Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 91
Weltausstellung eines unheilvollen Jahres
Von Michael Kohler
BIELEFELD: 1937 - PERFEKTION UND ZERSTÖRUNG
In einer ehrgeizigen und originellen Ausstellung zeigt die Kunsthalle einen Querschnitt durch die künstlerische Produktion des Jahres 1937 und liefert einen souveränen Kommentar zur historischen "Entartete Kunst"-Ausstellung.
Vom Münchner Hofgarten zum "Haus der Kunst" ist es nur eine Minute - und auf halbem Weg liegt eine Epochenschwelle.
Die propagandistische Inszenierung ließ nichts zu wünschen übrig, als Joseph Goebbels im Juli 1937 die Besucherströme an der "entarteten" Kunst entlang zur "Großen Deutschen Kunstausstellung" schleuste. Während in den Hofgarten-Arkaden mit Otto Dix, Paul Klee oder Ernst Barlach die Vergangenheit verabschiedet werden sollte, standen die im "Haus der Deutschen Kunst" gezeigten "Blut und Boden"- Werke der neuen Zeitrechnung Spalier. Diesen Zusammenhang erweitert nun die Bielefelder Kunsthalle in einer ebenso originellen wie ehrgeizigen Schau: Sie zeigt einen Querschnitt durch das künstlerische Schaffen des Jahres 1937 und bettet die nazistische Kunstpolitik in den Kontext einer nachgeholten Weltausstellung ein.
So rasch die Geschichte über die tausendjährige Kunst hinwegegangen ist, so flüchtig wird sie auch in Bielefeld behandelt: Arno Brekers "Prometheus" verrenkt sich in der Eingangshalle, Max Bergmann beschwört die dampfende Scholle, und eine von Ivo Saliger germanisierte Diana rastet neben einem steil aufgestellten Speer. Im ersten Stock antwortet Richard Oelzes unheilschwangere "Erwartung" dem nazistischen Neubeginn.
Dazu greift Oelze in seinem meisterhaften Gemälde das Erhabene der romantischen Naturerfahrung auf und führt die Tradition der deutschen Malerei zu ihrem vorläufigen Ende. Wie auf den Bildern Caspar David Friedrichs kehrt uns eine ins fahle Licht getauchte Menschengruppe den Rücken zu, doch am Horizont ist weit und breit kein Silberstreif zu sehen.
Der dunklen Vorahnung folgte nicht nur in Deutschland das böse Erwachen, nach dem Angriff der Luftwaffe auf Guernica ging ein gemalter Aufschrei durch die Welt. Joan Miró beschwerte seine filigranen Bilder mit Zeichen der Gewalt, Pablo Picasso schuf seine monumentale Anklage "Guernica" - beides dokumentiert die Kunsthalle mit vorzüglichen Radierungen.
Im scharfen Kontrast zu den drohenden Schatten der Bomber steht die verordnete Aufbruchsstimmung der sowjetischen Malerei und das futuristische Pathos der Beschleunigung. Wladimir Ljuschin gibt seinem "Schrecken der Lüfte" die Zähne eines lächelnden Krokodils, während Alfredo Gauro Ambrosi ein italienisches Bombardement gerade recht kommt, um das Geschehen mit kubistischen Brechungen zu feiern.
Insgesamt zehn Kapitel umfasst die Bielefelder Schau, die ihren Rahmen bis zu den das soziale Elend der amerikanischen Depressionszeit dokumentierenden Fotografien Dorothea Langes spannt und den künstlerischen Reichtum eines Jahres eindrucksvoll Revue passieren lässt. Statt einer Epochenschwelle erkennen wir die Zeugnisse einer Generation, die vor dem historischen Abgrund widersprüchliche Reaktionen zeigt: Zustimmung und Entsetzen, Verleugnung und Engagement. Auch wenn dabei nicht jede These gleichermaßen überzeugt, lässt sich das Urteil der historischen "Entartete Kunst"-Ausstellung kaum souveräner kommentieren.
Termin: bis 13. Januar 2008. Katalog: Ernst Wasmuth Verlag, 32 Euro, im Buchhandel 49,90 Euro.
Internet: www.kunsthalle-bielefeld.de
Nebeneinander von "Blut und Boden"-Ästhetik, moderner Kunst und kritischem Dokumentarismus: Raumansicht der Bielefelder Ausstellung
