Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 83

Starke Frau

Von Angelika Kindermann

Die Kunsthalle zeigt eine Retrospektive der Finnin, vor allem Selbstporträts HAMBURG: HELENE SCHJERFBECK

Sie war eine Ausnahmefrau: Schon im Alter von elf Jahren wurde Helene Schjerfbeck 1873 an der Zeichenschule der Finnischen Kunstgesellschaft in Helsinki aufgenommen. Später studierte sie Malerei in Paris, reiste nach England, Russland, Italien und Österreich, um berühmte Gemälde zu kopieren.

Schjerfbeck, die als kleines Mädchen eine Hüftverletzung erlitten hatte, seitdem gehbehindert war und unter Schmerzen litt, stürzte sich in die Arbeit. Während das Gros ihrer finnischen Kollegen mit nationalromantischen Werken den Publikumsgeschmack bediente, suchte sie die Auseinandersetzung mit den international führenden Kräften der modernen Malerei. Gerade 27 Jahre alt, erhielt sie für ihr Bild "Die Genesende" 1889 auf der Pariser Weltausstellung eine Bronzemedaille - das einfühlsame Kinderporträt zeigt in der stimmungsvollen malerischen Erfassung des Lichts den Ein- HAMBURG: HELENE SCHJERFBECK Die Kunsthalle zeigt eine Retrospektive der Finnin, vor allem Selbstporträtsfluss der Impressionisten.Trotz des frühen Erfolgs in der damals wichtigsten Kunstmetropole schaffte Schjerfbeck nicht den großen Durchbruch. Mit einer ersten Retrospektive in Deutschland will die Hamburger Kunsthalle jetzt die finnische Malerin, die in ihrer Heimat heute wie eine Nationalheldin verehrt wird, auch hierzulande bekannt machen. 120 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen hat Kuratorin Annabelle Görgen zusammengetragen, um Schjerfbecks eigenwillige künstlerische Entwicklung zu dokumentieren. Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den ein dringlichen Selbstbildnissen.

Als die Schmerzen in der Hüfte schlimmer wurden, gab die Künstlerin das Reisen auf und lebte ab 1902 recht isoliert auf dem Land. Sie malte einfache Arbeiterinnen, Kinder und zunehmend sich selbst. Es sei "nicht lustig, dauernd sich selbst anzustarren", beteuerte sie. Über 40 Porträts hat sie von sich gemalt, die meisten im hohen Alter.

Alle Rücksichtnahmen außer Acht lassend, erprobte sie immer kühnere, radikalere Ausdrucksmittel, um ihren inneren und äußeren Zustand, den langsamen Verfall ins Bild zu setzen. Ein Zeugnis "lebhafter, fast trotziger Selbstbehauptung", nennt der langjährige Hamburger Kunsthallen-Chef Uwe M.

Schneede ihr 1915 gemaltes "Selbstbildnis mit schwarzem Hintergrund": das Gesicht reduziert auf eine fast transparente weiße Fläche, aus der die Augen braun hervorstechen. In dem "Selbstbildnis mit Palette" (1937) hat die Malerin in groben, kantigen Zügen ihren Kopf erfasst, alles ist flächig, bewusst einfach, die Farben sind düster, Angst spiegelt sich in den extrem geweiteten Augen, Erschrecken in dem schräg nach unten abgerutschtem Mundwinkel - Helene Schjerfbeck war da 75 Jahre alt.

Doch blieben dieser starken Frau, die jede Theatralik scheute, weitere neun Jahre, in denen sie den Abschied vom Leben in ihren Selbstporträts dokumentierte.

"Ich habe Schmerzen und bin deprimiert", schrieb sie 1945, als sie an ihren letzten Zeichnungen saß: Mund, Nase, Augen sind nur noch als Kürzel wiedergegeben, alles Körperliche scheint bereits abgelegt.

Termin: 2. Februar bis 6. Mai. Gefördert vom Frauenmagazin "Brigitte". Katalog: Hirmer Verlag, 25 Euro.

Weitere Stationen: Gemeentemuseum Den Haag; Musée d' Art Moderne de la Ville, Paris.

Internet: www.hamburger-kunsthalle.de