Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 110
Knabenkopf von Meisterhand
Von Susanne Altmann
Zuschreibungen: Sensationelle Entdeckungen in Dresden
Wolfgang Holler, Chef des Kupferstichkabinetts Dresden, liebt die Zeichnung "Kopf eines Knaben" schon lange. Doch dass sie von Sandro Botticelli (1445 bis 1510) stammt, wusste er bislang nicht. Zusammen mit etwa 70 weiteren Zeichnungen der italienischen Renaissance befand sich das Blatt bereits seit 1728 in der Dresdner Sammlung.
Die meisten Stücke erwarb August der Starke damals aus dem Besitz des Leipziger Sammlers Gottfried Wagner.
Bis vor kurzem war das Konvolut ein unerschlossener Schatz.
Nun gelangen spektakuläre Zuschreibungen:
Die italienische Expertin Lorenza Melli aus Florenz überprüfte die Blätter im Rahmen eines dreijährigen Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Deutschen Kunsthistorischen Max-Planck- Instituts. Mit verschiedenen chemischen Untersuchungen, intensiven Stilanalysen sowie UV- und Infrarotaufnahmen wies Melli am Knabenhaupt die Hand ihres Landsmanns nach und identifizierte auch die anmutige "Madonna mit der Brosche" (um 1480).
Die stammt zwar nicht, wie lange angenommen, von Leonardo da Vinci, doch von seinem Lehrer Andrea del Verrocchio.
Parallel zu Mellis Recherchen untersuchte ihre deutsche Kollegin Anka Ziefer eine unscheinbare Architekturskizze aus der Sammlung.
Der Stil des Blattes deutete auf Michelangelo Buonarroti (1475 bis 1564) hin. Ein winziger Schriftzug lieferte nach vielen Vergleichen Gewissheit. Noch sensationeller ist, dass dieser Entwurf aus Giorgio Vasaris "Libro de' Disegni" (seit 1546) stammen muss. Vasari, Künstler und Urvater der Kunstgeschichtsschreibung, sammelte darin die Zeichnungen jener Meister, die er in seinen berühmten Künstlerviten beschrieb. Heute existieren nur noch verstreute Einzelseiten.
