Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 36-43

Plaudernde Fassaden

Von Kerstin Schweighfer

Wer sich ein Gebäude bei Neutelings Riedijk bestellt, bekommt ein Wahrzeichen - sinnlich und unübersehbar. Ein Besuch bei den niederländischen Architekten, die ihre Bauten zum Sprechen bringen

Das ältere Ehepaar hat die Köpfe in den Nacken gelegt und blickt angestrengt nach oben: "Da ist ja Prinzessin Maxima, wie sie Willem- Alexander den Hochzeitskuss gibt!", ruft die Frau. "Und weiter links, ist das nicht Johan Cruyff?" fragt ihr Mann einen Fußgänger neben ihm, der ebenfalls stehengeblieben ist. "Ja, voll in Aktion!" pflichtet der ihm bei. "Ich glaube, ich weiß sogar noch, welches Spiel das war!" Worauf diese Passanten so gebannt schauen, ist die Fassade des neuen niederländischen "Instituts für Ton und Bild" in Hilversum - und die könnte dafür sorgen, dass bei Hausärzten in der weiten Umgebung die Klagen über einen steifen Nacken drastisch zunehmen. Denn was aus der Ferne einem gigantischen flimmernden Fernsehschirm gleicht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Collage aus bunten Glasreliefplatten, auf denen Höhepunkte aus der niederländischen Fernsehgeschichte abgebildet sind: von königlichen Hochzeiten über einschneidende politische Ereignisse bis hin zu sportlichen Triumphen.

Das 40 Millionen Euro teure Medienzentrum wurde kurz vor Weihnachten von Königin Beatrix höchstpersönlich eingeweiht und ist der jüngste Streich der Rotterdamer Architekten Willem Jan Neutelings, 47, und Michiel Riedijk, 43. Die beiden gehören nicht nur zu den schillerndsten Vertretern der niederländischen Architekturszene, sondern auch zu den erfolgreichsten.

Ihr Ruhm reicht längst über die Grenzen der Benelux-Staaten hinaus:

"Aber in den letzten zehn Jahren konnten wir im Umkreis von nur einer Stunde die aufregendsten Projekte realisieren", erklärt Willem Jan Neutelings in seinem Rotterdamer Büro, als er zwischen Bücher stapeln und Modellen Platz für seine Kaffeetasse sucht. "Wieso sollen wir da in China bauen?" Statt dessen bekam Rotterdam im Sommer 2005 eines der wichtigsten maritimen Institute der Welt: die einem U-Boot mit Periskop ähnelnde Hochschule für Schifffahrt- und Transport direkt an der Maas. Auf dem Campus der Universität Utrecht macht sich wie ein rostiges Schlachtschiff das Minnaert-Gebäude breit. Und in Belgien schafften es Neutelings und Riedijk sogar, in gleich zwei wichtigen Wettbewerben als Sieger hervorzugehen:

Sowohl ihre Entwürfe für die Genter Konzerthalle als auch für ein Museum der Stadtgeschichte in Antwerpen gewannen den ersten Preis - ein Umstand, der die Konkurrenz ganz neidisch machte: "Es hieß, wir würden alles an uns reißen wollen", erzählt Neutelings. Aber, so stellt der ruhige, sympathische Mann schulterzuckend fest: "Gewonnen ist gewonnen!" Was den Verlierern ein Trost sein mag: Der flämische Kultusminister musste inzwischen feststellen, dass das Geld nicht für beide Projekte ausreicht.

Deshalb bekommt vorläufig nur Antwerpen sein "Museum am Strom" - einen 60 Meter hohen Turm aus übereinander gestapelten Blöcken, jeweils um 90 Grad gedreht.

Dass das Architektenduo aus Rotterdam gerade bei Prestige-Aufträgen für öffentliche Institute so gefragt ist, kommt nicht von ungefähr.Wer einen Neutelings Riedijk bestellt, bekommt mit Sicherheit ein neues Wahrzeichen - sinnlich, unübersehbar und wuchtig:

"Mit Anorexia-Bauten haben wir nichts am Hut, unsere Werke sind wie Rubens- Frauen", sagt Neutelings schmunzelnd, der selbst in der Rubens-Stadt Antwerpen lebt und jeden Tag hin- und herpendelt.

In den letzten 20 Jahren sei in der Architektur dauernd von Transparenz und Schwerelosigkeit die Rede, von Licht und Leichtigkeit. Bauwerke von Neutelings Riedijk sind das Gegenteil davon: nicht hohl und leicht, sondern voll und schwer. "Wir gehen vom Totalvolumen aus, von der vollen Masse.

Wie ein Bildhauer aus einem Granitblock hauen wir uns die gewünschte Form heraus." Nicht umsonst gelten die beiden als die Bildhauer unter den Architekten:

"Gebäude sind Skulpturen in der Stadt", lautet ihr Motto. Deshalb gehen sie auch wie Bildhauer vor, neben Buntstiften und Papier mit Messern und Styropor bewaffnet. "Dann suchen wir nach der idealen Form, schleifen und feilen wie an einem Diamanten", erklärt Neutelings und deutet auf die ungezählten weißen Styropor- Modelle, mit denen Tische und Regale übersät sind. Bis zu 200 dieser weißen Mini-Skulpturen entstehen pro Projekt, dann erst sind die beiden mit der Form zufrieden.

Das Ergebnis ist immer eine echte Koproduktion. "Man kann nicht sagen, Bau X ist eher ein Riedijk und Bau Y mehr ein Neutelings", betont Michiel Riedijk, als er zwischen zwei Besprechungen kurz vorbeischaut. Vor 20 Jahren haben sich die beiden kennengelernt, als Studenten an der TU Delft. Seitdem arbeiten sie zusammen, sie wissen genau, wie der andere reagiert: "Wir ergänzen uns, das ist ein großer Vorteil. Das zwingt uns, kritisch zu sein - und das macht uns besser." Von ihren architektonischen Skulpturen sprechen sie, als gehe es um Persönlichkeiten mit Kopf, Rücken, Füßen - und Charakter: "Wir haben keinen bestimmten Hausstil, jedes Projekt ist solitär mit einer unverwechselbaren Identität." Zum Beispiel die Sphinx-Häuser in Huizen, rund 35 Kilometer südöstlich von Amsterdam. Eine wunderschöne Lage am Gooisee, bloß: "Es geht um ein Südufer!" Ein paar Dutzend Styropor-Modelle später hatten Neutelings und Riedijk auch dafür eine Lösung gefunden, und zwar ein Querschnitt in der Form eines Dreiecks.

Auf einer der beiden Dreiecksseiten ruht das Gebäude, die andere ragt mit Panoramafenstern steil aus dem Wasser während sich die Basis mit den tiefen Sonnen-Terrassen zum Land hin nach Süden richtet. Innen hingegen geht es völlig unspektakulär zu: "Die Apartments haben ganz gewöhnliche Grundrisse." In Hilversum beim Medienzentrum ist es genau umgekehrt: außen ein einfacher Würfel, aber innen hochkompliziert und spektakulär verschachtelt.

Vielen Menschen bleibt beim Betreten des Gebäudes erst einmal die Luft weg: Der Blick fällt in eine 16 Meter tiefe, terrassenförmig ab fallende Schlucht mit knallig orangefarbenen Fensteröffnungen, hinter den en Feuer zu lodern scheint. "Dantes Inferno", so Neutelings. Denn in diesem unterirdischen Teil des Würfels befindet sich, einer Nekropole gleich, das Archiv für 50 Jahre Fernsehgeschichte.

Darüber hängt, ebenfalls treppenförmig an der Unterseite, der Erlebnisbereich für die Besucher, eine Art überdachter Medien-Freizeitpark. Denn der Würfel wurde diagonal in zwei Teile getrennt und auseinander gezogen - allerdings nicht mit einem glatten Schnitt, sondern mit einer Zickzacklinie.

Zwischen den bei den Teilen wird die Hülle aus bunten Glasplatten sichtbar, mit denen das Gebäude verkleidet ist. Von innen sehen sie aus wie die zeitgenössische Variante leuchtender gotischer Kirchenfenster und geben der riesigen Eingangs halle die Aura einer modernen Kathedrale.

Assoziationen dieser Art sind durch aus erwünscht. Ganz bewusst spielen Neutelings und Riedijk mit Elementen aus Tausenden Jahren Ar chitekturgeschichte.

Dabei brechen sie immer wieder mit Konventionen und traditionellen Vorstellungen. So ist das Schifffahrts- und Transport-College in Rotterdam eine Hochschule, die buchstäblich auf den Kopf gestellt wurde:

Statt Klassenzimmer und Hörsäle, wie es sich gehört, brav neben einander anzuordnen, hat das Architektenduo sie übereinander gestapelt, 16 Stockwerke hoch und gekrönt von einem Auditorium mit Panoramafens ter, das sich wie ein riesiges U-Boot-Periskop über die Maas streckt. Alle 16 Etagen sind durch Rolltreppen miteinander verbunden, was normalerweise eigentlich nur für Warenhäuser üblich ist.

Alle Gebäude werden, wie ihre Schöpfer es nennen, "nackt geboren und dann angezogen".

Diese Hülle ist typisch für das Baumeister- Duo aus Rotterdam und macht es zu Vertretern einer "architectureparlante". Denn auf diese Weise erzählt die Fassade etwas über den Inhalt. Das neue Zentrum des Finanzamts in Apeldoorn wird durch eine Stahlhaut mit heraldischen Drachenfiguren zu einem Tresor, der einen Schatz hütet. Beim Minnaert-Gebäude der Utrechter Universität erinnert ein Relief aus knorrigen Wurzeln auf braunrotem Spritzbeton daran, dass hier die Geologiefakultät untergebracht ist. In der niederländischen Stadt Ede entstand eine Druckerei, deren Fassade mit den Buchstaben eines Gedichts geschmückt ist. Die bunten Reliefglas platten des Medienzentrums in Hilversum appellieren an das kollektive Fernsehgedächtnis. Und die mit blauweißen Stahlplatten verkleidete Fassade der Rotterdamer Hochschule für Schifffahrt und Transport weckt Assoziationen an die zehntausende Containerschiffe, die jährlich in den größten Hafen Europas einlaufen.

Inzwischen mussten die beiden Architekten feststellen, dass der Bauboom direkt vor ihrer Haustür langsam verebbt. Deshalb lassen sie ihren Blick nun doch etwas weiter schweifen:

In Ljubljana entsteht ein Theaterkomplex mit Büros und Läden. Und an der nördlichen Peripherie von Paris ein Hotel in der Form einer großen silbernen Bombe. Auch am Wettbewerb für die neue Adidas-Zentrale in Herzogenaurach 2006 hatten die beiden teilgenommen, waren allerdings an der deutschen Regel-Treue gescheitert. So wie in Antwerpen hatten sie einen 60 Meter hohen Turm entworfen: "Wir wussten, dass nur 30 Meter erlaubt sind, aber wir haben es dennoch versucht", erzählt Neutelings und fügt selbstironisch hinzu: "Wir dachten, als flotte Holländer können wir uns das rausnehmen." Stattdessen flogen sie raus. In Deutschland sind Vorschriften eben noch Vorschriften.

"Das Klima ist viel konservativer, Architekten bekommen weniger Raum für Experimente." Trotz ihrem Expansionsdrang versuchen die beiden Architekten, ihr Team klein und überschaubar bei 30 Mitarbeitern zu halten. Und weil sie finden, dass jeder Mensch ein Recht auf sein Privatleben hat, haben sie die Vier-Tage- Woche eingeführt. "Alles eine Frage der Organisation", versichert Neutelings, der früher selbst ein Workaholic mit Sieben-Tage- Woche war. Aber inzwischen ist der Freitag frei. "Natürlich gibt es Ausnahmen", räumt er ein. Zum Beispiel, wenn die Königin wie in Hilversum just an einem Freitag anrückt, um ein Gebäude von Neutelings Riedijk einzuweihen.

"Aber erst habe ich meine Kinder zur Schule gebracht", betont Michiel Riedijk. "Und hinterher habe ich sie auch wieder abgeholt."

Literatur: Neutelings Riedijk Architects. At Work. Rotterdam 2004.

Internet: www.neutelings-riedijk.com

Der Inhalt bestimmt die Form: Michiel Riedijk (links) und Willem Jan Neutelings. Rechts ihr Medienzentrum in Hilversum (2006)

Warme Erdfarben, rauer Beton: Das Minnaert-Gebäude (1997) auf dem Campus von Utrecht beherbergt die Geologische Fakultät

Die Entwürfe entstehen nicht am Computer, sondern ganz klassisch mit Buntstift auf Papier. Oft werden viele Varianten aus Styropor geschnitten

Bei den "Sphinx- Häusern" in Huizen (2003) blicken die Terrassen zum Land, um die Sonne einzufangen

Das Haus als Buch: Für die Fassade einer Druckerei in Ede (1997) wurde ein Text des niederländischen Dichters K. Schippers verwendet

Jan Willem Neutelings und Michiel Riedijk arbeiten seit dem Studium eng zusammen. Jeder ihrer Entwürfe ist eine echte Koproduktion

Auditorium mit Ausblick:

Hochschule für Schifffahrt und Transport in Rotterdam (2005)

Nicht umsonst gelten Neutelings und Riedijk als Bildhauer unter den Architekten. "Gebäude sind Skulpturen in der Stadt", lautet ihr Motto

Ein Wolkenbügel für Ground Zero: Gescheiterter Entwurf für New York

Plan für das Genter "Forum für Musik, Tanz und visuelle Kunst"

Wird in Antwerpen gebaut: das 60 Meter hohe "Museum am Strom"

Zu hoch für Herzogenaurach: Skizze für die Firmenzentrale von Adidas

KERSTIN SCHWEIGHÖFER