Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 58-64
Der Zeitgeist-Macher
Von Sandra Danicke
Ob Wirtschaftsmagazine, Badearmaturen oder Kindermode - Mike Meiré macht aus schnöden Alltagsprodukten heiße Kultobjekte. Der Kölner Designer sprengt auch berufliche Konventionen und arbeitet mal als Art Director und Marken-Entwickler, dann wieder als Kurator, Künstler und Fotograf. Zu Besuch bei einem meditierenden Multitalent
Die Tür geht auf, und sein erster Weg führt zum Fenster. Nicht wegen der fantastischen Aussicht, die der repräsentative Schauraum auf die Dächer der Kölner Innenstadt bietet - das Licht stimmt nicht. Mike Meiré korrigiert die Jalousien. Er sei eben sehr abhängig von Räumen, sagt der Mann, den man mit der Berufsbezeichnung Designer nur sehr unzureichend charakterisiert. Man solle sich übrigens nicht täuschen lassen: Arbeiten könne er in einer so auf geräumten und coolen Atmosphäre überhaupt nicht, erklärt er, und zeigt das Foto einer voll gestellten Fabrikhalle in Köln-Ehrenfeld:
"Das ist meine Spielwiese", hierher, ins Büro, komme er nur für Termine.
Es gab Zeiten, da war Mike Meiré begeistert von den strengen Strukturen des Bauhauses. Heute entwirft er Küchenscheunen, in denen das Chaos Programm ist, predigt die Viel falt von Materialien, Formen und Farben und schwärmt von Künstlern, die dem Betrachter physische Erfahrungen vermitteln. Wahrhaftigkeit, so Meiré, sei wichtiger als Perfektion.
Es ist mittlerweile 20 Jahre her, dass Mike Meiré zusammen mit seinem Bruder Marc die Agentur Meiré und Meiré gründete. Das Ziel war eine ganzheitliche Kommunikationsstrategie, die sämtliche kreativen Disziplinen umfasst. Ein Büro, das sich mit Typografien genauso beschäftigt wie mit Architektur, Mode, Theater, Musik und nicht zuletzt bildender Kunst. Inzwischen ist Mike Meiré in seiner Branche ein Star - auch weil er seine Branche selbst definiert hat.
Fragt man Meiré, was genau er eigentlich macht, antwortet er schnell und ohne zu zögern: Art Director, Brand Director, Kurator, Designer, Künstler und Fotograf sei er, nebenbei mache er Architektur und veranstalte Modenschauen für "Strenesse". Natürlich arbeite er nahezu ununterbrochen; man glaubt es ihm sofort. In seinen unterschiedlichen Disziplinen tritt Meiré wahlweise unter seinem eigenen Namen, dem seiner Agentur oder der von ihm gegründeten Kulturproduktionsfirma Neo Noto auf. Bekannt wurde der Kölner (Jahrgang 1964) vor allem mit seinem Editorial Design für das Wirtschaftsmagazin "Brand eins": ein klares, übersichtliches Layout mit viel unbedrucktem Papier und großen, oft Seiten füllenden Fotos, die nicht selten von Künstlern gemacht werden. Eine Gestaltung, die stilbildend wirkte, obwohl die Bildästhetik alles andere als perfekt anmutet.
Für eine unscharfe, grobkörnige, jedoch sehr atmosphärische Fotostrecke mit seinen zwei Söhnen, die Meiré für das ebenfalls von ihm betreute Magazin "Kid's Wear" selbst fotografierte, wurde das Multitalent 2006 bei den Lead Awards in Hamburg ausgezeichnet.
Fotografieren kann er also auch. In erster Linie aber macht Mike Meiré Marken "bedeutsam". Brand Coding nennt er die Strategie, sich im Namen eines Unternehmens bestimmter Codes zu bedienen. Werden diese von den anvisierten Szenen entschlüsselt, hat die Marke das Potenzial, "Kult" zu werden. Hierfür veranstaltet man kulturelle Events, Ausstellungen oder Performances mit progressivem Charakter. "Es geht um das Herausarbeiten einer charismatischen Präsenz", erklärt Meiré, da müsse man auch mal etwas wagen.
Die Grenzen des Machbaren auszuloten, ist Mike Meiré ein inneres Bedürfnis.
Deshalb will er zum Beispiel ein Porträt auf den Titel von "Kid's Wear" bringen, das die Künstlerin Nan Goldin vom Sohn einer Bekannten gemacht hat und das nach Meinung einiger Redaktionsmitglie der miss verständliche sexuelle Signale aus sendet:
Der Junge trägt weiße Unterhosen und eine Art Baseballjacke über der Schulter. Für Meiré ist es eine normale Kinderpose, vor allem aber "ein Wahnsinnsfoto, ein Traum".
Spricht Mike Meiré über seine Arbeit, dann wird er zum Enthusiasten, springt ein ums andere Mal vom Stuhl auf, holt eine Publikation nach der anderen hervor ("Das müssen Sie sehen!"), und die branchentypischen Anglizismen wie Content, Credibility oder Identity sprudeln ebenso aus ihm heraus wie selbst erfundene, selbstredend englische Slogans: "Design follows Dignity" sei sein Motto, verkündet Meiré, eine Formel, die sich nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt: Design folgt Würde klingt eben nicht so griffig. Mit der Begeisterung eines Kindes schwärmt der Gestalter von seinen Projekten, von den frühen neunziger Jahren, in denen die Kunden das Geld mit vollen Händen ausgegeben hätten, von einem geprägten Papier, das er in Italien entdeckt hat ("Oooch, wie das knistert"), von Lieblingskünstlern wie Damien Hirst und von Menschen wie Andreas Dornbracht, seinem größten Kunden.
Dornbracht ist Leiter eines Unternehmens, das vornehmlich Badezimmer- Armaturen herstellt; er ist der Auftraggeber, von dem Meiré immer geträumt hat. Einer, der mutig genug ist, auf Meirés Instinkt zu vertrauen. Einer, der daran glaubt, dass man mit Kunst sogar Wasserhähne und Brauseköpfe verkaufen kann.
Als Meiré ihm vor rund zehn Jahren vorschlug, statt eines konventionellen Produktkatalogs ein Kunstmagazin namens "Statements" zu produzieren, als er dafür den jungen Fotografen Jürgen Teller beauftragte und dieser eine nackte Frau fotografierte, die mit Duschkopf in einer Badewanne liegt, war nicht nur die Fachwelt zunächst empört. "Es war der Hammer", sagt Meiré heute und: "Es war ein Alptraum." Die Dornbracht- Mitarbeiter waren entsetzt, Assoziationen von Porno bis zum in der Wanne ertrunkenen Politiker Uwe Barschel kamen auf, man bekam eine Abmahnung von der Kirche, der deutsche Werberat wollte das Magazin einstampfen lassen, erzählt der Designer, und Dornbracht senior fürchtete um seine Firma. Grundlos, wie sich herausstellen sollte - das Magazin wurde ein Erfolg; aus einem "low interest product" (Armaturen) war ein "high interest product" geworden. Künftig entschloss man sich, die publizierten Künstler zusätzlich mit Präsentationen bekannt zu machen. Es folgten Ausstellungen mit Rosemarie Trockel, Katharina Grosse, Gregor Schnei der oder Yves Netzhammer. Zur 50. Biennale in Venedig 2003 präsentierte Dornbracht gar riesige Skulpturen von Steven Gontarski, Marc Quinn und Thomas Rentmeister.
Die begleitenden Publikationen wurden von Mal zu Mal aufwändiger, zuletzt mit unterschiedlichen, teilweise geprägten Papieren, denn die Haptik sei "wahnsinnig wichtig", findet Meiré. Früher sei er ein Minimalismus- Verfechter gewesen, mittlerweile propagiert er das Gegenteil: "Dass man zum Beispiel in Küchen nur noch einen Espresso hinstellen darf, damit es gut aussieht und man selber die Optik eigentlich stört, ist absolut fragwürdig." Deshalb hat er für Dornbracht mit "The Farm Project" eine Küche entwickelt, in der Rebhühner neben Totenkopf-Skulpturen hängen und Kupferpfannen neben Wellblechwänden und bunten Perlenketten.
Ja, er sei auf dem Country-Trip, erklärt der Gestalter, und das Gebastelte, Improvisierte interessiere ihn momentan am meisten. Bereits als Jugendlicher sei er ein Frickler gewesen, sagt Mike Meiré, der in seiner Freizeit meditiert und "manisch" Sonnenuntergänge fotografiert. Stundenlang habe er als Teenager sein Mofa frisiert. Heute erfindet er so neben bei mal ein "Energetic Recovery System", eine Art Multimedia-Waschstraße zur körperlichen und geistigen Reinigung, oder eine Badewanne mit weichem Latexbett. Nur Designer zu sein war Mike Meiré stets zu wenig. "Auch in der Werbung habe ich mich nie wohl gefühlt", gesteht der Gestalter, der am liebsten Künstler geworden wäre. "Deshalb musste ich mich irgendwo dazwischen einrichten." Meiré ist ein Kontrollfreak, einer, der lieber rund um die Uhr arbeitet, als anderen blind zu vertrauen. Das sei auch der Grund, dass sämtliche Pläne, Meiré und Meiré zu einer großen Agentur auszubauen, letztlich "grandios gescheitert" sind. Vor sechs Jahren sei man mit hochfliegenden Plänen in diese repräsentative, 1000 Quadratmeter große Etage mit dem grandiosen Ausblick in der Kölner Spichernstraße gezogen. "Dann habe ich gemerkt:
70, 80 Leute kann ich nicht kontrollieren." Mike Meiré steht auf, sein Blick schweift durch den riesigen Raum, der schön ist, doch ohne Aura. "Alles völlig gaga", murmelt der Mann, setzt die Designerbrille auf und entschwindet zur Tür.
Für die Firma Dornbracht entwickelte Meiré 2006 das "Farm Project", eine funktionale Küche im Scheunenlook
Mike Meiré im Selbstporträt:
"Es geht um das Herausarbeiten einer charismatischen Präsenz"
Das Chaos ist Programm, bunte Vielfalt wichtiger als Perfektion
Meiré in seiner Kölner Werbeagentur:
Früher begeisterte ihn die Bauhaus- Strenge, jetzt steht er auf Selbstgebasteltes (Foto: Andreas Teichmann)
Übersichtliches Layout mit viel unbedrucktem Papier: Meirés "Brand eins"-Konzept wirkte stilbildend in der Branche
"Brand eins"-Titel von der Erstausgabe und Heften aus 2004 und 2006: Typografie als ganzheitliche Kommunikationsstrategie
Meirés selbst erfundenes Motto lautet "Design follows Dignity"
Jürgen Tellers Skandalfotos im Dornbracht- Magazin "Statement 01": "Mit Kunst Wasserhähne verkaufen"
Für seine Fotostrecke in "Kid's Wear", mit den eigenen Söhnen inszeniert, wurde Meiré 2006 mit dem Lead Award geehrt
Verschiedene Titelgestaltungen der Zeitschrift "Kid's Wear": immer wieder die Grenzen des Machbaren ausloten
Kulturtransfer à la Meiré: Dornbracht ist Sponsor der Körperkunst-Schau im KW-Berlin



