Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 48-57

Neues aus der Zwischenwelt

Von Till Briegleb

Ein Künstler dürfe im Grunde nicht glücklich sein, sagt Michaël Borremans. In seinen Gemälden spielt der belgische Maler verschiedene Varianten von Schwermut durch - in traumartigen, rätselhaften Szenen

Auf die Frage, warum er ausgerechnet in Gent lebt und arbeittet, erhält man von dem belgischen Künstler Michaël Borremans eine merk würdige Antwort: "Wegen des Wetters. Der Regen fällt hier so schön weich." Dabei deutet er vor sein Haus in den Nieselvorhang, der sich den ganzen weiteren Tag nicht heben wird, und lächelt: "Das macht außerdem ein schönes Licht." Düstergrau?

Ein schönes Licht? Michaël Borremans meint das ernst. Und wer die gebrochene Farbigkeit seiner Gemälde und Zeichnungen kennt, kann auch nicht wirklich verdutzt sein.

Blass bis dunkel, mit einer Vorliebe für Grün und Braun vermitteln seine meist kleinformatigen Werke tatsächlich eine nachhaltige Prägung durch atlantische Tiefausläufer.

Auch den Menschen, die Borremans malt, ist das sonnige Gemüt eher fremd. Ihre Köpfe sind meistens gesenkt, die Augen geschlossen oder nicht zu sehen, ihre Tätigkeiten von einer bedrohlichen Rätselhaftigkeit bestimmt.

In "The Pupils" ("Die Schüler", 2001) untersuchen junge Männer in Monteurskitteln andere Personen, die mit zurückgelegtem Kopf unter ihnen liegen, wobei Tränenflüssigkeit aus ihren Augen in das Auge der Probanden läuft. "Four Fairies" ("Vier Feen", 2003) zeigt vier Frauen in der ge beugten Gehorsamshaltung alter bürgerlicher Lehranstalten, die aber bis zum Bauchnabel in einem Ölbecken sitzen. Und in der Trickland- Serie (2002) variiert Borremans das Motiv einer großen, dunklen Modelllandschaft, auf der entweder eine Gruppe von Frauen Miniaturbäumchen pflanzt oder eine schemenhafte Gruppe von Männern in die Betrachtung versunken sitzt.

Der Erfinder dieser düsteren Szenerien erinnert allerdings zunächst in Nichts an den melancholischen Weltschmerz- Künstler, den man nach seinen Werken erwarten würde. Michaël Borremans ist ein herzlicher und unkomplizierter Gastgeber, lächelt bei jeder Gelegenheit und ist auffallend wohl erzogen.

Bei einer Führung durch sein 1000 Quadratmeter großes Wohnund Atelierhaus muss Borremans allerdings auch bald auf die negativen Begleiterscheinungen des Klimas zu sprechen kommen. In einigem Abstand zum komplett erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern, für den Gent so berühmt ist, hat sich der Maler in einem eher unansehnlichen Arbeiterviertel einen leer stehenden Schreinerbetrieb umgebaut. Die großen Tore zu einem Hinterhof ließ er komplett verglasen, doch leider fand der weiche Regen seinen Weg zwischen altem Mauerwerk und neuer Rahmung hindurch und zerstörte den neu verlegten Holzfußboden.

In den großen hellen Hallen, in denen er mit Frau und Tochter lebt, herrscht gemütliche Unordnung, neben einem Flügel liegt Kinderspielzeug, ein langer Holztisch und ein Arbeitsplatz für textile Tätigkeiten stehen locker verteilt im Raum, an den Wänden hängen Bilder befreundeter Künstler und von Borremans Frau.

Der Porzellan-Nippes und eine kleine Topfpalme, die man von seinen Bildern "Holy Child" ("Christuskind", 2001) oder "Dragonplant" ("Drachenbaum", 2003) kennt, findet man hier ebenso wieder wie eine große Puppe, die als Vorstudie zu Borremans' erster Videoarbeit diente. Bei der Berlin- Biennale 2006 zeigte er in einem Abstellraum auf einem hochkant gestellten Monitor ein Mädchen, das eben falls in einem Ölbecken stand und um die eigene Achse rotierte. Ge kleidet war die ätherisch wirkende Figur in jenem Stil, den Borremans für die meisten seiner Arbeiten bevorzugt: der Mode der zwanziger bis fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts. "Meine Gemälde sind intensiv beeinflusst vom Film", sagt Borremans, "vor allem von dem suggestiven Element alter experimenteller Filme und von Hitchcock. Deswegen ist es für mich interessant, vom Malen zurück zum Film zu kommen." Weitere Projekte werden folgen, die sich formal ebenfalls auf existierende Gemälde beziehen werden.

Die spezielle altertümliche und farbreduzierte Atmosphäre, die Liebe zum Unheimlichen und Rätselhaften endet bei Borremans - ähnlich wie in der surrealistischen Kunst - allerdings nicht in der Erfindung von Eigenartigem.

Sie ist vielmehr angebunden an eine analytische Weltsicht. "Für mich geht es in meiner Arbeit um universelle Dinge. Es geht um misstrauische Institutionen und um Ideologie. Diese Entwicklung erkennen wir am besten in den dreißiger Jahren. Das ist der Grund, warum ich mich auf diese Zeit beziehe." Viele von Borremans´s Motiven zeigen uniformierte Mensch en, Krankenschwestern, Wissenschaftler in Laborkitteln, Soldaten, Hotelangestellte - und erst in seinen letzten Arbeiten, dem Werkkomplex "Horse Hunting", handelt es sich dabei um in dividualisierte Porträts. "Ich versuche, eine Situation darzustellen mit soziologischen, religiösen oder politischen Bezügen, nicht ein Individuum.

Damit kommentiere ich die menschliche Befindlichkeit, so wie es Brueg hel oder Goya getan haben." Bewusst stellt sich Borremans in die Tradition der Kunstgeschichte. Anklänge an die Renaissancemaler Masaccio und Mantegna sind ebenso aufspürbar wie Verweise auf Caspar David Friedrich, die belgischen Maler James Ensor und Leon Spilliaert oder die Fotoarbeiten von Man Ray. In einem seiner letzten Gemälde, das allein wegen seiner Höhe von 3,60 Metern aus dem bisherigen Borremans-Rahmen fällt, beschäftigt er sich mit dem Porträtgestus von Velázquez. "The Avoider" ("Der Vermeider", 2006) zeigt allerdings statt einer herrschaftlichen Figur in der Landschaft einen barfüßigen Hirten vor einer grauen Wand, dessen Gesichtsausdruck die gelassene Entschlossenheit von Jesus oder des Revolutionshelden Che Guevara aufweist.

Zwei Schatten und zwei Stöcke (ein Holzstock und blass durchschimmernd ein Metallstab) verleihen dem realistisch gemalten Riesen die Aura einer Narretei. Mit dem Schalk des Skeptikers verwirft Borremans den Anspruch auf ein getreues Abbild.

Dieser ironische Umgang mit Wirklichkeit, der in den Gemälden subtil auf tritt, ist in Borremans' Zeichnungen gesteigert bis zur Groteske. Auf dem Aquarell "The Swimming Pool" (2001) ziert das überdimensionale Bild eines nackten Jungen mit vier Einschusslöchern in der Brust die Wand einer Schwimmhalle. Eine Männerhand schreibt ihm den Satz "People must be punished" ("Menschen müssen bestraft werden") auf die Haut. In "Boxing Heads" ("Köpfe in Kästen einpacken", 2000) schneidet ein hemdsärmliger Mann einem Kopf Nase, Augen brauen und Kinn mit einem Messer ab, damit er in eine rote Box passt. Und "Think or Suck" ("Denken oder Lutschen", 1999) zeigt ein haushohes Regal in einer Straße, in dem sich Kinderköpfe reihen, die an Penissen lutschen.

Gewalt und Verrohung bis hin zu Szenen, die eindeutig an ein Konzentrationslager erinnern, werden in diesen absurden Szenarien zum Ausdruck eines großen gesellschaftlichen Unbehagens. Kindesmissbrauch, Kolonialgewalt und neuer Rassismus, die untrennbarer Bestand teil der belgischen Geschichte sind, finden in Borremans' Zeichnungen einen verstörenden Nach hall.

"Bedrohung existiert. Alles kann zusammenstürzen, zu jeder Zeit. Und alles, was wir tun, wird irgendwann in einer unerwarteten Art auf uns zurückfallen.

Es gibt immer diesen Schatten.

Und das versuche ich in meiner Bildlichkeit hervorzuholen", erklärt Michaël Borremans. Da kommt sie dann doch durch, die verregnete Seele.

Denn hinter dem entspannten Auftreten eines erfolgreichen Künstlers rumoren große Empfindsamkeiten. Zum Beispiel, wenn Borremans über Farbe spricht. "Ich habe Angst vor Farben.

Starke Farben sind aggressiv. Sie sind verletzend, so wie zu laute Musik.

Optisch bin ich eine sehr empfindsame Person. Mozart bekam Migräne, wenn etwas schlecht gespielt wurde.

Ich bekomme Migräne, wenn ich schlechte Architektur oder schlechtes Auto-Design sehe." Diese Mischung aus ehrlicher Verletzlichkeit und Sarkasmus wiederholt sich in vielen Aussagen von Borremans über sich selbst, etwa: "Ich bin nicht glücklich. Ein Künst ler sollte nicht glücklich sein, an sonsten wird seine Kunst nicht überdauern." Dann sieht er einen mit leicht schräg gehaltenem Kopf an, fügt mit großem Ernst hinzu: "Ein Künstler sollte schlecht behandelt werden", und lacht.

Spott und Melancholie akzeptiert Borremans als gleichberechtigte Kräfte, und diese ungewöhnliche Kombination führt zu der große Anziehungskraft seiner Bildwelten - die er mit oft bösen Titeln noch unterstreicht. Frauen mit verkrüppelten Händen, die eine Tischplatte polieren, heißen "The Lucky Ones" ("Die Glücklichen", 2002), ein Jugendlicher im Anzug, der sich zwei Äste in die Nase bohrt, ist betitelt mit "Horse Hunting" ("Pferdejagd", 2005), und einen Mann in einer weißen Zwangsjacke, der depressiv zu Boden blickt, nennt Borremans "The Advantage" ("Der Vorteil", 2001).

Seine unheimlich wirkenden Momentaufnahmen von offensichtlich folgen schweren Ereignissen komponiert Borremans meist nach Vorlagen aus dem Internet. Ihm "unfertig" erscheinende Fotografien aus großen Archiven oder zufällige Videostills sammelt er in seinem Laptop, mit dem er sich dann in sein Atelier zurückzieht. Dieses erreicht man über eine Holzleiter durch einen vollgerümpelten Abstellraum im hinteren Teil der ehemaligen Schreinerei - zumindest im Sommer, wenn es in dem scheunenartigen, unverputzten Raum auf dem Dach temperaturmäßig auszuhalten ist. Dort stehen mittlerweile auch viele große Rahmen mit der Leinwand zur Wand, die auf eine neue großformatige Werkphase schließen lassen, aber auf der Staffelei befindet sich ein Kleinformat mit einem Männerkopf. Davor eine exakte Kopie des Motivs auf einem weiteren Rahmen.

Hier ringt der Maler mit dem perfekten Ausdruck, verwirft, übermalt, zerstört. Und hier entwickelt er auch Ideen für Skulpturen, die den starken bildhauerischen Aspekt seiner Gemäldemotive ins Plastische überführen können. Denn ein wesentlicher Leitgedanke in Borremans' Kunst ist die Idee, ein Bild von einem Bild zu machen, um so immer neue Distanz zur Wirklichkeit herzustellen. Ein Foto vergangener Zeit wird zum Rätsel in Öl, das danach in eine Skulptur übertragen werden kann, die als Protagonist eines Films dient. So zeigt sich der Künstler als größter Skeptiker gegenüber der künstlerischen Wahrheit.

Gleichzeitig ist Borremans durchdrungen von einem hohen Kunstideal.

Er, der seine Arbeit selbst als "absurd und romantisch" bezeichnet, beschwört immer wieder die Macht der Schönheit: "Dinge, die über die Jahrhunderte bleiben, sind enorm wirkungsvoll.

Ich würde sagen, Kunst kommt gleich nach der Christianisierung, was ihre Wirkung betrifft." Dann lacht er wieder schelmisch und fügt sicherheitshalber hinzu: "Nein, ich übertreibe." Zum Abschied will Borremans dann noch das Genter Museum für zeitgenössische Kunst, SMAK, zeigen, das mit einer ersten Einzelausstellung seiner Werke im Jahr 2000 maßgeblich am Durchbruch des Künstlers beteiligt war. Auf dem Weg dorthin kommt die Frage auf, was er eigentlich mit dem vielen Geld machen wird, das er verdient, seit seine Gemälde bei amerikanischen Sammlern genauso heiß begehrt sind wie bei europäischen Biennalen. Borremans sieht durch die hin und her huschenden Scheibenwischer seines Kleinwagens und sagt nach einem Moment des Nachdenkens: "Zunächst ermöglicht es mir, frei zu leben, wie ich will.

Dann investiere ich es wieder in die Kunst, zum Beispiel in einen Film.

Und wenn es noch mehr wird, werde ich ein Projekt für junge Künstler in Gent aufbauen." Und hat das Projekt schon einen Namen? Da grinst der Maler ein letztes Mal und sagt: "Bad Weather Project".

Ausstellungen: bis 26. Februar "Reverence", The Hudson Valley Center for Contemporary Art, Peekshill, N. Y. (USA). Literatur: Michaël Borremans. Horse Hunting. Galerie David Zwirner, 2006; Michaël Borremans. The Performance.

Hatje Cantz Verlag, 2005; Michaël Borremans. Zeichnungen. Verlag der Buchhandlung Walther König, 2004. Kontakt: Zeno X Gallery, Antwerpen. Tel. (00 32) 32 16 16 26, www.zeno-x.com; Galerie David Zwirner, New York. Tel. (0 01) 21 27 27 20 70, www.davidzwirner.com

Handarbeit im Ölbecken: Dieses Bild aus dem Jahr 2003 trägt den Rätseltitel "Vier Feen" (110 x 150 cm)

Tränenstrahl von Auge zu Auge: "Die Schüler" (2001, 70 x 60 cm)

Moderne Narrenkappe:

"Mann mit Haube" (2005, 42 x 37 cm)

Gesenkter Blick, rätselhafter Titel:

"Das Wunder" (2001, 65 x 50 cm)

Anklang an Hitchcock: "Amerikanische Schauspielerin" (2001, 20 x 28 cm)

Pullover als Zwangsjacke: Sein beklemmendes Porträt nennt Borremans "Der Vorteil" (2001, 30 x 36 cm)

Die Titel dienen dem Maler dazu, noch mehr Verwirrung zu stiften

"Pferdejagd" heißt dieses Porträt eines jungen Mannes (2005, 130 x 100 cm)

Michaël Borremans in seinem Genter Atelier: Der Maler hat sich eine ehemalige Schreinerwerkstatt umgebaut

Grausiges Aquarell: "Köpfe in Kästen einpacken" (2000, 30 x 21 cm)

Die Liebe zum Unheimlichen beherrscht diese Kunst

Frauentorso mit Faltenrock: Video-Still "Gewicht" (2005)

Ein Wanderer im Stillstand: "Der Vermeider" (2006, 360 x 180 cm)

"Absurd und romantisch" findet der Maler seine Bilder