Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 96
Scheiße in Dosen
Von Ute Thon
BERLIN: INTO ME/OUT OF ME
Eine Ausstellung in den Kunst-Werken zeigt Körperkunst der letzten 40 Jahre. Und was es da nicht alles zu sehen gibt: Vagina-Malerei, Exkremente in Dosen, Fäuste im Arsch, Blut, Urin und Kotze.
Die von Klaus Biesenbach kuratierte Schau verspricht einen Überblick über das gesamte Spektrum der so genannten Körperkunst, also Kunst mit hohem leiblichen Einsatz. Unter den 137 ausgewählten Künstlern sind einschlägige Namen wie Marina Abramovi ´ c, Piero Manzoni und Otto Mühl, aber auch jüngere Vertreter wie Nathalie Djurberg und Pipilotti Rist. Fotografie, Film und Video sind die vorherrschenden Medien, auch weil es sich bei vielen gezeigten Arbeiten genau genommen um die Dokumentation temporärer Aktionen handelt. Ihre größten Triumphe feierten die Körperkünstler in den sechziger und siebziger Jahren.
Damals sprengten sie mit ihren drastischen Entblößungen moralische, religiöse und gesellschaftliche Grenzen. Chris Burden ließ sich vor laufender Kamera in den Arm schießen (Shoot", 1971).
Carolee Schneemann fingerte 1975 auf der Bühne einen langen Textstreifen aus ihrer Vagina und las die darauf notierte Strukturalismuskri tik laut vor. Und Robert Mapple thorpe fotografierte homosexuelle Sexpraktiken ("Fist Fuck/Double", 1978) in kühlem Schwarzweiß.
Was in der bürgerlichen Kunstwelt damals für Abscheu und Schrecken sorgte (und manchen Künstler leibhaftig hinter Gitter brachte), entlockt dem heutigen Betrachter allerdings nur noch ein müdes Lächeln. Ordentlich nebeneinander aufgereiht und in Kategorien wie "Lust und Gewalt" oder "Geben und Nehmen" sortiert, taugen die meisten Werke nur noch als kunsthistorische Referenzen.
Sie zeugen von einer Zeit vor "Big Brother" und Hausfrauenstriptease im Internet, als man mit Sex und Selbstverstümmelung noch echte Tabus brechen konnte. Dazu kommt, dass die schiere Fülle leicht vergilbter, exhibitionistischer Fleischlichkeit, die einem auf fünf Etagen geboten wird, zur mentalen Abstumpfung führt. Gern hätte man sich zur Resensibilisierung in den dicken Katalog vertieft und ein kluges Essay von Susan Sontag gelesen, die bis zu ihrem Tod an der Ausstellungskonzeption beteiligt war. Doch der Katalog wird wohl erst fertig, wenn die Show vorbei ist. Schade eigentlich.
Termin: bis Februar. Gefördert von Dornbracht Culture Projects Katalog: 29,95 Euro.
Internet: www.kw-berlin.de.
