Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 44-47

Kaiserliche Hoheit lassen bitten

Von Almuth Spiegler

Geld, Glamour, Galadinners: Das war der Kosmos der rastlosen Thyssen-Tochter Erzherzogin Francesca von Habsburg - bis ihre Leidenschaft für die Kunst entbrannte

Sie watet durch den Schlamm überschwemmter Dörfer in Rumänien und bringt finanzielle Hilfe. Sie sitzt am Boden eines Kellers in Reykjavik und trinkt ein Bier mit Christoph Schlingensief. Sie lässt Kunst-Groupies im Privatjet von der "Art Basel Miami Beach" nach Jamaica fliegen, um dort eine von ihr beauftragte Video-Installation von Candice Breitz zu erleben.

Sie tanzt sich in einem verfallenen Lagerhaus in Russe (Bulgarien) zur Rockmusik von Freundin Arabel Karajan die Seele aus dem Leib. Sie diniert in London mit dem Chef der Documenta 12, Roger M. Buergel, tritt während der Salzburger Festspiele an der Seite ihres Ehemanns, Kaiserenkel Karl von Habsburg-Lothringen, in Roben des New Yorker Designers Atil Kutoglu auf. Und spielt dann im TV-Zweiteiler "Kronprinz Rudolf" auch noch selbstironisch die Schwiegermutter ihres unglücklichen Verwandten. Francesca von Habsburg, 48, Kunstsammlerin, vor allem aber international erfolgreiche Kunstproduzentin, ist schwer zu fassen. Auf zu vielen Klaviaturen scheint die vor Energie berstende Powerfrau zu fließend zu spielen. Zu viele Stereotype schieben sich einem vernebelnd in den Blick auf die durch die Welt hastende Kosmopolitin: das verwöhnte Töchterchen des Stahlbarons "Heini" Thyssen-Bornemisza, dessen Tochter aus der dritten von fünf Ehen sie ist.

Das grelle Londoner Punk-Partygirl der achtziger Jahre. Die elitäre Erzherzogin, die in Mariazell geheiratet hat und Mutter dreier Kinder ist. Die Busenfreundin "böser Buben" wie der Künstler Dan Graham, John Bock und eben Schlingensief.

Da bleibt vielen erst einmal die Luft weg. Und vor allem die hermetische, eher konzeptuell ausgerichtet Kunstszene in Wien, wo Habsburg das Basislager ihrer 2002 gegründeten "Thyssen-Bornemisza Art Contemporary"- Foundation (T-B A21) aufgeschlagen hat, rümpft da schnell die Nase. Was die temperamentvolle Geschäftsfrau wenig zu stören vorgibt - schließlich wurde sie von der internationalen Kunst- und Kunstmarkt- Szene doch mit offenen Armen aufgenommen. "Wir haben großen Erfolg im Ausland, und 70 Prozent unserer Projekte finden auch nicht in Österreich statt", berichtet Habsburg gelassen. "Dann hält man es auch aus, wenn man lokal unfair behandelt wird." Lässig sitzt sie auf der breiten Ledercouch ihrer großzügigen Designer-Wohnung im Wiener Innenstadtpalais Erdödy-Fürstenberg und plaudert drauf los - trotz Deutsch kenntnissen bevorzugt auf Englisch. Natürlich schätze auch sie die konzeptuell ausgerichtete Generali Foundation in Wien, die zurecht einen so guten Ruf habe. "Aber die Kunstwelt ist groß genug, um uns beide aufzunehmen, das macht uns ja nicht gleich unseriös!", sagt sie und strahlt. "Es ist ein langer Weg von der Society- zur Kunstlady - dafür ist es bei mir sehr schnell gegangen." Rasant - in nur vier Jahren.

Aus dem Stockwerk unter der Privatwohnung, wo ihre T-B A21- Stiftung seit 2004 einen - trotz freien Eintritts - recht zaghaft frequentierten, 600 Quadratmeter großen Ausstellungsraum betreibt, rumort es, junge Arbeiter und Mitarbeiterinnen lachen. Sie haben für die neue Skulpturen- Ausstellung gerade Monica Bonvicinis Leuchtschrift "Notforyou" im Innenhof montiert, und das flackernde Neonlicht verwandelte die benachbarten Wohnungen in der barocken Residenz unbeabsichtigt für einige Minuten in Mini-Discos.

Ja, Kunst macht Spaß. Und der enge Kontakt mit Künstlern noch viel mehr. Diese Gespräche seien ihr am wichtigsten, betont Habsburg. "Ich liebe die Idee, etwas gemeinsam zu entwickeln." So war es mit dem reinen Sammeln zeitgenössischer Kunst, in das sie erst kurz nach dem Tod ihres Vaters 2002 durch den Verkauf einiger geerbter Bilder amerikanischer Künstler des 19. Jahrhunderts einstieg, auch recht rasch wieder vorbei. Obwohl die ehemalige Kunststudentin an der renommierten Londoner St. Martin's School in einer Art Kaufrausch erst einmal über 200 Werke anhäufte - vor allem Multimediakunst, Fotografie und, völlig unbewusst gesteht sie, erstaunlich vieles von Künstlerinnen.

Fein säuberlich sind diese Schätze heute auf der "T-B A21"-Homepage aufgelistet, rund 120 Künstler wie Angela Bulloch, Olafur Eliasson, Diana Thater, Pipilotti Rist, Bill Viola und Mike Kelley zählt man da. Ihr erster Kauf war Janet Cardiffs "sprechende" Holztisch-Installation "To Touch".

Nur bald schon bemerkte die Neo- Sammlerin, dass es sich bei Videos, Fotografien, ja sogar Installationen meist um Editionen handelt, nicht um Unikate. "Rückblickend werden unsere Sammlungen alle ziemlich ähnlich aussehen mit ihren Ruffs, Struths oder Hubbard/Birchlers. Also habe ich versucht herauszufinden, wie ich unique sammeln kann. Schließlich muss ich ja einem wirklich guten Namen gerecht werden." Allerdings. Nicht umsonst wurde Habsburgs Vater Hans Heinrich in seinen Nachrufen als "letzter großer Sammler abendländischer Kunstgeschichte" gewürdigt. Die Familiensammlung Alte Meister und Klassische Moderne hatte er 1993 aber schon dem spanischen Staat verkauft, sie ist jetzt im Madrider Museo Thyssen- Bornemisza zu sehen. Fast verbittert klingt Habsburg, die einen von vier Familienplätzen im Vorstand einnimmt, wenn sie beschreibt, wie unmöglich es sei, neben Budget-Diskussionen und Sponsoring- Kooperationen den einstigen "Spirit" dieser beeindruckenden Sammlertätigkeit zu erhalten. Eine Erfahrung, aus der sie für ihr eigenes Kunst-Engagement gelernt hat. Der nächsten Generation möchte Habsburg keine derartigen Verpflichtungen hinterlassen. Ganz im Gegen teil: Sie möchte mit ihrer T-B A21- Foundation eher eine Alternative zu den bürokratischen Institutionen bieten.

Hand in Hand gehend mit Habsburgs Sehnsucht nach Einzigartigkeit wurde also aus ihrer erst traditionell begonnenen Kunstsammlung bald ein selbst produzierender Betrieb, spezialisiert auf große Crossover-Multimedia- Installationen. Wobei Habsburg dabei die zuvor lange im Wiener Museum für angewandte Kunst beschäftigte Kuratorin Daniela Zyman kompetent zur Seite steht.

Eine ihrer ersten Koproduktionen war US-Althippie-Künstler Dan Grahams Marionetten-Rock-Oper "Don't Trust Anybody Over Thirty" ("Trau keinem über 30"), 2005. Im selben Jahr schon startete dann in Island Schlingensiefs bis heute durch die Welttourende Show "Der Animatograph", dessen sich permanent veränderndes und anwachsendes Filmmaterial von T-B A21 finanziert und archiviert wird. Vergangenes Jahr aber lief das bisher aufwändigste Projekt Habsburgs im wahrsten Wortsinn vom Stapel: Teils gedacht auch als offizieller Kunstbeitrag Österreichs zur EU-Ratspräsidentschaft wurde das ehemalige Frachtschiff "Negrelli" mit Kutlug Atamans Videoporträt des Istanbuler Barackenviertels "Küba" ausgestattet und die Donau stromaufwärts geschickt, von Novi Sad über Vukovar, Budapest, Bratislava bis nach Wien (art 7/2006). Begleitet von einzeln organisierten Kunstaktionen an den jeweiligen Anlegestellen sowie den starken Eindrücken der schrecklichen Flutkatastrophe in Südosteuropa. Was die charityversierte Habsburg natürlich nicht untätig verharren ließ:

180 000 Euro sammelte sie für die Opfer der Überschwemmungen. Dank brachte ihr das letztlich aber wenig ein. Eher wurde sie von der politischen Opposition wegen der Drittelfinanzierung (240 000 Euro) des "Küba"- Budgets durch das österreichische Bundeskanzleramt kritisiert.

Eine Art Feindbild stellt für Habsburg schon die Bezeichnung "Kunstsammlerin" dar. Dagegen habe sie inzwischen eine richtige Allergie. "Das ist wie ein Stigma, ein gewisses Genre von Leuten, mit denen ich mich nicht gern verbinden lassen möchte." Schließlich ist sie in ihren Gedanken längst mehr mit der Zukunft beschäftigt, als mit dem Bewahren - wie auch der Zustand ihrer 1991 unter dem Eindruck des kriegszerstörten Dubrovnik gegründeten Arch-Foundation zum Erhalt des Weltkulturerbes beweist: Die Organisation liegt zur Zeit "wegen Personalproblemen" auf Eis.

Habsburg feilt an ihrer Vision eines dem 21. Jahrhundert gerecht werdenden Museumskonzepts, den "Art Pavillons". In den nächsten Jahren soll eine ganze Reihe dieser von Architekten und Künstlern gemeinsam gestalteten Minibauten "wie Satelliten" in die ganze Welt entsandt werden, ein Netzwerk schaffen fernab der Metropolen, an besonders eindrucksvollen Landschaftspunkten.

Eine Art Guggenheim also? Habsburg lächelt, die Idee gefällt ihr. Schließlich findet sie derlei kulturelle Kolonialisierung sehr problematisch. Den Betrieb ihrer Pavillons sollen die jeweiligen Länder selbst übernehmen.

Konkret schweben ihr da schon Island und die "Kraftzentren" Argentinien und Brasilien vor. Bespielt werden die Art-Pavillons dann aber doch vom T-B A21 mit speziell gefertigten Werken.

Ein Prototyp, gestaltet vom Londoner Architekten David Adjaye und vom norwegischen Künstler Olafur Eliasson, wurde 2005 während der Architektur-Biennale Venedig auf der Insel San Lazzaro präsentiert. "An dem Tag, an dem ich sterbe, möchte ich, dass die Kunst schon draußen in der Welt ist", sagt Habsburg - und ihr scheint immer noch zu schauern vor der Vorstellung, ihren Kindern einmal die Bürde zu vererben, die ihr von ihrem Vater überlassen wurde.

Ausstellung: "This is not for you:

Diskurse der Skulptur", bis 30. März, T-B A21, Wien. Internet: www.tba21.org

"Social Mobility Fig. 2" (2005) von Michael Elmgreen & Ingar Dragset in der T-B A21 Collection in Wien

Francescas Welt: Boden "Zobop Gold" (2000) von Jim Lambie, "Reflecting Object" (2006) von Jeppe Hein (Foto: Udo Titz)

Unbewusst, so von Habsburg, kaufe sie erstaunlich viel von Künstlerinnen - wie "empire vampire III, 19" (2004) von Isa Genzken

Balance im Raum: Carsten Nicolais Stahlobjekt "void (noise 4/5/6)" (2006) und Würfelwand "Untitled" (2002) von Gerwald Rockenschaub

"Kunstsammlerin - das ist ein Stigma, ein gewisses Genre von Leuten, mit denen ich mich nicht gern verbinden lasse"