Ausgabe: 03 / 2007
Seite: 90
Existenzielle Experimente
Von Gerhard Mack
Die Fondation Beyeler zeigt die Modernität des norwegischen Malers BASEL/RIEHEN: EDVARD MUNCH
Wer für seine Ängste, Einsamkeit und Eifersucht Ausdruck sucht, findet sie in den Bildern, die der norwegische Maler Edvard Munch (1863 bis 1944) vor allem in den Jahren vor und nach der Wende zum 20.
Jahrhundert gemalt hat. Den Abgründen der Seele, die Henrik Ibsen und August Strindberg in Dramen gestalteten, die in Wien Sigmund Freud analysierte, gibt er Gesichter und Haltungen. Auf seinem weltberühmten "Schrei" dröhnt stumm die Not einer Existenz, die ihren traditionellen Halt verloren hat. Das nackte Mädchen auf dem Bett, das mit dem riesigen Schatten an der Wand Pubertät verkörpert, der Mann, der am Strand melancholisch den Kopf in die Hand stützt, während weit hinten ein Paar spaziert, sind Chiffren für die Befindlichkeit des modernen Menschen. Da die Probleme von damals in anderer Form auch heute durchlebt werden, ist es kein Wunder, dass Munch immer wieder Konjunktur hat. Vor vier Jahren zeigte die Albertina in Wien eine große Retrospektive, vor einem Jahr das Museum of Modern Art in New York, jetzt versammelt die Fondation Beyeler 180 Werke des Norwegers.
Zwar ist man stolz darauf, dass "vielleicht 15 bis 20 Prozent noch nie oder sehr selten gezeigt worden sind", wie Kurator Dieter Buchhart sagt. Aber mit dieser Fleißarbeit will man sich nicht begnügen. Während in Wien "Thema und Variation" im Zentrum standen, in New York eine eng gehängte Best-of-Liste aus dem Munch Museum und der Nationalgalerie Oslo zu sehen war, will man in Riehen einen neuen Blick auf den Künstler werfen.
"Wir wollen zeigen, was die Modernität Munchs eigentlich ausmacht", sagt Buchhart, der über Munch promoviert und 2003 in Wien mitkuratiert hat. Immerhin habe sich der Norweger entgegen dem allgemeinen Trend für die Figuration entschieden. Sieben Kapitel fächern die Radikalität des Malers auf. Im Frühwerk der 1880er Jahre attackierte er die pastos gemalten Bilder mit dem Spachtel, später setzte er sie, teilweise bis zur Zerstörung, Wind und Wetter aus. In seiner impressionistischen Phase ließ er die Figuren fast im Umraum verschwinden.
Der berühmte Lebensfries, der in der experimentellen Berliner Zeit der 1890er Jahre entstand, ist als offenes System aus variablen Elementen konzipiert. Mit der Druckgrafik trieb Munch anschließend in Paris die Flächigkeit seiner Bilder voran.
Landschaften schaffen symbolische Bezüge. Nach seinem Zusammenbruch in Kopenhagen 1908 übersetzte er Mehrfachbelichtungen, Blitzlicht und andere fotografische Effekte in die Malerei. Dass diese Entwicklung auch anhand von Hauptwerken wie "Madonna", "Pubertät", "Kuss" und "Vampir" aufgezeigt wird - der heimgekehrte "Schrei" darf das Munch Museum nicht verlassen -, versteht sich bei Beyeler fast von selbst.
Termin: 18. März bis 15. Juli. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 45 Euro. Internet: www.beyeler.com
