Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 85
Bewegte Bilder vom "Färberchen"
Von Merten Worthmann
Die erste Werkschau des venezianischen Manieristen außerhalb seiner Heimatstadt MADRID: TINTORETTO
Mut gehört schon dazu, sich als Museum eine Tintoretto-Ausstellung zuzutrauen. Denn eigentlich kann man dabei nur verlieren. Schließlich tritt jede Schau automatisch gegen die immer währende Dauerausstellung an, die Venedig dem Renaissance- Künstler in der Galleria dell' Accadémia und in zahlreichen Kirchen ausrichtet. Jacopo Robusti, 1518 in Venedig geboren und Tintoretto (Färberchen) genannt in Anspielung auf den Beruf des Vaters, verließ seine Heimatstadt bis zum Tode 1594 kaum. Von den zahlreichen monumentalen Werken, die er vor Ort für zivile oder kirchliche Gebäude malte, sind nur die wenigsten ausleihbar.
Nun hat der Madrider Prado dennoch eine stattliche Ausstellung zusammengetragen.
Im Katalog hebt Kurator Miguel Falomir ausdrücklich hervor, es handele sich dabei um die erste umfassende Retrospektive zu Tintoretto außerhalb von Venedig. Dort hatte es bereits einmal eine Gesamtschau gegeben - das ist aber schon 70 Jahre her. In Madrid sind jetzt knapp 50 Gemälde sowie ein Dutzend Zeichnungen zu sehen.
Tintoretto war ein ausgesprochener Vielmaler, der mit allen Mitteln versuchte, immer mehr und bedeutendere Aufträge und Auftraggeber an Land zu ziehen.
Er unterbot die Preise von Konkurrenten und rationalisierte den eigenen Werkstattbetrieb, um im damaligen Künstler- Ranking aufzusteigen. Zunächst galt Tizian, rund 30 Jahre älter, noch als die führende Figur unter Venedigs Malern.
Tintoretto war darauf aus, dessen Nachfolge anzutreten.
Er blieb den christlichen und antiken Motiven der Renaissance zwar weitgehend treu, dramatisierte allerdings schon früh die Bildsprache der Epoche. Statt ausgewogener Kompositionen bevorzugte Tintoretto effektvolle Arrangements voll abenteuerlicher Perspektiven, wirbelnder Körper und monumentaler Kulissen. Er ließ deutlicher als seine Vorgänger den eigenen Pinselstrich erkennen und brachte so die ohnehin bewegten Bilder noch mehr in Bewegung. Vor allem die christlichen Legenden wurden von ihm aufbrausend und leidenschaftlich neu inszeniert - passend für eine Zeit, in der die Kämpfe zwischen Reformation und Gegenreformation gerade manche Glaubensgewissheit ins Wanken gebracht hatten.
In seinem Werk trifft der glühende Ehrgeiz auf einen fiebrigen Kunstmarkt und der sprühende Einfallsreichtum auf großes religiöses Drama. Erst im Zusammenprall dieser verschiedenen Energien konnte Tintorettos magischer Manierismus entstehen.
Termin: 30. Januar bis 13. Mai.
Katalog: Verlag El Viso, 30 Euro (auch auf Englisch erhältlich). Internet: http://museoprado.mcu.es
