Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 66-71
Klassizist aus dem Käfig der Wilden
Von Petra Bosetti
Mit seinen farbstrotzenden Bildern revolutionierte französische "Fauve" André Derain (1880 bis 1954) die Kunst. Doch der "Wilde" verwirrte Zeitgenossen und auch Kritiker von heute durch radikale Stilwechsel. Eine große Retrospektive in Kopenhagen zeigt alle seine Facetten
Ein Glück, dass der Pariser Galerist und Verleger Am broise Vollard (1866 bis 1939) nicht nur ein exzellenter Kunstkenner und kluger Händler war, sondern auch einen ausgeprägten Instinkt für das Richtige besaß. Vollard hatte dem jungen Maler André Derain in der Zeit zwischen 1905 und 1907 einen guten Teil von dessen Produktion abgekauft - Bilder von gewaltiger Farbkraft und kühner Kom position. Das geschah gerade noch rechtzeitig, denn im Winter 1907/08 vernichtete Derain alle Werke, die noch in seinem Besitz waren, und vollzog damit den ersten radikalen Bruch seiner Laufbahn als Maler. Hätte Vollard nicht so engagiert gehandelt, so wären der Kunstgeschichte unwiderbringliche Zeugnisse einer heftigen Kunststömung verloren gegangen: Derain war einer der fulminantesten Maler der kurzlebigen Gruppe der "Fauves".
Dieser "Wilde" hatte seine Laufbahn als Maler schon sehr früh und durchaus konventionell begonnen.
Bereits als 15-Jähriger lernte er im Atelier des Malers Alfred Louis Vigny Jacomin (1842 bis 1913), ging dann an die Pariser Académie Camillo, wo er zum ersten Mal auf Henri Matisse traf - ein Begegnung mit Folgen.
Denn während er noch als eingetragener Kopist im Louvre brav ein Gemälde des Renaissance-Malers Ghirlandaio abmalte, vertiefte sich die Bewunderung für den großen Koloristen Henri Matisse, dessen kühne Farbexperimente eine ganze Künstlergeneration beeinflussten.
Da er in den folgenden drei Jahren Militärdienst leistete, kam Derain nur sporadisch zum Malen. Als er sich dann endlich wieder ganz der Kunst widmen konnte, explodierte seine Kreativität. Die Gemälde, die das Trio Henri Matisse, Maurice de Vlaminck und Derain 1905 beim Herbstsalon zeigte, löste bei dem einflussreichsten, erzkonservativen Kritiker Louis Vauxcelles helle Empörung aus, die in seinem vernichtenden Urteil "Cages aux Fau ves" (Käfig voller Wilder) gipfelte.
Die Kritiker-Schmähung gab der Gruppe, zu der auch Künstler wie Kees van Dongen, Georges Braque, Georges Rouault oder Raoul Dufy stießen, den Namen. Was nicht nur Vauxcelles empörte, war das provozierend Neue dieser Malerei. Die Fauves vertrauten ganz auf die Ausdrucksmöglichkeiten der ungebrochenen, leuchtenden Farbe, setzten sie in Flächen nebeneinander, verzichteten inhaltlich völlig auf jeglichen symbolischen Gehalt oder sozialkritische Aussagen. Ihre besondere Vorliebe galt den Komplementärfarben:
Gelb wurde neben Violett gesetzt, Rot neben Grün, Blau neben Orange. In Derains Hafenszenen trifft ein tintenblaues, mit grünen Reflexen gekröntes Meer auf einen grellen gelben Strand, gesäumt von einem kirschroten Weg und von in allen Farben leuchtenden Häusern. 1906 fuhr Derain nach London, Vollard zahlte den Aufenthalt und gab ihm den Auftrag, eine Serie von London- Bildern zu malen, die seine berühmteste wurde. Die Brücke von Charing Cross etwa, ein grauer, trister Bau, feiert bei Derain eine Farborgie: Grün, orange und blau strahlt die Brücke, von orangefarbenen Bäumen flankiert, violett stehen im Hintergrund die Houses of Parliament, Big Ben und Westminster Abbey vor einem warmen, gelb und rot leuchtenden Himmel.
Ebenso rasant aber wie die Entwicklung Derains zu dem führenden Fauve verlaufen war, endete sie, und der Maler beging seinen ganz persönlichen Bildersturm in seinem Atelier.
Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler bemerkte resigniert: "Jede Spur seiner Entwicklung bis zum Jahr 1907 war verschwunden." Zum Glück gab es ja Ambroise Vollard. Der hatte schon Vlaminck "das ganze Atelier" abgekauft, und "genauso handelte ich Derain gegenüber, der von all seinen Bildern an den Wänden ein einziges zurückbehielt". Das war die Ghirlandaio-Kopie.
Nun verfiel Derain völlig den kubistischen Ideen eines Pablo Picasso, der 1907 mit dem berühmten Bild "Les Demoiselles d'Avignon" das erste kubistische Bild gemalt hatte. In den Fußstapfen des Spaniers wandelnd begann auch Derain, afrikanische Masken zu sammeln - die strengen, kantigen stark abstrahierten Formen hatten Picasso zu den "Demoiselles" inspiriert. Derain allerdings malte vor allem Landschaften, wobei seine Variante des Kubismus gemäßigter war als die radikalen Experimente seiner Vorbilder. Der Bruch, der 1914 folgte, war dann noch brutaler als der von 1907/08: "Was die Malerei anbetrifft, so bin ich mir darüber klar, dass die realistische Epoche zu Ende ist" hatte Derain noch vor wenigen Jahren bekannt, und jetzt kehrte er wieder zu den schon früher verehrten Meistern der Renaissance zurück. Die afrikanischen Masken verkaufte er, schaffte sich statt dessen italienische Kleinbronzen der Renaissance an und pflegte eine gegenständliche, klassizistische Malerei, in der seine malerische Virtuosität brilliert, etwa in dem Gemälde "Die zwei Schwestern" von 1914. Seine einst so strahlende Palette aber verdüsterte sich: Nun verwendete er oft erdige, triste und gedeckte Töne. Dieses Mal blieb er sich treu. Derain "scheint die für seine Zeit typische Rückbesinnung auf den Klassizismus schlechthin zu verkörpern", bemerkt dazu der Kunsthistoriker Paul-Louis Rinuy.
Derains Persönlichkeit sei, wie sein Werk, "schwer zu erfassen und unmöglich in irgendeine Definition zu einzuschließen", so Isabelle Monod- Fontaine im Katalog zu einer Werkschau im Kopenhagener Statens Museum for Konst. Er selbst "verwirrte von Anfang an seine Zeitgenossen und hat sie bis zum Schluss verwirrt". Dazu gehörten auch seine Kritiker: Seine zeitgenössische Rezeption sei "eine der schwankendsten von allen Künstlern, ein Nacheinander von Ablehnung/Erfolg/Ablehnung".
1931 erschien sogar eine Essay-Sammlung mit den Titel "Pour et contre Derain". Beim breiten Publikum allerdings kamen die klassizistischen Werke an. Vor der eigenen Popularität flüchtete Derain aufs Land. Seine "freiwillige künstlerische und persönliche Isolation wurde durch eine unfreiwillige ersetzt", so Museumsdirektorin Allis Helleland vom Statens Museum, die mit der Werkschau vor allem den Künstler wieder ins Bewusst sein rücken will.
Als Derain "am Ende des Zweiten Weltkrieges aus den Künstlerkreisen ausgeschlossen wurde", war es "das Resultat einer fatalen Reise mit den Nazis". Denn 1941 war er in einer vom Hofkünstler der Nationalsozialisten, Arno Breker, organisierten Tour französischer Künstler nach Deutschland gefahren. Deshalb wurde André Derain, den viele "als ein führendes, wenn nicht als das führende Mitglied der französischen Avantgarde" betrachteten, so schreibt sein Biograf Denys Sutton, "wenig mehr als eine diskreditierte und halb vergessene Figur, einer, der von den Ereignissen überholt worden war: der Einsiedler von Chambourcy, der Außenseiter".
Ausstellung: 10. Februar bis 13. Mai, Statens Museum for Konst, Kopenhagen. Katalog: Isabelle Monod-Fontaine: André Derain. An Outsider in French Art, Statens Museum, 2007. 40 Euro.
Literatur: Suzanne Pagé: André Derain, Paris, 1994. Pierre Cabanne: A. Derain, Paris, 1990.
Jane Lee: Derain, Oxford, 1990
André Derain nach dem Militärdienst 1904
Farborgie am Meer: In Bildern wie "Die Vorstadt von Collioure" (1905, 60 x 73 cm) leuchten Strand und umliegende Häuser in Gelb- und Rottönen, die feuerroten Masten der bunten Fischerboote ragen über das bleiche Meer
Ölbild "Tänzerin oder Die Frau im Hemd" (1906, 100 x 81 cm)
Impression aus London: "Ansicht der Regent Street" (1905/06, 65 x 88 cm)
Triste Brücke im Rausch der Farben: "Die Charing-Cross-Brücke und Westminster in London" (um 1906, 81 x 100 cm), eine Auftragsarbeit von Derains Förderer Ambroise Vollard
Im tristen London steigerte sich die Farbkraft der Palette von André Derain - eine Brücke ist von orangefarbenen Bäumen gesäumt, Big Ben steht blau vor einem gelben Himmel
Aus der kubistischen Phase: "Landschaft bei Martigues" (1908, 100 x 81 cm)
Nach dem Militärdienst explodierte Derains Kreativität - beim Herbstsalon bekamen er und die Freunde den Namen "Fauves", Wilde
Großartige Malerei in tristen Farben: "Die zwei Schwestern" (1914, 196 x 131 cm)
