Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 26-35
Der Staat, das bin ich
Von Hans-joachim Mller
Am Beginn des 18. Jahrhunderts erhebt sich die europäische Monarchie zu einer letzten Blüte. Teil 1 der art-Serie: Auf der Bühne - Die höfische Inszenierung der Macht LUST UND DRAMA DES 18. JAHRHUNDERTS Folge 1: Auf der Bühne - Die höfische Inszenierung der Macht Folge 2: Mehr Licht - Der Siegeszug der Aufklärung Folge 3: Hinterm Vorhang - Galanterie und Erotik Folge 4: Ins Dunkle - Die Dämonen der Vernunft
Fülle, undurchdringliches Dickicht. Anders als in der Topografie des Dschungels ist die Geschichte der Bilder kaum beschreibbar. Was nützt der Faltplan, den man am Museumseingang in die Hand bekommt, wenn man doch nicht weiß, ob man bei den Babyloniern beginnen soll oder lieber bei den Schnitzaltären des Mittelalters? Und warum bitte schön entscheiden wir uns fürs 18. Jahrhundert?
Sie wäre nicht die schlechteste Führerin, die Verführerin. Was spräche schon dagegen, wenn es nur die Neu gier wäre, die uns triebe, die Lust auf die fernen Bilder? Ob sie ein wenig hinfällig geworden oder noch rüstig geblieben sind; wie sie sich fühlen in ihren temperierten Galerien und ihr en verstaubten Rahmen; ob das Rouge auf den Wangen ein paar Risse bekommen hat und die Schweißperlen unter den Perücken endlich angetrocknet sind.
Museumsbesuche sind Ahnenbesuche.
Manchmal sind die Altvordern ganz schön nervig, selten einmal so unterhaltsam wie die mit dem rissig en Rouge auf den Wangen und den an getrockneten Schweißperlen unter den Per ücken. Lange war man guten Glaubens, unser Stammbaum reiche nicht viel weiter zurück als bis zur bloßbrüstigen Amazone namens Freiheit, die auf Eugène Delacroix' Transparent das Volk anführt. Bilder aus zwei Jahrhunderten, mehr hatten im Familienalbum nicht eigentlich Platz. Für die älteren Jahrgänge gab es Respekt, gab es Staunen, zur Verwandtschaft trugen sie nicht viel bei. Die Jetztzeit begann, als keiner mehr Rouge und Perücke brauchte, der zum Gefolge der miederlosen Barrikadenkämpferin gehören wollte.
So verschmolzen im Grundgefühl einer Epoche die Worte "Mode" und "modern" zum Synonym. Auf zwei Buchstaben mehr kam es da nicht an.
Das ist nun auch schon wieder Geschichte.
Heute trägt man den Nabel frei und erträgt mit guter Gelassenheit, dass aus der Verbesserung des Menschengeschlechts wohl nichts mehr wer den wird und sich die Berufskleidung der kämpferischen Freiheit als aus gesprochen unpraktisch erwiesen hat. Jetzt wäre es natürlich interessant zu erfahren, wie es zu der strengen Kleidervorschrift gekommen ist, und wo sich die Mode- und Modernemacher von damals versteckt halten, all die Mentaltrainer der halb bekleideten Anführerin. Und überaus reizvoll wäre es, hinter der Tür zu lauschen, wie Charles de Secondat Baron de la Brède et de Montesquieu auf und ab schreitet und sich die gepuderte Perücke zurechtrückt und dabei murmelt:
"Wo der Besitz ist, ist die Macht." Also ziehen wir die alten Galerievorhänge zur Seite und sehen uns ein wenig um im Vestibül der Moderne.
Erstaunlich, wer da sitzt und thront und stolziert und sich in den blind gewordenen Spiegeln beschaut. Lauter gute Nachbarn. Waden, die noch in Seidenstrümpfen stecken.
Und Köpfe, für die das Jahrhundert schon viel zu eng war. Es ist wie eine Brücke, die über das 20. und das 19. Jahrhundert hinweg auf direktem Weg ins 18. führt. Und wo man eine morbide Gattung im schönen Verfall vermutet, entdeckt man vitale Artgenossen, Einverständnis im Grundgefühl der Epochen, das die Zeitreise zur Selbstbegegnung im anderen Kostüm macht. Zeitgenössisch gesagt: Individualität, Intensität, Internationalität.
So unverblümt hätten es die Leute mit dem Rouge auf den Wangen und den gepuderten Perücken nicht dekliniert.
Aber die drei steilen I hätten ihnen nicht schlecht gefallen. Und dass das steilste I das Wörtlein Ich abstützt, das haben sie so gut gewusst wie wir.
"Amour-propre", es hört sich einfach im Originalton viel schöner an als "Eigenliebe".
Tatsächlich war kein Jahrhundert zuvor so sehr eines der Selbstermächtigung gewesen. Viel leicht hat man die Rechtsform der Ich-AG noch nicht gekannt. Aber dass es kein Unrecht sein kann, "ich denke, also bin ich" zu sagen, davon war nicht nur René Descartes überzeugt. Und wenn die große Idee des Absolutismus auch der finalen Herrschaftsbegründung diente, dann war sie doch nur die monströse Kopie jenes Weitwinkel- Ichs, das die ganze erkennbare Welt in einem erkennen den Subjekt zusammenzieht.
Wo aber grenzenlose Autorität allen falls an des Lebens Begrenztheit scheitert, wird dieses Leben zur unwiederbringlichen Chance und "Ich" nur ein anderes Wort für die elegante Nutzung dieser Chance. Das ist vielleicht das verblüffendste Echo zwischen den Jahrhunderten, die Bewirtschaftung des prall gefüllten Jetzt, die Feier der beispielgebenden Persönlichkeit, der vorbildhaften Erfolgsstrategie.
Jeanne Antoinette Poisson, die als Marquise de Pompadour in den verstaubten Bilderrahmen hängen geblieben ist, soll als Berufs- und Lebens ziel schon früh "Geliebte des Königs" angegeben haben.
"Candide" von Voltaire, einer der wunderlichsten Helden aus dem literarischen Fundus des 18. Jahrhunderts, kam von Westfalen über Portugal nach Südamerika, landete irgend wo im legendären Eldorado und fand in Konstantinopel seine liebe Kunigunde wieder.
Das nennen wir Dienstreise. Und die haarsträubenden Abenteuer fügen sich so schnell, wie wenn sich heute einer von einem Link zum anderen weiterklickt und ein Popup-Menü nach dem anderen öffnet. Sollen wir sagen, das 18. Jahrhundert war schon vernetzt?
Jedenfalls hatte es ein gutes Gespür dafür, dass es gewählter, graziler Schritte bedarf, wenn man im Netz turnen und nicht abstürzen will. Und wenn es auch das Zeitwort "virtuell" noch nicht gegeben hat, so gab es zumindest eine Ahnung von der unaufhaltsamen Verwandlung der Welt in Schein und Schminke.
Vorhang auf. Wenn wir das 18.
Jahrhundert zunächst von vorn betrachten, dann ist es, als säßen wir im Parkett oder auf den Rängen, und alles spielte auf der Bühne.
Kasten:
HISTORISCHER HINTERGRUND Als Epochenzeitraum beginnt das 18. bereits tief im 17. Jahrhundert.
Mit dem Westfälischen Frieden 1648 findet das vormoderne Europa der Glaubenskämpfe seinen Abschluss. Auch wenn die politische Neuordnung nach dem Dreißigjährigen Krieg keine dauerhafte Machtbalance garantiert hat, so kam doch die Tatsache, dass die Friedensverhandlungen erstmals ohne Rom, ohne Beteiligung des Papstes geschahen, einer Säkularisierung des Völkerrechts gleich. Staatliche Souveränität und zwischenstaatliche Verträge schufen eine neue europäische Ordnung, die nicht mehr auf den Ansprüchen des einen wahren Glaubens beruhte. Der Kontinent, der als Religionsgemeinschaft zerbrochen war, definierte sich nun als Zivilisation.
Stolz weist Zedlers Universal-Lexikon von 1734 auf die Überlegenheit gesitteter Menschen: Sie "haben durch ihre Geschicklichkeit und Tapfferkeit die vortrefflichsten Theile der Welt unter sich gebracht. Ihr Witz erhellet aus ihren Wercken; ihre Klugheit aus ihrer Regierung; ihre Stärcke und Macht aus ihren Armeen; und endlich ihre Pracht und Herrlichkeit aus ihren Städten und Gebäuden". Das Ancien Régime, das Zeitalter zwischen den Konfessionskriegen und der Französischen Revolution, ist geprägt von den Herrschaftsformen des Absolutismus. Der Begriff meint eine Regierungsform, bei der der Monarch die uneingeschränkte Herrschaftsgewalt für sich reklamiert, die weder von Ständen noch von Parlamenten beschnitten werden kann. Politisch möglich geworden sind solche Machtballungen nicht zuletzt durch das Vertragswerk des Westfälischen Friedens, in dem den Landesfürsten eine erhebliche Autonomie gegenüber dem habsburgischen Kaiser zuerkannt worden war.
Eine Stärkung, die auf den ersten Blick wie Machtausgleich aussieht, historisch aber dazu geführt hat, dass überall territoriale Zentren absolutistischer Machtausübung entstanden. In Versailles, wo Ludwig XIV. das europäische Modell inszenierte, in Wien am Kaiserhof, in Potsdam an der Zentrale des zur Führungsmacht aufsteigenden Brandenburg- Preußen oder in Dresden, wo der sächsische Kurfürst August II. ("Der Starke") in den Kulissen souveräner Machtentfaltung residierte. Anders als es der totalitäre Anspruch, der sich in Idee und Begriff des Absolutismus verbirgt, vermuten lassen würde, ist es im absolutistischen 18. Jahrhundert also nie zur zentralen Machtkonzentration und expansiven Machtmehrung in Europa gekommen. Die Potentaten grenzten ihre Claims ab, waren voller Bewunderung füreinander und machten sich ihren Rang zunächst jedenfalls nicht streitig. In Ländern wie England, den Niederlanden oder auch in den Hansestädten haben sich absolutistische Tendenzen nicht durchsetzen können. Vorgedacht worden ist der Absolutismus bereits im 16. Jahrhundert: In seinem staatsphilosophischen Werk "Les six livres de la république" skizziert Jean Bodin die Wesenszüge unteilbarer Staatsgewalt. Der absolute Monarch ist gleichsam begründungslos absoluter Monarch. Niemand im Staat, von dem er seine Legitimation bezogen hätte, niemand, der sie ihm wieder entziehen könnte. Allerdings findet diese Macht ihre Grenzen im Naturrecht ebenso wie im Gottesgesetz. Für den englischen Philosophen Thomas Hobbes, Autor des epochalen Werks Der Leviathan (1651), ist der Absolutismus die vernünftige Reaktion auf den gesellschaftlichen Urzustand, in dem jeder und alle Krieg gegen jeden und alle führen. Erst der vernunftgeleitete Verzicht auf diesen Urzustand und die Übertragung der Macht an einen Souverän schafft Lebens- und Rechtssicherheit. Wohl gibt es kein Widerstandsrecht gegen die absolutistische Gewalt, aber ihr ungezügelter Gebrauch ist auch bei Hobbes nicht vom Naturrecht gedeckt. Es sind solche Einschränkungen gewesen, die den Absolutismus dann auch für die Ideen der Aufklärung geöffnet haben. In der preußischen Spielart des Absolutismus Friedrich II. war die ererbte Macht mit dem Gemeinwohl verknüpft. So unangreifbar die personale Machtfülle blieb, in der väterlich herrscherlichen Sorge für die Untertanen sollte sich Absolutismus zumindest als aufgeklärter erweisen. Aus der Sicht des folgenden Jahrhunderts haben auch solche angepassten Rechtfertigungen keinen Bestand mehr gehabt. Johann Wolfgang von Goethe hat den Absolutismus eine "politische Tendenz" geheißen, deren Ziel im "Niederschlagen aller freieren Geistesregungen" bestanden habe. Das war nach der blutigen Kritik der Französischen Revolution nicht mehr sehr originell.
Aber Johann Peter Eckermann hat es brav notiert.
Hyacinthe Rigaud: Ludwig XIV., König von Frankreich (1701, 277 x 194 cm)
MAN WIRD DEM HOHEN HERRN nicht gerade Liebreiz bescheinigen. Wer ihm näher tritt, was im Abstand von gut 300 Jahren ohne Verletzung der Etikette möglich ist, blickt in Äuglein, die im speckigen Gesichtsgebäck wie zwei Rosinen versteckt sind. Auch wüsste man beim feinen Strich der Augenbrauen und den rosa gepuderten Wangen kaum zu sagen, ob es der mächtige König selber ist und nicht doch die Königinmutter. Unisex, das Wort war damals, ganz am Anfang des 18.
Jahrhunderts noch nicht erfunden, aber auf prägnante Geschlechtsunterschiede hat es die Spitzenkostümierung nicht abgesehen:
Die Sonne ist im Deutschen weiblich, die Sonne ist im Französischen männlich. Und wer dem Sonnenkönig auf die weißen Seidenstrümpfe und die Schuhe mit den hohen roten Absätzen schaut, der schaut auch auf die Bühne, wo sie das Stück von der gottgewollten Herrschaft spielen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war Europa eine offene Wunde; jetzt ist alles Theater, große Gala, Kostüm fest. Machtmensch und Impresario in einem, hat Ludwig XIV. am Hof von Versailles alle Zurüstungen für ein Spektakel gottgewollter Herrschaft betrieben.
Schloss Versailles, Spiegelsaal (1678/84, 73 Meter lang, zehn Meter breit)
NOCH HEUTE IST ES im Spiegelsaal so, als sei der festliche Raum offen und grenzenlos weit und die vielen Menschen vervielfachten sich zu unendlich vielen. Das war ganz nach dem Geschmack der barocken Bauherrn, die ja nicht einfach ein ansehnliches Dach über dem hochwohlgeborenen Kopf bestellten, sondern einen Lebenstheaterort, wie es ihn noch nie gegeben hat. Im frühen 17.
Jahrhundert wurde das Anwesen im jagdbaren Südwesten von Paris von der französischen Krone entdeckt. Hier ließ sich wie nirgendwo Herrschaft als Herrschaftsereignis zeigen, bei dem begründungsunbedürftig wie bei der unbefleckten Empfängnis alle Macht im einen Ausnahmemenschen konzentriert erscheint. Dass dessen Sonne dann doch noch untergegangen ist, hat nur das Gefühl bestärkt, dass in seinem Spiegelsaal irgendwann die Zeit stehen geblieben sein muss, dass es das alles nicht mehr gegeben haben kann, die Revolution und die blutigen Schädel im Guillotinekorb, die Kriege, und den frechen Einfall der Bismarck- Deutschen, die ausgerechnet hier ihren König zum Kaiser krönten. Eine schöne Pointe der Geschichte, dass die preußischen Besatzer nie bemerkt haben, wie an der ganzen Versailler Inszenierung immer nur die Kulissen Bestand hatten, nicht aber die Stücke.
Vorbild Ludwig XIV.: Die höfische Prachtentfaltung war auch in Dresden und Wien am Höhepunkt angekommen
Balthasar Permoser: Mohr mit Smaragdstufe (um 1724, Höhe 64 cm, Fassung Dinglinger-Werkstatt), Historisches Grünes Gewölbe, Dresden
ES SIND DIE LETZTEN WINKEL, wohin die politisch korrekte Sprache noch nicht gedrungen ist. Hier im wiedereröffneten Historischen Grünen Gewölbe in Dresden heißt der Mohr noch immer Mohr. Und darüber lacht er nun schon seit den Zeiten des Kurfürsten August II. (1670 bis 1733). Der Sachsenherrscher, den sie den Starken riefen, war ein großer Bewunderer von Ludwig XIV. und wurde über seiner Bewunderung zu einer Art Regional-Absolutist. Dresden wurde die Kunststadt der Epoche, Meissen bekam seine Porzellanmanufaktur, der Mohr seinen Platz in der höfischen Schatzkammer. Geschnitzt aus dem kernigen Holz des Birnbaums hat ihn Balthasar Permoser. Der Lack stammt von Martin Schnell, der Körper schmuck vom Juwelier Johann Melchior Dinglinger.
Man hat dann später, als man die Gattung Mohr näher kannte und Nuancen in der nichteuropäischen Hautfarbe entdeckte, oft betont, dass es sich beim Dresdner Mohren ja gar nicht um einen Schwarzafrikaner handele, sondern um einen amerikanischen Ureinwohner - aber das war viel später. Für August den Starken war die Rassenfrage ästhetisch gelöst - also zur vollen Zufriedenheit. Lacht er nicht, der fremde Mann aus dem wundersamen Goldland? Ein freundlicher Alien aus Birnbaumholz, der sein Fundstück der sächsischen Krone überbringt, die solche Geschenke angesichts des ruinösen Umgangs mit den Staatsfinanzen natürlich nicht ablehnen kann.
Pietro Antonio Lorenzoni:
"Wolfgang Amadeus Mozart im Galakleid" (1763, 84 x 65 cm)
DAS KNÄBLEIN ist gerade ins schulpflichtige Alter gekommen, hätte heute seine erste Basecap auf, zwei Stöpsel im Ohr, und die weiten Jeans schleiften über den Pausenhof. Dies immerhin ist Wolfgang Amadeus Mozart doch erspart geblieben. Tatsächlich stammt die ganze Tracht vom Wiener Hof, wurde zuerst für den gleichaltrigen Erzherzog Maximilian Franz geschneidert und dann Amadi oder Amadé, wie sie ihn nannten, in huldvoller Anerkennung vermacht. Man war ja schon seit Monaten unterwegs.
München, Wien, Augsburg, Ludwigsburg, Schwetzingen, Heidelberg, Frankfurt, Köln, Brüssel, Paris - wo immer man sich hören ließ, wurde die Begabung am Pianoforte günstig aufgenommen.
So füllte sich das Reisegepäck mit Wertsachen aus europäischen Adelshäusern. Das Spitzenjabot, der Kragen aus schwarzem Samtband, die Rüschenmanschetten, das Wams aus blau schimmerndem Brokatstoff mit goldenen Bordüren, die opulenten Aufschläge am Gehrock, der praktische Eingriff für die linke Hand, die lustige Quasten an der Kniebundhose, der Schmuckdegen, der beim Vorspiel abzulegen ist - Vater Leopold war sehr zufrieden mit dem Gang der Tournee. Und der Maler Pietro Antonio Lorenzoni, dessen Spuren sich in der Kunstgeschichte weidlich verflüchtigt haben, gibt sich manche Mühe, dem Kinderdarsteller die geziemende Würde aufzuschminken. Vielleicht träumt das Knäblein gerade davon, dass sie später mit Stöpseln im Ohr und Basecap nur noch seine Sonaten hören werden.
Ein Vater schwört seine drei Söhne auf das große Ganze ein - auf den Kampf für das Ideal der Vernunft
Jacques-Louis David: "Der Schwur der Horatier" (1784, 330 x 425 cm)
DER MIT DER ROTEN TOGA IN DER MITTE. Hochdekorierter Staatsschauspieler. Die Rolle mit den drei Schwertern ist ihm die liebste. Keine Gemütsbewegung verrät den Vater, der seine markigen Söhne schwören lässt, nur zu kämpfen, und koste es das junge Leben. Man kann das fürchterliche Stück ins ferne römische Altertum rücken, und doch hat jeder gewusst, als er das Bild im Pariser Salon des Jahres 1785 zu sehen bekam, dass die Schwerter viel zu scharf geschliffen sind, um mit ihnen nur Theater zu spielen. Wieder einmal geht es ums Ganze.
Zwei Nachbarstädte liegen im Krieg, zwei Familien in blutiger Fehde. Was tun die Namen zur Sache? Rom und Alba Longa, Horatier und Curatier - Jacques-Louis David geht über den antiken Stoff hinaus. Er malt den, der die scharf geschliffenen Schwerter reckt, dem sie schwören, das eigene Leben nicht zu schonen und das der Feinde erst recht nicht. Und dabei sieht er feierlich auf und sieht ins feierlich Leere und denkt sich das Leere als das Ganze. Das Ganze aber ist ungeheuerlich, und das Ungeheuerlichste ist das Zentrum des Ganzen, die absolutistische Macht und die absolutistische Vernunft. Die heroischen Blickziele des 18. Jahrhunderts überblenden sich. Das Reich der Vernunft ist so zentralistisch durchwirkt wie die Monarchie von Gottes Gnaden. Alles ist ausgerichtet auf die Letztbegründung, aufs Prinzip. Und der Dienst am Prinzip verlangt nicht weniger waffenfähige Unterwürfigkeit als die Untertanenexistenz rings um den Sonnenkönigshof in Versailles.
Dass es auf der rechten Bildseite ein wenig menschlich wärmer zuginge, lässt sich schwerlich behaupten. Die weibliche Klagegruppe scheint im eiskalten Licht wie erstarrt. Wo es ums Ganze geht, ist jeder und jede nur Staffage. Ein Bild vom Zwangs charakter des Denkens und Handelns. Es wird nur noch ein paar Jahre dauern, bis sich die Horatier Jakobiner nennen und die revolutionären Eliten den Selbstversuch sozialer Vergletscherung starten.
Im 18. Jahrhundert passt alles zusammen: zarte Andeutung und pathetische Gebärde, Contenance und Emphase
Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726 bis 1801): "Empfindung" aus der Serie "Natürliche und affectirte Handlungen des Lebens" (1779, je 9 x 5 cm)
GEHT DIE SONNE AUF? GEHT SIE UNTER? Jedenfalls gehen die Herzen auf. Und das Zeitalter hat auch ein Wort für das Aufgehen der Herzen - "Empfindung". Ein Neuwort.
Nicht zu verwechseln mit dem Altwort "Gefühl". Es liege nämlich etwas Geistiges in der Empfindung, schreiben die Grimms in ihrem Wörterbuch, was dem sinnlichen Gefühl rundweg abzusprechen sei. Haben wir es also mit geistigen Menschen zu tun? Mit zwei Menschen im Naturtheater. Immer ist jetzt irgendwo Theater, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Theater ist Schauvergnügen unter Einhaltung kleinteiliger Verhaltensvorschriften.
Wer sein Stichwort nicht kennt, seine Rolle, hat hier nichts verloren.
Man senkt den Hut und senkt das Haupt, wenn die Sonne ihren Auftritt hat. Das ist rechte Empfindung. Anders als beim Gefühlsdurchbruch. Da fährt das Sentiment in die Glieder, und man muss angesichts des Körperaufruhrs um den Fortgang des Stücks fürchten. Nun wäre es aber zu einfach, wenn man das Doppelpaar aus dem Chodowiecki- Album als pädagogische Abhandlung läse. Die Raffinesse liegt darin, dass sich im 18. Jahrhundert beides wunderbar vertrug, zierliche Andeutung und pathetische Gebärde, Contenance und Emphase, aufgehende und untergehende Sonne.
François Boucher: "Bildnis der Marquise de Pompadour" (1756, 201 x 157 cm)
EIN BISSCHEN WIE DIE BLÜTE, die nicht verwelkt. Als Jeanne- Antoinette Poisson mit 42 Jahren starb, war sie nicht in dem Alter, in dem kein Maler mehr des Lebens Einbußen zu kaschieren vermag. Nie war sie etwas anderes als schön gewesen, bezaubernd, betörend. Dass ein schönes Mädchen sich als junge Frau vornimmt, Geliebte des Königs zu werden, war alles andere als die Regel. Damals war die exzellent ausgebildete Bürgerstochter 24, verheiratet und ließ sich vom adretten Ludwig XV. sogleich ins allergnädigste Boudoir befehlen.
Ein Affäre, die nicht so berühmt geworden wäre, wenn die zur Marquise de Pompadour erhobene Mätresse kein so überaus kluges Spiel mit der Macht gespielt hätte. Das ist neben den wunderbar raschelnden Stoffen, die der Maler François Boucher um den bezaubernden, betörenden Leib gelegt hat, was eigentlich bleibt. Die Moral der amoralischen Geschichte. Die Scheidung von Ehemann Charles Guillaume Le Normant d' Étiolles war nur eine Formalie unter aufgeschlossenen Geistern. Alle weiteren Beziehungen überboten sich an Geschmeidigkeit. Mit Diderot hat die Pompadour über Aufklärung diskutiert, dem König hat sie das Bett gewärmt, der Königin die Eifersucht genommen, am Hof alle Intrigenfäden in der Hand behalten und dazwischen noch Zeit gehabt, Boucher Modell zu sitzen. Eine Karriere des Kopfs und des Körpers. Elegant, fürwahr elegant, wie die Emanzipation auf die Welt gekommen ist.
HANS-JOACHIM MÜLLER
