dem alten spekulativen Systemdenken nicht Feind.
Die Disziplinen spielten subtil ineinander.
Voltaire nannte Francis Bacon den "Vater der experimentellen Philosophie".
Und Kant, der so schwierige philosophische Sätze geschrieben hat, dass Hauptseminaristen seit Generationen verzweifeln, hat auch eine "Physische Geographie" hinterlassen, in der das Zeitwissen über den Pavian auf eingängigste Weise gerafft erscheint: "Sie haben einen Hundskopf und können sehr geschwind auf zwei Füßen gehen." 83 Prozent Erdkenntnis sind eben doch nicht 100 Prozent. Carl von Linné, der so plausible Ordnung in die ungeordnete Natur brachte und mit Zartgefühl jede Flechte seiner schwedischen Heimat vermaß, hatte keinerlei Problem damit, dass der Illustrator seiner Systema Naturae das Orang-Utan-Weibchen und das Schimpansenmännchen zeichnete, als machten sie sich beide auf zum Karneval. Das ist das eigentlich Faszinierende an der geistesgeschichtlichen Epoche: Wie nah die Dinge noch beieinander waren, das Wundernkönnen und das Messenmüssen, die Abbilder der verstehbaren und die Imago der unverstandenen Welt. Eine kleine Brise vorkantianische Faulheit und Feigheit haben das allzu grelle Aufklärungslicht nie wirklich ausgepustet, immer nur gedimmt.
Gleichsam vom Ende der Geschichte her gesehen, weiß man ja nun auch, dass die Lichtmetapher nicht so eindeutig ist. Aufklärung meint Klarheit, aber auch Erleuchtung. Und Erleuchtete denken sich als Erwählte. Mit Licht verbinden sich eigentümliche Lichtansprüche, die nichts so schreckt wie die Vorstellung, alles könnte noch ein bisschen heller sein, und nichts würde zu Schanden, wenn es da und dort ein bisschen dunkel bliebe. Es liegt in der Helligkeitskompetenz, die sich die Epoche zumaß, auch eine beträchtliche Überheblichkeit. Aufklärung ist Selbstbewusstsein, das sich nur seiner eigenen Grandiosität nicht bewusst ist. Das ist der blinde Fleck aller Aufklärung.
Ihr Programm zur Entzauberung der geschaffenen Welt war immer auch Verführung zur Verzauberung des schaffenden Ichs. Die kalten Panzer, die sich die jakobinischen Vernunftmenschen um den Revolutionsleib legen sollten, stammen aus diesem Fundus. "Nur solches Denken", so Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die beiden Dialektiker der Aufklärung, "ist hart genug, die Mythen zu zerbrechen, das sich selbst Gewalt antut." Kann man Aufklärung malen?
Bleibt das Bild nicht immer ein wenig dunkel angesichts der Helligkeit des Begriffs?
Die schönsten Bilder der Epoche sind die, die das Zeitlicht nicht scheu en und aus dem Staunen nicht herauskommen.
FRÜHER HATTE HIER VULKAN DAS SAGEN.
Aber das ist schon eine Mythenewigkeit her.
Der olympische Waffenschmied, der zuweilen Werkstattbesuch von seiner ungetreuen Frau Venus bekam, hat die Hammerwerke Facharbeitern im englischen Derbyshire überlassen. Die hämmern nun kräftig an der ersten industriellen Revolution, und das tönt, wenn man einmal von Risiken und Nebenwirkungen absieht, noch immer ganz schön vulkanisch.
Dass Frau Venus nun Kinder bekommen hat und sich in den guten Kleidern in die Nähe von Ruß und Funkenflug traut, sollte man nicht als Zeugnis ehelicher Treue missverstehen.
Gerade hatte James Watt seine Niederdruckdampfmaschine auf den Markt gebracht. Und wenn das Jahrhundert auch gewaltig zu lärmen begann, dann war die neue Technik doch ein Spektakel. Und ein gewaltiges Stück vom Elendsrealismus entfernt, malt der Maler erst einmal die Sensationen bei der vulkanischen Selbstermächtigung des Menschen.
MUSS MAN ES DENN SO GENAU WISSEN? Geschlechtsteile?
Bei Blumen? Doch, man will es jetzt genau wissen, auf Indezenz kann der forschende Geist keine Rücksicht mehr nehmen. Schon als schwedischer Student der Naturwissenschaften hat Carl von Linné seine Leser mit pikanten Details zum Bestäubungsverhalten in der bis dato untadeligen Pflanzenwelt geschockt. Später, als er sich dann der Meerkatze Diana annahm, waren es wieder irritierende Bemerkungen, die das Vertrauen in die Studien strapazierten. Was anderes wäre aus der Affenvielfalt zu erschließen, wenn nicht die Grundwahrheit, dass auch bei den Tieren "die törichten die größte Menge ausmachen"?
Irritierend musste vor allem sein, wie im System, in der strengen Gliederung, alles miteinander zu tun bekam und alles voneinander abhing.
Und wenn es auch noch eine rechte Zumutung war, im Blüteninneren das Geschlechtsteil zu entdecken, dann war doch nie so viel Ordnung wie jetzt.
Und die neuen Systeme der Natur und des Geistes und des Monarchen werfen gleißende Spiegelbilder aufeinander.
ES SCHLÄFT DER SCHLAF.
Der Krähhahn kräht. Der Schlaf schläft weiter. Ruhe in Frieden, du trunkener Geselle. Früher, das war, als man noch mit schweren Lidern auf die Weltdinge sah.
Heute leuchtet die Fackel der Wachsamkeit, leuchtet den Menschen die selbst verschuldete Müdigkeit aus dem Gesicht.
Kant, der alte Stubenhocker, der aus seinem Königsberg nie recht herauskam, hat Tiepolos Fresken in der Villa des Nicolò Loschi in Biron di Monteviale bei Vicenza sicher nicht gekannt. Aber die junge Frau mit der offenen Bluse hätte ihm nicht übel gefallen.
"Sapere aude", hätte er geknurrt, "habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Das klingt nach Erziehungsprogramm, während uns der Maler im Glauben lässt, dass es um die Sache vernünftiger Schlafbezwingung bestens bestellt und mithin auch die Vernunft der Schlafbezwingung bestens bewiesen sei. Dass die Vernunft selber einmal in Schlaf fallen und der trunkene Schlaf seinen Rausch bald ausgeschlafen haben könnte, das war zu diesem hellen Zeitpunkt noch kaum vorstellbar. Tatsächlich wird der Triumphsteherin demnächst schon die Fackel ausgehen, und sie wird die Fahne schwingen und die Bluse noch weiter öffnen und wird sich Freiheit nennen und auf den Barrikaden dem Volk voranstürmen.
Und weil man, Gnade der späten Geburt, das alles schon weiß, hat man auch ein wenig Mitleid mit der Titelfigur der Aufklärung, und Kant wird gute Gründe gehabt haben, warum ihn keiner aus Königsberg herauslocken konnte.
ZUM WANNENBAD AUFS FEST VERTÄUTE SCHIFF.
Das nennen wir perfekte Übereinstimmung von Form und Funktion. Der Aufriss zeigt die gediegene Verteilung der Nasszellen. Es kann ja nichts schaden, wenn bei Spülungen und Schüttungen auch ein bisschen Geometrie abfällt. Dabei wird die Wellness-Einrichtung zum lexikonwürdigen Stichwort erst durch die Hygienegebräuche des 18. Jahrhunderts. Tatsächlich kam man bis in die guten Häuser hinein den beschämenden Dünstungen des Leibes weniger mit feuchten Abreibungen als mit kosmetischen Maßnahmen bei. Und je hochwohlgeborener ein Perückenträger, desto parfümierter die Puderdecke über leichtem Dampf und schweren Ausdünstungen. Nun wollen wir den frühen Badespaß nicht übersehen, von dem zum Beispiel ein Holzschnittreporter wie Albrecht Dürer berichtet hat.
Und auch im Versailler Schloss soll das Brauchwasser geflossen sein. Wie tief die Hofgesellschaft untertauchte, ist nicht bekannt. So gesehen ist es schon therapeutischer Aufruhr, wenn Denis Diderot und Jean Le Rond d' Alembert in ihrer aufmüpfigen "Encyclopédie" die schwimmende Wannenbadeanstalt des königlichen Leibbaders Jean-Jacques Poitevin empfehlen.
Körperpflege als Volksbildung, Freischwimmen als bürgerliches Bewegungssignal. Die wasserscheuen alten Stände haben es wohl zu deuten gewusst.
Auch das ist Aufklärung. Überall hat man Kerker der lange gefangenen Vernunft entdeckt - selbst unter den Ölen und Essenzen des Ancien Régime. Dass manches voraufklärerische Ressentiment sogar in der "Encyclopédie" überlebt hat, macht die Lektüre des riesenhaften Torsos noch immer spannend. Mehrfach ist die Edition behindert und verboten worden. Die öffentlichen Badeboote sollten bald überall in Europa vor Anker gehen.
WER SAMMELTE, SAMMELTE JETZT VIEL. Die Memorabilia der großen Künstler und die Merkwürdigkeiten der großen Künstlerin Natur. An den Wänden hingen die Bilder, wie sie immer hingen. Aber die Vitrinen füllten sich mehr und mehr mit Wurzeln und Kristallen, mit seltsamen Verwachsungen und menschlichen Präparaten, die aussahen wie die einäugigen Monster in den Wundergeschichten, die die Entdeckungsreisenden zu Hause erzählten. Dazu passten die naturwissenschaftlichen Geräte nicht schlecht, die man sich nun gerne in den Salon stellte. Nicht dass eines unter Europas gekrönten Häuptern den Gebrauch eines Sextanten einwandfrei beherrscht hätte und vor dem hautlosen Muskel- und Sehnen-Adam in der Sammlung nicht zugleich zurückgeschreckt wäre. Aber schön waren die Präzisionsapparate doch. Ganz nackt hat sich das Wissen noch lange nicht aufzutreten getraut. Es hat den Schutz des alten Designs gebraucht, um sich Vertrauen zu erwerben. Und der Naturkundehandwerker stand im Ruf eines Geigenbauers. Es gab berühmte Namen unter ihnen, für deren Globen, Planetenmaschinen und medizinische Modelle der Sammler beträchtliche Summen ausgab. Schließlich war die Präzision noch nicht geschieden vom Staunen. Und wenn die ungesehenen Welthintergründe allmählich immer einsichtiger wurden, dann war die Einsicht doch noch immer ein Wunder, und die Instrumente der Einsicht passten wunderbar in die alten Wunderkammern.
ALLES WIRD MÖGLICH. Unmöglich ist nur noch der verzagte Glaube an die naturgegebenen Beschränkungen des Menschen.
Jetzt schreitet er nicht mehr nur über die untertane Erde, jetzt schwebt er auch in der Luft. Es war Ende des Jahres 1783, die Köpfe auf den adligen Rümpfen saßen noch fest, als Jean-François Pilâtre de Rozier in der Montgolfière tüchtig Feuer machte und alsbald eine halbe Stunde über Paris flog. Die Sensation war perfekt. Hätte Sir Isaac Newton, als er die Gravitation berechnete, sich auch nur im Traum vorstellen können, dass die Leute 100 Jahre später vergessen haben würden, wie in Wahrheit alles nach unten strebt? Alle schauen sie jetzt nach oben. Auch in Venedig, wo der Prokurator die Gebrüder Zanchi mit dem Bau eines Heißluftballons betraut hatte. Zweieinhalb Stunden soll die Besatzung in der Luft geblieben und wohlbehalten in den Sümpfen der Lagune gelandet sein. Wobei die schnittige Gondelform dem aeronautischen Abenteuer keineswegs hinderlich war. Eher hat das lokale Design für Stabilität in der Luft und für gute Unterhaltung auf dem Boden gesorgt. Auch Francesco Guardi war unter dem Publikum.
Die Maler werden jetzt immer häufiger zu illustrierten Beobachtern.
Wenn alles möglich wird, verliert auch die Kunst die Lust am Unmöglichen. Wohl wahr, als Zeus noch in Gestalt des Adlers den schönen Ganymed- Knaben entführte, war der Raum weiter und die Flüge der Fan - tasie dauerten länger als zweieinhalb Stunden.
Kasten:
H I S T O R I S C H E R H I N T E R G RU N D Man darf sich die sinnenden Köpfe unter wallenden Perücken nicht so vorstellen, als seien sie nur an Sein und Dasein, Sosein und Anderssein interessiert gewesen. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) etwa, dem die Philosophie die überraschende Einsicht verdankt, dass Gott der einzig wahre Gegenstand unseres Erkennens sei, entwarf mit Leidenschaft Maschinen, die die Bergwerksarbeit rationalisieren sollten. Das kühne Projekt "Windkunst", mit dem die Erzgruben im Harz entwässert werden sollten, kam indes über das Planungsstadium nie hinaus. Auch die eigene Rechenmaschine, die er den werten Kollegen an der Académie des sciences in Paris vorführte, brachte nicht die erhoffte Berufung. Glücklicher war er mit seiner Theologie und der Gewissheit, dass Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen habe. Den beißenden Spott hat er nicht mehr erlebt, den François Marie Arouet, genannt Voltaire (1694 bis 1778) ein paar Jahrzehnte später über diesen letzten Universalisten des neuzeitlichen Denkens ergoss. Candide, der tapfere Taugenichts des französischen Aufklärers, wird um die halbe Welt getrieben, verraten, getäuscht und geprügelt und kann doch nicht vom "Glaube an die beste der Welten" lassen.
Schließlich hat es Lehrer Pangloss so gesagt, und der lehrte "die Metaphysico-theologo-cosmologonigologie" - und musste es also wissen.
Soll man den anderen sinnenden Kopf unter wallender Perücke in die Galerie aufnehmen, obschon er gar nicht im 18. Jahrhundert gelebt hat? Einer der Groß- und Freidenker dieses Jahrhunderts, eben Voltaire, hat ihn mit einer berühmten Ehrenerklärung zu den Zeitgenossen gezählt: "Vater der experimentellen Philosophie". Francis Bacon (1561 bis 1626) hätte freundlich genickt und zur Feier einen stark tönenden Abschnitt aus seiner "Praise of Knowledge" vorgetragen: "Die Überlegenheit des Menschen liegt im Wissen, das duldet keinen Zweifel." Und schon dafür hätte es Standing ovations gegeben. Und das Publikum hätte sich gar nicht mehr hingesetzt, solange der verehrte Redner weiter geredet hätte: "Darin sind viele Dinge aufbewahrt, welche Könige mit all ihren Schätzen nicht kaufen können." Nie zuvor war es so nüchtern, so metaphysikfrei gedacht und gesagt worden, dass der Mensch nur vermag, was er weiß, und dass er alles vermag, wenn er nur weiß. Da kann die gesellschaftliche Lebensordnung mit ihrer absolutistischen Machtmitte noch so natur- oder kulturgegeben erscheinen, die wahre Macht thront nicht im Zentrum, sie zeigt sich überall da, wo Wissen über die Ahnung, über die ungeprüfte Meinung triumphiert. Wissen ist für Bacon in einer Vorwegnahme moderner Grundlegung nur das, was auch der Kritik standhält. Solches Wissen aber trage "zur besseren Ausstattung und Hilfe im Leben" bei. Die klarste und populärste Definition hat Immanuel Kant (1724 bis 1804) gegeben. In der "Berlinischen Monatschrift" erschien Ende 1784 sein Aufsatz "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" Dem Autor wurde nicht allzu viel Platz eingeräumt, er musste ohne Umschweife auf den Punkt kommen:
"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit." Ungezählte haben ungezählte Male die handliche Aufklärungsformel nachgemurmelt und selten einmal gemerkt, was für Zumutungen das Selbstermächtigungsprogramm enthält. Allein das arglose Wort "Ausgang". Als ob es so einfach wäre, ein Spaziergang, nichts weiter, ein paar Erfrischungsschritte nur von der Unmündigkeit zur Mündigkeit. Es wird schon noch eine Weile dauern, schon noch ein paar sinnende, perückenlose Köpfe wie Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche oder Sigmund Freud brauchen, bis man verstanden haben wird, dass es auch um die Selbstverschuldung der Unmündigkeit nicht so eindeutig bestellt ist.
Wenn Wissen Macht ist und der aufgeklärte Mensch nur gut zu Fuß sein muss, will er auf die Aussichtsberge über dem Jammertal seiner Unselbständigkeiten steigen, dann kann ja auch das Ende aller schlimmen Tage nicht mehr weit sein. Gotthold Ephraim Lessing (1729 bis 1781) hat auch einiges zur "Erziehung des Menschengeschlechts" (1780) zu Papiere gebracht. Dass es erzogen werden muss und erziehbar ist, ist für den Aufklärer abgemacht. Die "Zeit der Vollendung" wird kommen. Seither erziehen alle Lessings nach Lessing und sind über ihrer großen Erziehungsarbeit zuweilen etwas verzagt geworden. Aber die Belohnung für die große Erziehungsarbeit, "die Zeit der Vollendung", das klingt noch immer stark.
Jean-Baptiste Siméon Chardin:
"Das Kartenhaus" (1737, 82 x 66 cm)
Joseph Wright:
"Die Eisenschmiede" (1772, 121 x 132 cm)
Die neu geschaffenen Ordnungssysteme der Natur und des Geistes werfen jetzt gleißende Spiegelbilder aufeinander
Carl von Linné: "Das Geschlechtssystem der Pflanzen" (1736)
Giovanni Battista Tiepolo:
"Triumph der Wachsamkeit über den Schlaf" (1734, 230 x 180 cm)
Überall hat man Kerker der lange gefangenen Vernunft entdeckt
Illustration des Badeschiffs aus der "Encyclopédie" (1751/80), herausgegeben von Diderot und d' Alembert
Die Vitrinen füllten sich mit Wurzeln und Kristallen, mit seltsamen Verwachsungen und menschlichen Präparaten
Wachsmodell aus dem Anatomischen Kabinett des Josephinum in Wien (1784/88)
Francesco Guardi:
"Aufstieg eines Luftballons" (1784, 66 x 51 cm)
HANS-JOACHIM MÜLLER
