Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 115

Pionierarbeit

Von Kerstin Schweighfer

Städtebau: Neu gestaltetes Hafenviertel für Amsterdam

Es gibt städtebauliche Trends, die wie ein Fieber grassieren. Das gilt auch für die Wiederentdeckung des Wassers: Von Kopenhagen über Hamburg bis hin zu Valencia - überall in Europa wird verlassenen Hafengebieten neues Leben eingehaucht. leistete dabei Amsterdam mit der Erschließung östlicher Hafenregionen hinter dem Hauptbahnhof auf Landzungen wie Java oder Borneo, das inzwischen zu einer der begehrtesten Adressen geworden ist (art 2/2002).

Jetzt wird die Stadt ihrer Vorreiterrolle erneut gerecht mit der Neugestaltung der "Oostelijke Han delskade" - einem Verbindungsstück zwischen den neuen Wohngebieten und dem alten Grachtengürtel.

Eingeklemmt zwischen Wasser und Eisenbahnschienen reihten sich hier einst Lagerhäuser und Kontore in bis zu 100 Meter langen Backsteinblöcken wie überdimensionale Eisenbahnwaggons hintereinander. Einer Auswahl internationaler Architekten ist es gelungen, den geschlossenen Charakter des Kais zu wahren und ihn dennoch zum Wasser hin zu öffnen: Zurzeit entsteht ist ein architektonischer Güterzug aus Backsteinensembles mit Wohnungen und Büros, Läden, Restaurants und Kulturinstituten.

Gezogen wird er von einer gläsernen Lokomotive, dem "Musikgebäude am Ij " von Architekturbüro 3x Nilsen: Mit einem 25 Meter hohen Fenster schiebt es sich ins Ij, einen Ausläufer des Ijsselmeers, vor ihm eine riesige Terrasse, die im Sommer zum urbanen Strand wird. Zusammen mit dem Passenger Terminal, den das New Yorker Architekturbüro HOK als eine Art gläserne Wel le konzipiert hat, einem Hotel und einem Büroturm formt der Kulturtempel der dänischen Architekten das erste und spektakulärste Ensemble auf dem Kai.

Die restlichen Komplexe üben sich in Zurückhaltung. Die architektonische Raffinesse, mit der sie Altes und Neues verknüpfen, zeigt sich erst auf den zweiten Blick:

So setzte Christian Rapp dem historischen Wilhelmina-Lagerhaus einen schlichten Backsteinblock vor, der sich schützend über den sanierten Altbau beugt. Beim Ensemble "De Loodsen" schufen die Niederländer Köther und Salman sechs Türme, zwischen denen sich regelrechte Straßenschluchten auftun. Für Intimität sorgen verglaste Innenhöfe und gusseiserne Balkone.

Die Flaniermeile, die auf diese Weise entsteht, hält die Vergangenheit in Ehren, besitzt gleichzeitig genug Metropolcharakter, um sich zu Recht Innenstadterweiterung zu nennen, und schafft die Verbindung zu den neuen Wohngebieten auf der Java-Landzunge, die jetzt an die Altstadt angegliedert sind.

Die weitere Erschließung der Ij-Ufer ist in vollem Gange, doch schon jetzt zeichnet sich eine gelungene Kräfteverschiebung ab.

Fortan ist das Ij keine Randerscheinung mehr: Es fließt jetzt mitten durch die Stadt.

KERSTIN SCHWEIGHÖFER