Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 89
Missionare mit Pinsel und Palette
Von Manfred Schwarz
Das Von-der-Heydt-Museum zeigt Arbeiten der französischen Freiluftmaler WUPPERTAL: ABENTEUER BARBIZON
Wie Revolutionäre sahen sie eig entlich nicht aus, eher schon wie biedere Handwerksleute. Mit ihren buschigen Bärten und ernsten Gesichtern hätte man sie auch für Missionare halten können, die irgendwo am spröden Ende der Welt ihrem frommen Tagewerk nachgehen. Damit würde man nicht einmal ganz falsch liegen. Denn die Maler von Barbizon, die seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts die Großstadt flüchteten, um in der rauhen Natur zu malen, auf dem einfachen Land, die in den Häusern von Bauern lebten - diese französischen Maler haben sich auch als Missionare verstanden. In Paris aber hat man in ihnen vor allem Bilderstürmer gesehen. Und genau das sind sie damals auch gewesen.
Es ist heute nicht leicht, die Erschütterungen nachzuvollziehen, die das Auftreten der Schule von Barbizon im Frankreich des mittleren 19. Jahrhunderts auslöste. Dass sie so viel Spott und Ablehnung ernteten, wird man auf den ersten Blick ebenso wenig erfassen können wie die einstige Modernität dieser meist kleinformatigen, wie beiläufig wirkenden Landschaftsgemälde. Spektakuläres ist nicht zu erkennen. Diese Landschaften sind nicht geheimnisvoll, erzählen keine Geschichte. Sie sind nur Landschaften, nichts sonst, "ein kleiner Zipfel der Natur", wie ihr Zeitgenosse, der Schriftsteller Charles Baudelaire einmal höhnte. Denn erst die Imagination, so hatte er erklärt, macht eine richtige Landschaft aus.
Diese Maler aber wollten nichts erfinden.
Ihnen ging es darum, die Natur möglichst so zu malen, wie man sie tatsächlich sehen kann. Draußen, auf dem Land bei Barbizon, im Wald von Fontainebleau, unter freiem Himmel. Sie waren es, die lange vor den Impressionisten die Freilichtmalerei einführten, die das Motiv vom literarischen Vorwurf befreiten und nicht zuletzt die heimische, ganz unklassische Landschaft als bildwürdigen Gegenstand etablierten. All dieser erdenschwere Realismus war einmal neu und aufregend - revolutionär. Die große Ausstellung in Wuppertal - rund 300 Werke hat man versammelt - will gerade jene Aufbruchstimmung wieder spürbar machen.
Deshalb sieht man hier nicht nur die Landschaftsgemälde von Camille Corot und Gustave Courbet, von Jean-François Millet, Charles-François Daubigny und Jacques Rousseau. Daneben sind die weit weniger bekannten Fotografien zu entdecken, die ebenfalls in der Umgebung von Barbizon entstanden. Denn dort zog es nicht nur die Maler hin.
Zunehmend kamen Ausflügler aus der Großstadt hinzu, Bürger mit der Sehnsucht nach Sommerfrische. Eine neue Eisenbahnlinie machte das möglich. Und im neuen Medium der Fotografie wurde die steigende Nachfrage nach Souvenirs, nach Ansichten der Landschaft befriedigt.
Maler und Fotografen arbeiteten hier vor den gleichen Motiven. In Wuppertal kann man die Blicke vergleichen, die sie auf die Landschaft warfen, und man kann sehen, wie sie sich wechselseitig inspirierten. Auch die Maler griffen auf das Bildmaterial der Fotografen, wenn sie etwa eine Ölstudie, die vor Ort entstanden war, im Atelier erweitern oder korrigieren wollten. Denn die Nachfrage stieg, ein Markt entstand: Barbizon, dieses verschlafene Provinznest, war plötzlich en vogue.
Termin: 4. Februar bis zum 6. Mai. Gefördert von der Brennscheidt-Stiftung und der Stadtsparkasse Wuppertal. Katalog: 20 Euro.
Internet: www.von-der-heydt-museum.de/
