Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 84

Botschaften in dekorativen Hüllen

Von Susanne Altmann

Der Künstler und Kunstvermittler zeigt Rückblenden auf die fünfziger Jahre LEIPZIG: TILO SCHULZ

Gemächlich fährt eine schwarze Skulptur aus Metallrohr durch den Ausstellungsraum, vorbei an ornamental-abstrakten Wandverzierungen. Dann verschwindet sie in der Trennwand und taucht im letzten Raum plötzlich als Regal für kleine Keramikobjekte wieder auf. Der Leipziger Künstler Tilo Schulz (Jahrgang 1972) lässt den Besucher in seiner Schau "Formschön" zunächst im Unklaren: Befinden wir uns in einem Einrichtungshaus mit Retro- Charme oder geht es hier tatsächlich um bildende Kunst?

Alles Absicht, erklärt der Künstler, der die Gattungsgrenzen zwischen autonomer Kunstproduktion und Formgestaltung nicht akzeptieren mag. Über Jahre entwarf er poppige Tapeten mit didaktischen Beschriftungen - schließlich versteht er sich auch als Kunstvermittler.

Für die flexible Architektur des flachen Pavillons der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig nun inszeniert Schulz eine Serie von Rückblenden auf die fünfziger Jahre und die damaligen Debatten um Inhalt und Form. Während der Kommunismus auf Erziehung durch Figuration setzte, hatte in der Westkunst Abstraktion Hochkonjunktur. In diesem Sinne stellt Schulz seinen großspurigen Wandmalereien denn auch Propagandasprüche des Formalismusstreits gegenüber.

Die reine Form wird als dekadent verdammt. Wenn allerdings diese alten Slogans aus den Mündern von aktuellen Manga-Figuren kommen, wirken sie dann doch wieder ziemlich frech.

Seine kritischen Botschaften verpackt Schulz gern in dekorative Hüllen.

Der raumfüllende Holzperlenvorhang aus 65 000 Kugeln und 18 000 Metern Schnur wirkt wie ein netter Design-Gag - bis er sich als Schriftzug "Cold War" entpuppt und wieder zum Thema kultureller Machtspiele zurückführt. Ein diskreter Seitenhieb auf männlich-weibliche Rollenklischees darf in Schulz' Konzept da auch nicht fehlen. Ein mit rund 25 Vasen und diversem Geschirr bestücktes Kabinett am Schluss des Parcours erinnert an die deutsche Porzellangestalterin Ursula Fesca (1900 bis 1975). Denn ihrem weiblichem Verschönerungswillen mit Bauhauswurzeln gebührt, so Schulz, mindestens der gleiche Ruhm wie den männlichen Pinselhelden.

Termin: 19. Januar bis 9. April. Katalog: 18 Euro.

Internet: www.gfzk.de