Ausgabe: 02 / 2007
Seite: 126-129

Ein Haus der Ideen bauen

Von Kristina Raderschad

Ein historisches Landgut im Südwesten Frankreichs wird alljährlich zum beliebten Sommercamp: Wenn das Vitra-Design-Museum zu seinen Workshops mit international bekannten Designern, Architekten und Künstlern in die Charente einlädt, sind kunstinteressierte Laien, Studenten und Profis gleichermaßen willkommen. art hat sich die Ferienwerkstätten angesehen Workshops und Kurse 2007 Tipp: Design-Workshops von Vitra Ein Bericht aus Frankreich 126 Termine: Die Jahresübersicht Deutschland 131 Österreich, Ungarn, Schweiz 140 Italien, England, Frankreich 142 Spanien, Portugal, Türkei 148

Ferien in Boisbuchet sind immer ein unvergessliches Erlebnis. Inmitten des idyllischen Department Charente, unweit von dem kleinen Ort Lessac und eine gute Fahrtstunde von der Stadt Poitiers entfernt, erwartet die Teilnehmer der Sommer-Workshops ein französisches Landgut wie aus dem Bilderbuch: Felder, Wälder und Wiesen, begrenzt von einer alten Mühle am Fluss Vienne auf der einen und dem Gutshof mit Stallungen, Gemüsegarten und Pferdeweiden auf der anderen Seite - und mittendrin ein Jagdschloss aus dem 19. Jahrhundert, das von seinem Besitzer Alexander von Vegesack nach und nach in Stand gesetzt wird.

Der Direktor des Vitra-Design- Museums hat die Domaine de Boisbuchet vor rund 20 Jahren gekauft und die Sommerkurse anfänglich mit dem Ziel ins Leben gerufen, das verwilderte Landgut für kulturelle Zwecke zu reaktivieren. Im Zuge der Renovierung wurden in den ehemaligen Stallungen Werkstätten zur Holz- und Metallverarbeitung eingerichtet, im ehemaligen Gutshaus entstanden gemütliche Schlaf- und Aufenthaltsräume sowie Küche und Speisesaal, wo einfache, aber köstliche Mahlzeiten serviert werden. Tagsüber wird auf der Domaine emsig gewerkelt, gebastelt, und geschraubt - unter der Anleitung bekannter internationaler Designer, Architekten und Künstler finden jedes Jahr in den Sommermonaten bis zu drei Workshops pro Woche parallel statt.

Das sieht dann etwa so aus:

Auf der Wiese vor dem Schloss präsentiert der Kurs des japanischen Designers Toshiyuki Kita, der mit seinem Sessel "Wink" für Cassina einen Klassiker des modernen Möbeldesigns geschaffen hat, in der Nachmittagssonne farbenfrohe Drachen, Boomerangs und Klettergerüste.

Die Teilnehmer aus Mexiko, Israel und Italien, Japan, Australien und der Schweiz haben Spielzeug entworfen, das Kinder zur Bewegung animieren soll. In der Holzwerkstatt hinter der großen Scheune summen derweil die Maschinen und fliegen die Späne.

Zedern- und Eichenholz, das die Gruppe des deutschen Holzkünstlers Ernst Gamperl, der mit Arbeiten für den japanischen Modedesigner Issey Miyake bekannt geworden ist, am Vortag aus den Wäldern der Domaine de Boisbuchet geholt hat, wird nun unter der Anleitung von Gamperl und seinem Assistenten an Drehbänken zu hauchzarten Schalen und Gefäßen geformt. Nebenan im Garten errichtet Architekt Shigeru Ban aus Japan mit seinen Studenten einen Pavillon aus Pappe, eine Art Miniaturausgabe des japanischen Pavillons, mit dem er auf der Expo 2000 in Hannover für Aufsehen sorgte. Ein Wirrwarr von unterschiedlichen Sprachen und Gelächter erfüllt die Luft, irgendwo ertönt Musik, und wer zwischendurch eine Pause einlegen möchte, schwimmt eine Runde in Boisbuchets Badesee oder entspannt sich in einer Hängematte zwischen den alten Bäumen.

Denn auch wenn das ambitionierte Workshop-Programm des Vitra-Design-Museums, das seit 1996 alljährlich in den Sommermonaten auf dem historischen Landgut im Südwesten Frankreichs stattfindet, in erster Linie fachliche Fortbildung zum Ziel hat - und die praktische Arbeit am Tag ergänzt wird von einem abendlichen Theorieprogramm mit Vorträgen, Diskussionen und Filmen - ist der Spaß an der Sache wesentlicher Bestandteil der Kurse. Kreative Arbeit ohne Leistungsdruck lautet das Motto. Spielerisch kann sich hier jeder - vom Studenten bis zum professionellen Designer - in den unterschiedlichsten Gestaltungsdisziplinen ausprobieren.

Neben Architektur und Produktdesign stehen auch 2007 wieder Fotografie und Grafik, Landschaftsgestaltung und Szenografie auf dem Kursprogramm.

In der Regel enden die Workshops nach sechs Tagen mit der Präsentation der entstandenen Arbeiten. Der in Zusammenarbeit mit der renommierten École Nationale Supérieure d' Art de Limoges veranstaltete Porzellan- Workshop und auch der 2006 erstmals durchgeführte Glas- Workshop sind jedoch so aufwändig, dass sie auf zehn Tage angelegt sind. Im Kurspreis enthalten sind nicht nur Kost und Logis, sondern auch sämtliche Arbeitsmaterialien. Und die beschränken sich nicht auf Holz und Metall, Papier und Ton. Das Corning Museum of Glass etwa bringt auch in diesem Jahr wieder eine komplette Glaswerkstatt aus den USA mit zum Glas-Workshop mit Paul Haigh. Außer ihm sind im Sommer 2007 dabei:

Die niederländische Schmuckdesignerin Dinie Besems, die Möbeldesigner Fernando und Humberto Campana aus Brasilien und Shin Azumi aus Japan sowie die deutschen Architekten Peter und Christian Brückner.

Information und Kontakt: siehe Seite 148

Workshop "Grenzen" unter Leitung der Architekten Peter und Christian Brückner (August 2006)

Kursteilnehmer haben aus Scheiten einen Holzbau geschichtet (2006)

Workshop "Porcelainoplastics" mit dem Designer Jaime Hayón (2006)

Workshop "Liquid Fusion" mit Paul Haigh und Steve Gibbs (2006)

Kurs "Nothing is lost" mit Humberto und Fernando Campana (2006)

Kreative Arbeit ohne Druck - aber mit viel Spaß ist das Motto von Boisbuchet

Den Pavillon aus Papprohren entwarf der japanische Architekt Shigeru Ban während eines Workshops im August 2001

Shigeru Ban erklärt sein Modell der Pavillon-Konstruktion (2001)