Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 70-81
"Ich will den Blick verwirren"
Von Heinz Peter Schwerfel
Die Brasilianerin Beatriz Milhazes entzückt den globalisierten Kunstbetrieb mit Bildern von scheinbar purer Schönheit. Aber man soll sich nicht täuschen lassen: Im lustigen Gewimmel der pulsierenden Formen und glühenden Farben verarbeitet sie die Einflüsse verschiedenster Künstler und Stile - und den Rhythmus des Lebens im 10-Millionen-Moloch Rio de Janeiro
Brasilianische Leichtigkeit des Seins ist ihre Sache nicht. Schönheit im Sambaschritt, sinnliche Exotik, tropischer Überschwang? Auf solche Eruptionen verbaler Begeisterung reagiert Beatriz Milhazes allenfalls mit einem sympatischen Lächeln, während sie ihren Golf mit viel Umsicht durch das Verkehrschaos von Rio de Janeiro steuert.
Das Überleben am Zuckerhut verlangt Bedacht und Selbstkontrolle, in Verkehr, Alltag, Kunst. Mag die Schar international renommierter brasilianischer Künstler auch klein sein, Querschläger und Rempler gibt es mehr als genug, auch unter Kollegen. "Es hat 15 Jahre gedauert, bis ich endlich akzeptiert wurde. Malerei? Ist nicht mehr gefragt. Eine Frau, dazu Tochter aus bürgerlichem Elternhaus? Darüber rümpfte man die Nase. Die Plastik- und Textilfetzen auf die Leinwand klebt? Kunst handwerk! Die sich nicht an amerikanischer Konzeptkunst labt, sondern lokal ernährt, mit Samba, Karneval und örtlicher Flora? Das roch für viele nach Folklore." Inzwischen hat sich die Lage entspannt.
Es darf gemalt werden, auch in Brasilien.
Ausverkaufte Galerienausstellungen von London bis Berlin, Biennale- Teilnahmen in São Paulo und Venedig, erste Museumsretrospektiven, Rios Kunstszene ist stolz auf seinen Star der malenden "Generation Achtziger". Kürzlich hat Milhazes ihr altes und enges Atelier gegen ein zweistöckiges Reihenhaus im ruhigen Stadtviertel Horto eingetauscht, wo es weder Touristen, noch Reiche, noch Favelas gibt, statt dessen unteren Mittelstand und Kaffeehäuser mit wackligen Tischen. Die Fassaden sind farbig getüncht, Autos werden auf der Straße gewaschen, junge Familien siedeln sich an, wenn die Alten wegsterben.
Der Weg nach Horto führt weg vom Meer, um die Lagune herum ins Binnenland unterhalb der Tafelberge, vorbei an der verschlafenen Kunsthochschule im Parque Lage, wo sie 1980 bis 1982 studierte und dann selbst unterrichtete.
Und vorbei am berühmten Jardim Botânico: hundertjährige Palmen, tropischer Regenwald, Wasserfall und Orchideenhaus.
Der Moloch Rio mit seinen über zehn Millionen Einwohnern, in dem sich Arm und Reich, Fauna und Flora, Berge und Meer im Überfluss finden, schenkt Milhazes den malerischen Rohstoff - urbane Formen und Farben.
Die Straßen geben ihr Bilder, Eindrücke und Erinnerungen. Sie werden zu meerblauen Arabesken verarbeitet, zu Kreisen wie Zielscheiben, Wortfetzen, Sonnen, Sternen, far bigen Horizonten:
Die urbanen Stillleben von Beatriz Milhazes sind voll mit geometrischen Figuren in spätbarocken Choreografien. Doch der erste Eindruck scheinbar naiver Dekoration trügt: Fülle und Leere sind sorgfältig abgewogen, der Tanz der abstrakten Figuren ist durchstrukturiert, die Farben nach Konflikten, nicht nach Harmonien geordnet. Jeder Kreis, jede Linie steht für sich; eine Form, mag sie noch so geometrisch wirken, ist niemals nur Form, sondern Gegenstand, Symbol, gelebte Wirklichkeit.
Und es herrscht Ordnung, kreatives Chaos ist kein Thema. Schließlich ist die Künstlerin aufgewachsen im Land barocker Kirchen wie São Bento oder San António, in denen jedes Detail eine dramatische und nicht nur formale Funktion erfüllt. "Deshalb interessiert mich das Organische mehr als alle Kurven. Es geht mir nicht einfach um die Vielfalt geschwungener Formen und Kreise, sondern alles scheinbar Chaotische hat System. Ich will den Blick verwirren, ihn in immer neue Richtungen lenken." Beatrice Milhazes wurde 1960 im Stadtviertel Copacabana geboren. Alles an der zierlichen Künstlerin wirkt sachlich, überlegt, kontrolliert: Auftreten, Fahrstil, ihr Englisch, die Art, wie sie Fragen nach ihrer Arbeit beantwortet. Keine Spur von überschäumendem Temperament, Wechselbad der Stimmungen und Feuerwerk der Gefühle, wie man sie Brasilianern gern unterstellt. Statt dessen Bedachtsamkeit, Zweifel, Sinn für Schönheit und eine Spur Melancholie, wie sie typisch ist für den Bossa Nova, die elegante Weiterentwicklung des Sambas durch Pop und Jazz, in den sechziger Jahren erfunden vom Dichter Vinicius de Moraes und Komponisten und Musikern wie António Carlos Jobim. "Tom Jobim war mein Held. Wir gehörten zur gebildeten Mittelklasse, mein Vater besaß eine riesige Plattensammlung, Kultur und Intellekt gingen Hand in Hand mit dem Lebensgefühl von Sonne und Strand." Rhythmus und Sonne spiegeln sich auch in Milhazes' singenden Bildtiteln, meist aus der Luft gegriffenen Assoziationen: "Mares do Sul", "As ondas", "Cor de rosa": "Südsee", "Wellen", "Rosa". Das alles hat mit dem eigentlichen Bildinhalt nur bedingt zu tun. Neben dem Bossa Nova ist auch die Oper wichtig für Milhazes, selbst wenn sie grundsätzlich ohne Musik arbeitet, allein im Atelier, ohne Hilfe und Ablenkung. Oper, das ist die Formalisierung der großen Gefühle, das Erzählen von Geschichten durch Rhythmus. An ein Bühnenbild würde sie sich nicht wagen, "dafür ist die Oper zu figurativ, alles dreht sich um eine konkrete Geschichte." Aber auf Reisen nach New York, London oder Berlin, bei Besuchen ihrer internationalen Künstlerfreunde Franz Ackermann, Polly Apfelbaum oder Fred Tomaselli lässt sie keine interessante Operninszenierung aus. Und Beatriz Milhazes ist viel auf Reisen.
"So viel, dass ich überhaupt nur noch wenige Monate im Jahr im Atelier arbeiten kann. Ich brauche viel Zeit, male meist an mehreren Bilder gleichzeitig und schaffe höchstens sieben, acht große Formate im Jahr." Hinzu kommen Papierarbeiten, Bücher und immer mehr Sonderaufträge: Entwürfe für Stoffdesign, Wandfresken für eine Buchhandlung, die Fassade einer Boutique, Kostüme für eine Sambaschule, ein Außenbanner für das MoMA in New York.
Nicht zuletzt wegen solch neuer Herausforderungen hat sie Improvisation, Instinkt und spontane Geste seit langem hinter sich gelassen, sie sucht Struktur, Klarheit, Kontrolle.
"Oft beginne ich ein Bild mit zwei weit voneinander entfernten Formen, um dann von der Spannung des Zwischenraums zu profitieren." Langsam füllt Milhazes die Leere, ohne sie zu überfüllen. Eine Malerin der Zwischenräume, die zwischen allen Stühlen auf dem Thron des Erfolgs sitzt und sich entsprechend wohlfühlt. Avantgarde und Pop, Kunsthandwerk und Farbfeldmalerei werden aufgesaugt und einverleibt. Sich selbst siedelt Milhazes "irgendwo zwischen Matisse und Mondrian" an. Piet Mon drian steht für Jazz, nicht Samba, Henri Matisse für provenzalische Farbsinfonien. Und Milhazes?
Karnavalesken Überschwang" und "lachende Farben" hat die internationale Kunstkritik in den großformatigen Leinwänden entdeckt, in denen sich runde Kreisformen mit geraden Linien kreuzen und die "mit ihren Ornamenten den Nerv der brasilianischen Seele treffen". Doch im verführerischen Spiel von Form und Farbe kann manches Missverständnis stecken. In Milhazes' Bildern verbirgt sich mehr an Raum und Wirklichkeit, als jede noch so sorgfältige Reproduktion erkennen lässt. Bestehen sie doch seit 1990 aus auf die Leinwand geklebten, vorher mit Acryl bemalten Plastik-, Papier- und Stofffetzen. Wie kleine Zeichnungen werden diese zurechtgeschnitten und aufgetragen, Malerei als dreidimensionale Collage. Plastikfolien, Hochglanzpapier und Glitzerstoff bringen die Farbe noch mehr zum Leuchten, dank Karnevalskostümen, Stoffmustern und Einkaufstüten kommt Wirklichkeit ins Spiel.
Auf ein mal ist Realität im Bild, Fragmente von Konsummüll, Lebensfreude, Architektur, kurz: urbaner Alltag, verbrämt in einer Ästhetik des Post- Pop. Grafische Elemente vom heutigen Werbelogo bis zu den Stoffmustern des legendären Modedesigners Emilio Pucci spielen eine wichtige Rolle in Milhazes' Malerei, sie verbinden die Gegen wart mit dem Schwung der sechziger Jahre, Lebensfreude mit purer Geometrie, das rein Ästhetische mit dem Funktionellen. Jede Sonne ist mehr als nur ein Kreis, das Meer eher Süd- denn Nordsee, Malerei nicht nur Form und Farbe, sondern gelebtes Leben, Kindheit, Biografie.
Natürlich sind Milhazes' Erinnerungen tropischer als die eines Künstlers aus dem Berliner Wedding. Die Eltern zogen aus Bahia an die Copacabana, wo sich spanisches Rokoko mit dem Voodoo der Abkommen afrikanischer Sklaven paart. Der Vater, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, war Mitglied in Fußballclub und Sambaschule, wie es sich gehört. Er spielte Tamburin. Die Mutter, eine Kunstlehrerin, erzählte ihren Töchtern nicht nur von Klassischer Moderne und Pop Art, sondern auch von Tropicália, einer lokalen Künstlerbewegung der sechziger Jahre, um Hélio Oiticica, Lygia Clark oder António Dias, die aus Europa importierte kopflastige Avantgarde mit lokaler Poesie, Humor, Sinnlichkeit und politischem Aufmucken anreicherte. Zum Lebensgefühl zwischen Bossa Nova, Strand und Pop Art kamen bald auch andere Einflüsse - etwa aus kinetischer Kunst, aus der Ende der Siebziger kurzfristig aufblühenden Pattern-Malerei des Amerikaners Robert Kushner. Neben runden Formen benutzt Milhazes auch Rechtecke, seit sie eine Ausstellung mit streng geometrischen Leinwänden der Britin Bridget Riley sah, "die mir bewies, dass man auch Rechte Winkel zum Tanzen bringen kann".
Der Rückgriff auf ein immer wiederkehrendes Vokabular eindeutiger Formen hat viel mit formaler Obsession zu tun, einem weiteren Erbe des Barock. "Aber Obsession ist eine Gefahr, da hilft nur Struktur." Milhazes versteht sich als geometrische, nicht als abstrakte Malerin. Ähnlich wie ihr Vor bild Matisse kann sie sich Schönheit nur als das ständige Lösen von Konflikten vorstellen, nämlich der Reibung zwischen konkurrierenden, scheinbar entgegengesetzten Formen und Farben. Jedes Gemälde ist eine urbane Gesellschaft individueller Farbtöne, zwischen diesen Individuen heißt es zu vermitteln. Nur so entsteht ein harmonisches Zusammenleben, nur so wird aus Chaos Schönheit.
Milhazes' Palette wird in den letzten Jahren immer heller. Bis weit in die neunziger Jahre hinein ließ sie sich von ihren Reisen nach Kolumbien, Venezuela, Mexiko beeinflussen, vom spanischen Barock, der dunkel und dramatisch ist. Heute wirkt vieles gelassener, heiterer, abstrakter, "aber eigentlich", sagt sie, "muss ich im Rückblick feststellen, dass ich immer am selben Bild gearbeitet habe".
Literatur: Beatriz Milhazes. Avenida Brasil.
Domain de Kerguehennec, Bignan. 27,50 Euro.
Galerien: Max Hetzler, Berlin, www.max hetzler.com; Stephen Friedman, London, www.stephenfriedman.com; Fortes Vilaça, São Paulo, www.fortesvilaça.com.br
"Beleza pura" ("Reine Schönheit", 2006, 200 x 400 cm)
"O Ciclista" ("Der Radfahrer", 2005, 80 x 74 cm) und rechts "Aubergine IV" (2003, 74 x 57 cm)
Folklore, Dada, Pattern Painting: Milhazes plündert die Kunstgeschichte
Der Moloch Rio gibt Milhazes den Stoff: urbane Formen und Farben
"Como?" ("Wie?") nannte Milhazes ihr 1998/99 gemaltes und collagiertes Bild (140 x 141 cm)
Durch Stoffe und Einkaufstüten kommt die Wirklichkeit ins Bild
Filigrane Muster, glühende Farben:
"As ondas" ("Die Wellen"), ein frühes Bild von 1996 (190 x 220 cm)
Weltkunst aus dem Geist des Bossa Nova: Beatriz Milhazes in ihrem Atelier in Rio de Janeiro (Porträt: Reto Guntli)
