Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 8
Studio - Intimität und Ekstase dieser magischen Stunden
Von
MINI-ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (8) Markenzeichen, das: n., allg.: Merkmal zum Erkennen, Wiedererkennen und Unterscheiden. Im Kunstkontext kann dies 1. das äußere Erscheinungsbild (ä. E.) des Urhebers (Joseph Beuys: dunkelgrauer Hut, Taschenweste; Andy Warhol: Silberperücke, entrücktes Lächeln) sein oder 2. wiederkehrende Elemente (w. E.) im Werk (Günther Uecker: Nägel; Daniel Buren: Streifen; Georg Baselitz: "Kopfstand-Bilder"). Am effektivsten sind simple M. erster und zweiter Kategorie à la Banksy: ä. E. = inkognito, w. E. = Ratten, Polizisten. Nicht zuletzt diese geniale Kombination hat dazu geführt, dass Graffiti bei Sotheby's plötzlich Hunderttausende von Dollar erzielen.
ART KÄMPFT FÜR SIE!
Eine Leserin schrieb uns: "Am 16.09. war ich im Kölner Schokoladenmuseum. Ein Mitarbeiter hat mir vor Besuchern gesagt, dass ich leiser laufen sollte. Dabei war der Klang meiner Schuhe nicht laut. Nachdem ich erklärt hatte, dass ich nicht leiser auftreten könne, forderte er mich auf, die Schuhe auszuziehen oder mit den Fußspitzen zu laufen. Ich habe viel Berufserfahrungen im Umgang mit internationalen Kunden.
Ich selbst habe im neuen Mercedes-Benz-Museum gearbeitet.
Solche Unfreundlichkeit kann ich nicht nachvollziehen." Das Schokoladenmuseum rechtfertigt sich: "Der Mitarbeiter schildert, dass die Dame extrem laute Stiefel angehabt habe, die durch mehrere Räume zu hören gewesen seien. Er habe gefragt, ob es möglich sei, leiser aufzutreten. Aber auf gar keinen Fall habe er sie aufgefordert, die Schuhe auszuziehen.
Vielleicht habe er gesagt, sie möge auf Zehenspitzen gehen. Aber mit Schuhen an den Füßen. Mehr können wir nicht zu dem Vorfall sagen. Selbstverständlich fordern wir unsere Besucher nicht auf, auf Socken durchs Haus zu gehen."
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Futurismus for Sale: Die Zeiten, als Fernsehtürme als Wahrzeichen von Fortschritt und Vernetzung galten, sind vorbei. Seit März prüft die Telekom den Verkauf der "Deutschen Funkturm-Gesellschaft" und ihrer Masten - Kabelverbindungen seien billiger als Funkübertragung. Doch so einfach ist das nicht.
Bisher ist kein Investor in Sicht, da die Türme schwer umzufunktionieren sind. Mit einem Preis von einer Milliarde Euro ist die Telekomtochter auch kein Schnäppchen.
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Fit fürs Museum: Trainieren Sie Ihre Zehenspitzen!
"Es war ein Rausch, eine Reise, ein Sprung durch die Wand!" So beschreibt Fotograf Peter Hönnemann die Zusammenarbeit mit Berserkerkünstler Jonathan Meese (siehe auch Seite 26). Die beiden haben sich 2005 bei einem Shooting kennen gelernt und festgestellt, dass sie "gemeinsam ein unheimliches Energiefeld" kreieren. Seitdem haben sie sich dreimal für je 24 Stunden in Hönnemanns Hamburger Atelier eingeschlossen. "Alles war erlaubt, außer dem anderen gegen seinen Willen zu schaden." Rund 100 Fotos sollen die "Intimität und Ekstase dieser magischen Stunden" vermitteln, in denen es "alles gab zwischen Gott und Teufel". Und tatsächlich scheint Meese auf diesem Foto gleich in den Himmel aufzufahren. Was aussieht wie ein göttlicher Lichtstrahl ist allerdings Wasser. Wer mehr sehen möchte, kann das ab 21. Dezember in der Schau "24 h" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Dann erscheint auch das gleichnamige Buch in der Edition Braus. Infos: www.mkg-hamburg.de
SCHNELLDEUTUNG:
Die Botschaft der Auster Crash-Kurs in christlicher Symbolik anlässlich der Schau "Der Glanz der Dinge" in der Residenzgalerie Salzburg
Früchte und Wein sollen die Tafel verschönern, Appetit machen und symbolisieren somit irdische Genüsse.
Die Menschen versuchen sich mit ihnen vom Gedanken an den Tod abzulenken. Früchte welken oder faulen - und gelten deshalb auch als Symbol der Vergänglichkeit. In der christlichen Ikonografie stehen Trauben, Wein und Brot für das Abendmahl und den Leib Christi.
Angebrochenes Brot symbolisiert Nächstenliebe und Trost, den es dem körperlich wie geistig Hungrigen spendet, aber auch übertriebene Hingabe an leibliche Freuden.
Der halbleere oder umgekippte Kelch steht für die ablaufende Zeit.
Mit der Darstellung eines zerbrochenen Kelches erinnert der Maler an das Ende des irdischen Lebens.
Glimmende Lunte und erloschene Pfeife führen den fortschreitenden Verfall des Lebens vor Augen.
Im christlichen Kontext steht die Muschel für das Grab Christi und die Auferstehung. In der Renaissance hingegen sah man eine Parallele zwischen der Befruchtung der Auster und der unbefleckten Empfängnis Mariä durch den Heiligen Geist und deutete die Muschel aus diesem Grund als Mariensymbol.
"Stillleben, Frühstück mit Champagnerglas und Pfeife" (1642) von Jan Davidsz. de Heem; die Ausstellung läuft bis 3. Februar 2008, Infos unter: www.residenzgalerie.at.
Buch zum Thema: "Der gedeckte Tisch", Bildlexikon der Kunst, Band 16, Parthas Verlag 2007
Die leicht spiegelnde Oberfläche des Zinnkrugs zeigt das Dargestellte aus einer anderen Perspektive, kann aber auch die Ansicht des Betrachters mit in das Bild holen.
Dann enthüllt das Spiegelbild die Vergänglichkeit der menschlichen Schönheit. Der Spiegel an sich hat eine doppelte Bedeutung. In erster Linie ist er negativ besetzt und steht dann für Eitelkeit und Stolz. Positive Bedeutung trägt der Spiegel als Symbol für die innere Erkenntnis und die Tugend der Klugheit.
Die Zitrone gilt wegen ihrer Farbe als die goldene Frucht. Sie galt als Heilmittel gegen Gifte und wegen ihrer reinigenden Wirkung als Symbol für Glaube, Kirche und Christus. Weil Zitronen rund um das Jahr Früchte tragen, sind sie auch ein Symbol der Liebestreue.
Wegen der vielen süßen Körner, die der Granatapfel in seine Schale einschließt, gilt er als Fruchtbarkeitssymbol und als Sinnbild der Kirche, die Menschen im Glauben vereint. Die rote Färbung lässt auch eine Deutung als Blut Christi zu.
Langusten und Krabben ersetzen im Frühling ihre alte Schale durch eine neue. Deshalb gelten sie in der christlichen Ikonografie als Auferstehungssymbole.
Wegen ihrer Eigenart, sich vorwärts zu bewegen und ohne ersichtlichen Grund wieder stehen zu bleiben, verkörpern Krabben und Krebse auch Wankelmut und Unbeständigkeit.
Der kanadische Künstler Thom Sokoloski schlug im Herbst für drei Tage hundert beleuchtete Zelte auf Roosevelt Island auf, einer Insel zwischen Manhattan und Queens im New Yorker East River. Mit "Encampment" (Feldlager) möchte er an die Menschen erinnern, die hier vor allem im 19.
Jahrhundert unter unwürdigen Bedingungen in Krankenhäusern und Strafanstalten hausen mussten. Weitere Zeltaktionen an vergessenen Orten anderer Städte sind in Planung. Mehr Infos unter www.thomsokoloski.com
Als Anthony "Zam" Zambito, hauptberuflich Tätowierer in New York, neulich im Urlaub auf Barbardos war, traf ihn beim Shoppen fast der Schlag. Er hatte ein Paar Turnschuhe entdeckt, die mit genau dem Bild bedruckt waren, das er gerade in einer über vier Monaten verteilten Arbeit in den Rücken eines Kunden gestochen hatte. Der 38-Jährige ist spezialisiert auf großflächige Entwürfe und verklagt den Sportschuhhersteller Converse nun wegen Urheberrechtsverletzung und Ideenklau. Laut der "New York Post" macht das Unternehmen einen Praktikanten verantwortlich, der das Motiv aus dem Internet besorgt haben soll. Weder Zam noch Converse äußern sich zu dem laufenden Verfahren.
Zambito mit Original und Corpus Delicti: Rücken und Turnschuh
Außenhaut aus 108 gewellten Stahlmatten: Das Londoner Guy's
Hospital hat sein Heizkraftwerk neu gestalten lassen
Kein neuer Mode-Flagshipstore, sondern das Heizkraftwerk eines alten Krankenhauses in London: Der englische Designer und Architekt Thomas Heatherwick hat dem Guy's Hospital eine neue Außenhaut verliehen, die besonders bei nächtlicher Beleuchtung leuchtung Aufsehen erregt. Infos unter: www.heatherwick.com
Auf einem Nostalgietrip scheint Apple-Designer Jonathan Ive gewesen zu sein, als er das iPhone entwarf: Frappierend ist die Ähnlichkeit der "Calculator"- Oberfläche mit dem Braun-Taschenrechner ET aus den siebziger Jahren. Nachforschungen ergeben: Viele Apple-Produkte sehen den Entwürfen von Dieter Rams für Braun ähnlich: Der iMac-Bildschirm und der Braun-Lautsprecher LE1 oder der iPod und das Taschenradio T3 - wie gut, dass Jonathan Ive aus seiner Rams-Verehrung keinen Hehl macht.
Dieter Rams, 75, von 1961 bis 1995 Braun- Chefdesigner, dürfte sich über die Aktualität seines Designs freuen
Jonathan Ive, 40, Apple- Chefdesigner, bekennt sich offen zu seiner Bewunderung für Dieter Rams' Formsprache
Eigentlich ist der Anblick unspektakulär, doch in der Häufung und Zusammenschau entsteht unfreiwillig Komik:
Der New Yorker Künstler Andy Freeberg hat die Empfangsbereiche namhafter Galerien in Chelsea fotografiert.
Es wiederholen sich weiße Wände, Betonboden - und die Haarscheitel der Angestellten, die allein und vertieft hinterm Tresen sitzen.
Das erste Bild enstand durch Zufall bei Pace Wildenstein, daraus wurde die Serie "Sentry" (Wachdienst).
Zu sehen unter www. andyfreebergphotoart.com - oder in jedem Galerieviertel in Ihrer Nähe.
Empfangstische der Galerien (im Uhrzeigersinn von oben links) Andrea Rosen, Cheim & Read, Yossi Milo und Sonnabend
Georg Baselitz steht gern Kopf, Daniel Buren malt Streifen: "Fiche technique" (1972)
Wall Street, Chinatown, Hamptons, West Broadway - die 21 Düfte der Linie "Bond No. 9" sind nach ganz besonderen New Yorker Orten benannt. Diesen Monat erscheint Nummer 22. Vorhang auf für: "Silver Factory". Die Mischung aus Weihrauch, Amber, Jasmin, Zedernholz und Baumharz huldigt nun Andy Warhols Factory, die er von 1964 bis 1968 in der East 47th Street Nummer 231 zwischen der 2nd und 3rd Avenue betrieb.
100 ml kosten etwa 160 Euro.
Voraussichtlich ab Mitte Dezember zu bestellen auf der Webseite: www. bondno9.com
Der Flakon zum Warhol-Duft: "Silver Factory" von "Bond No. 9"
Was aussieht wie Dr. Frankenstein in Dr. Nos Geheimzentrale, ist ein Teil von Robert Kusmirowskis neuem Projekt DATAmatic 880, mit dem der polnische Künstler einen Werkzyklus eröffnet. Der Künstler liegt auf einer Bahre in einem Labor (in Wirklichkeit ein altes Berliner Umspannwerk) und möchte in die Vergangenheit reisen. Wissenschaftler sollen ihn in die Zeit versetzen, als er 2002 seine erste Ausstellung hatte. Mittlerweile ist Kusmirowski als Gestalter fiktiver Orte international bekannt. Zu sehen noch bis Silvester in der Berliner Galerie Magazin: www.galeriemagazin.de
Robert Kus´mirowski, 34, als Zeitreisender in die Vergangenheit auf der Bahre in "DATAmatic 880"
DIE ART-HOME-STORY ( 5 )
Zu Gast bei Tobias Rehberger Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.
Kinderzeichnung Das hat mir meine Tochter vor einem Jahr geschenkt. Da war sie sechs und hat gerade mit dem Schreiben angefangen. Warum sie "Tobias in Gefa(hr)" geschrieben hat, konnte sie mir auch nicht erklären. Sicherheitshalber steht es aber als permanente Warnung auf meinem Schreibtisch.
Wurst Weil ich nie frühstücke und erst um eins Mittag esse, habe ich immer einen Vorrat Wurst im Kühlschrank. Die bringt mir ein Freund aus dem Schwarzwald mit. Am besten sind die geräucherte Brat- und Leberwurst - auch weil die Dosen so schön fies sind.
Wum Den Wum habe ich vor drei Monaten bei Ebay ersteigert. Eigentlich wollte ich eine andere Figur, aber die konnte man nur mit Wum zusammen kaufen. Eines Tages hat einer meiner Mitarbeiter den Wum als Türstopper vor meine Bürotür gestellt. Blöderweise fiel er immer um. Jetzt habe ich ihn mit Beton ausfüllen lassen. Seitdem funktioniert er hervorragend.
Tobias Rehberger, 41, in seinem Atelier in Frankfurt am Main (Fotos: Dieter Schwer). Nächste große Schau: von 22. Februar bis 25. Mai 2008 im Stedelijk Museum, Amsterdam
Whisky Den Whisky habe ich bei einem Tischtennisturnier in Berlin gewonnen, das der Filmproduzent Hanno Huth ("Das Wunder von Bern") ausgerichtet hat.
Es ist ein sehr seltener und teurer Scotch von 1979. Leider habe ich ihn neulich zu Bekannten mitgenommen, die ihn probieren wollten. Sie haben ihn mir fast leer gesoffen.
Feldbett Nach dem Mittagessen bin ich immer so müde, dass ich mich eine halbe Stunde hinlegen muss, damit das Blut vom Bauch wieder in den Kopf läuft. Das Feldbett hatten sie für 19,95 Euro bei Woolworth. Da habe ich es mitgenommen. Man liegt auch ganz gut darauf.
