Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 121
Robert Wilsons magische Bildwelten
Von Till Briegleb
Ein texanischer Junge wird zum gefeierten Künstler und Theatermacher - eine spannende Biografie BUCH DES MONATS
Waco in Texas ist klein, aber berühmt. Komiker Steve Martin wurde hier geboren, George W. Bushs Ranch liegt in der Nähe, und David Koreshs Davidianer-Sekte hatte1993 ihr Shoot-out mit dem FBI in Waco. Doch es ist Robert Wilson, der am konsequentesten das Bild der Kleinstadt in die Welt trägt. Seine rätselhaften Inszenierungen, Performances und Zeichnungen entwickelt das Multitalent stets aus dem Schatz seiner Kindheitserinnerungen. Der Himmel über Texas, einzelne prägnante Bauwerke, Begegnungen mit Tieren im Zoo oder Wilsons Leiden an seiner kaltherzigen Mutter bestimmen seit den sechziger Jahren den Kosmos symbolischer Kunst, mit dem Wilson vor allem in Europa verstanden und geliebt wird.
Die Dokumentarfilmerin Katharina Otto-Bernstein hat Wilson nun fünf Jahre lang mit der Kamera begleitet, hat zahlreiche Interviews mit Weggefährten und Beobachtern seiner Karriere geführt und daraus neben einem Film auch eine umfangreiche Monografie gemacht. "Absolute Wilson" erzählt den Weg des sprachgestörten Jungen aus der erzkonservativen Provinz nach New York, seine prägende Begegnung mit dem Autisten Christopher Knowles, seine Entwicklung vom unsicheren Maler zum selbstbewussten Jet- Set-Künstler und Theatermacher, und bringt seine Erfahrungen in Bezug zu seiner enigmatischen Kunst. Die ruhige Kraft der Bilder, die Wilson beschwört, wird durch das reiche Fotomaterial entschlüsselt, aber nie seiner Magie beraubt.
Allerdings: Eine Fremdenverkehrswerbung für Waco ist der Band nicht. Denn Wilsons Kunst ist die träumerische Gegenwelt zu der aggressiven, intoleranten Südstaaten-Mentalität seiner Heimat.
Robert Wilson: Bühnenbild aus "The Black Rider" (1990)
Katharina Otto-Bernstein:
Absolute Wilson. The Biography.
Prestel Verlag. 272 S., 621 Abb., 59 Euro
