Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 86
Eine Epoche wird rehabilitiert
Von Almuth Spiegler
Die These der Großausstellung: Die Wurzeln der Moderne liegen im Biedermeier WIEN: BIEDERMEIER - DIE ERFINDUNG DER EINFACHHEIT
Sie könnten aus der Wiener Werkstätte um 1900 und auch aus einem Alessi-Katalog des 21. Jahrhunderts stammen, so radikal auf ihre Grundformen reduziert sind die silbernen Kaffeekannen, Zuckerdosen, Pfeffer- und Salzstreuer oder Schalen. In Wirklichkeit entstanden sie Anfang des 19.
Jahrhundert in einer Epoche, die landläufig mit bürgerlicher Behaglichkeit und Spießertum verbunden wird - im Biedermeier.
Ganz und gar nicht bescheiden soll jetzt das gern geschmähte Biedermeier wieder auferstehen und rehabilitiert werden: Anhand von rund 450 Gemälden, Möbeln, dekorativer sowie angewandter Kunst versucht die Wiener Albertina mit bisher noch nie da gewesener Konzentration die "Erfindung der Einfachheit" zu dokumentieren und die Entstehung recht präzise rund um das Jahr 1820 festzulegen.
In den sachlichen Entwürfen und der bis zur geometrischen Abstraktion reichenden schlichten Ornamentik dieser Zeit vermeint man nämlich die Wurzeln der Moderne verankert zu sehen.
Dieser neu entdeckte Purismus wird ab Ende März auch im Wiener Palais Liechtenstein beschworen, mit einer Biedermeier- Schau aus der eigenen Sammlung.
Zu sehen ist unter anderem das von den fürstlichen Sammlungen nach und nach angekaufte Porzellan der Familie Bloch- Bauer.
Nicht nur formal sind in der Hochzeit des Biedermeiers Verweise in Richtung Moderne zu finden. Auch inhaltlich machte sich hier neben den vorherrschenden, fast fotorealistischen Porträts und Landschaften eine neue Orientierung bemerkbar: In einer Serie von vier Bildern hielt der Berliner Perspektive- Spezialist Johann Erdmann Hummel 1831 das Schleifen, Polieren und Aufstellen der Granitschale im Lustgarten vor dem Alten Museum in Berlin fest - über 40 Jahre vor Adolph Menzels "Eisenwalzwerk" (1875), das allgemein als eine der ersten Industriedarstellungen gilt.
Durch die vereinten Kräfte der kooperierenden Institutionen Milwaukee Art Museum (wo die Schau zuvor zu sehen war), Deutsches Historisches Museum Berlin sowie Louvre in Paris konnten für "Die Erfindung der Einfachheit" teils noch nie gezeigte Exponate Dutzender Leihgeber aus ganz Europa ausgeforscht werden.
So ist auch ein guter Überblick gegeben über die auffälligen parallelen Entwicklungen der biedermeierlichen Formen in den verschiedenen Ländern.
Termin: 2. Februar bis 13. Mai. Danach: Deutsches Historisches Museum, Berlin, 8. Juni bis 2. September.
Katalog: Hatje Cantz Verlag, 49,80 Euro.
Internet: www.albertina.at
