Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 88

Im Zustand moralischer Panik

Von Hans Pietsch

Die beiden Brüder zeigen in in der Tate Britain eine neue Installation aus sinnlosen Maschinen, und die Tate Liverpool richtet ihnen eine Retrospektive aus LONDON/LIVERPOOL: JAKE & DINOS CHAPMAN

Bei jeder neuen Schau, die Jake und Dinos Chapman planen, fragt sich die Kunstwelt: Was wird ihnen dieses Mal einfallen? Denn den beiden bösen Buben der englischen Kunstszene fällt es schwer, nett zu sein. "Wenn unsere Plastiken gelungen sind", sagen die Brüder, "dann reduzieren sie den Betrachter auf einen Zustand absoluter moralischer Panik ... Sie sind ein echter ein Dorn im Auge." Wie die provokante Installation für ihren neuen Raum in der Tate Britain.

Ausgehend von ihrer Arbeit "Little Death Machine (Castrated)" von 1993 (eine Anspielung auf den französischen Begriff "la petite mort" - der kleine Tod - für den Orgasmus), die sich im Besitz der Tate befindet, bauten sie sinnlose Maschinen, die grundlegende menschliche Tätigkeiten wie Atmen, Denken und Sex darstellen. Auch hier wieder der für sie typische schwarze Humor und der subversive Umgang mit der Kunstgeschichte, in diesem Fall dem Surrealismus.

Doch die Notwendigkeit, ständig Grenzen der Moral und des Geschmacks zu überschreiten, entspringt bei ihnen nicht nur dem Spaß zu schockieren. Es geht ihnen ganz pathetisch um die Erkenntnis der menschlichen Natur. Ihre Kunst zeigt eine Welt ohne Ordnung, Logik und Vernunft. Nicht umsonst nennen sie ihre gleichzeitig in der Tate Liverpool stattfindende Retrospektive "Bad Art for Bad People" ("Schlechte Kunst für schlechte Leute"). Kurz nach Beendigung ihres Studiums am Londoner Royal College of Art begannen die Brüder mit der gemeinsamen Arbeit. "Wir haben ein aggressives Verhältnis zueinander", sagen sie. "Wie Austern brauchen wir Sand, um eine Perle zu schaffen." 1993 erregten sie mit "Disasters of War" ("Schrecken des Krieges") erstes Aufsehen. Ihre Hommage an die gleichnamige Grafikserie des Spaniers Francisco de Goya (1746 bis 1828) bestand aus 83 winzigen Skulpturen, die dessen brutale Kriegsgräuel in die dritte Dimension überführten - abgehackte Gliedmaßen, aus aufgerissenen Bäuchen quellende Eingeweide, kopflose Körper, an den Füßen aufgehängte Leichen, dargestellt mit verfremdeten Zinnsoldaten.

Ihre Beschäftigung mit Goya geht bis heute weiter. In Liverpool zeigen sie eine weitere Grafikserie des spanischen Meisters, "Los Caprichos", deren 80 Blätter sie mit Clownsmasken und Kaninchenköpfen verunstaltet haben. Goyas Grafiken machten sich über die Madrider Gesellschaft lustig, die Brüder lachen über unsere Verehrung Alter Meister wie Goya, dessen Werk sie gleichzeitig bewundern.

Daneben zeigen sie einige ihrer mit Penisnasen und Vaginamündern verfremdeten nackten Schaufensterpuppen sowie aus Pappe und Toilettenrollen gebaute Dinosaurier, eine grinsende Neuauflage ihrer berüchtigsten Arbeit "Hell" ("Hölle", 1999), die bei einem Feuer in einem Kunstlager verbrannt war.

Die jüngsten Arbeiten der Schau in Liverpool sind weniger als zwei Monate alt, ihre Farbe ist kaum trocken. Auf der letzten Londoner Kunstmesse "Frieze" im Oktober 2006 malten die beiden in einem Behelfsatelier wie am Fließband über 100 Porträts von Messebesuchern, die sich den Spaß, einen echten Chapman zu besitzen, 4500 Pfund kosten ließen.

Dicht an dicht hängen die grotesken kleinformatigen Ölbilder im letzten Raum der Schau, an den Wänden des aus Holz gezimmerten Ateliers: hier ein Kopf mit zwei Segelohren, dort mit einer knallroter Clownsnase. Ähnlichkeit mit den Modellen ist Nebensache. Der Titel der Serie "Painting for Pleasure and Profit" könnte es nicht deutlicher sagen: "Malen aus Freude und zum Profit".

Termin: bis 4. März, Tate Liverpool; 30. Januar bis 10. Juni, Tate Britain. Gefördert von The Henry Moore Foundation und Esmée Fairbairn Foundation.

Katalog: 19,99 Pfund (für beide Ausstellungen).

Internet: www.tate.org.ukw