Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 69
Genialer Coup, zynisches Investment
Von Thomas Wagner
Warum ist die aktuelle Kunst eigentlich so gefragt? meint, weil der Kunstbetrieb die Gesellschaft so perfekt spiegelt: opportunistisch, geldgeil, berechnend
Nun, wo das Weihnachtsgeglitzer droht, kehrt es wieder wie ein böse grinsender Geist: das brillante Köpfchen aus London. Eigentlich ist er ja schon zu Tode gezeigt, Damien Hirsts mit Diamanten besetzter Platinabguss eines Totenschädels mit dem schlichten Titel "For the Love of God". Ein zum neo-neo-punkigen Cover-Boy aufgebrezelter Schlüsselanhänger? Die Frage bleibt: Handelt es sich um das spektakulärste Kunst- Stück des noch jungen Jahrhunderts oder um reichlich überteuerten Kitsch? Also, falls Sie noch kein passendes Weihnachtsgeschenk für die Gattin haben - Mr. Hirst, der Köpfchen bewiesen hat, als er sich selbst am Kauf seines Köpfchens beteiligte, lässt sicher mit sich reden. Hundert Millionen Dollar? Es war schon immer etwas teurer, sich keinen Geschmack leisten zu können. Dabei hat Hirst, der weiß, wie man alte Fische an den Mann bringt, seine Preziose wunderbar verpackt, als er sagte: "Ich habe mir einfach überlegt, was ich maximal erfinden kann, um den Sieg über den Tod zu markieren." Wie es funkelt, das ewige Licht.
Hier ist er wieder, der Spot, der die Young British Artists berühmt gemacht hat. Sarkasmus, eingewickelt in Humor. Also lachen auch wir darüber, wie offen kommerziell und sensationsgierig das Kunstgeschäft geworden ist.
Natürlich musste Jeff Koons aufgeblasener "Blue Diamond" von 2005 gerade jetzt zur Auktion freigegeben und von Hirst eine Edition von zwölf in Silber gegossenen Schädeln aufgelegt werden. Nun fehlt nur noch eine Volksausgabe vom Glitzersteinimperium Swarovski. Andy Warhol, der selbst mit Diamantenstaub gearbeitet hat, hätte das gefallen.
Hirsts Totenkopf macht es unmöglich, zwischen genialem Coup und zynischem Investment zu unterscheiden.
Hirst ist ja nicht dumm. Es ist schlimmer: Er ist clever.
Cleverness ist im Big-Business das Wichtigste. Auch in früheren Werken spielte Hirst mit dem Tod. Ihn stellte er aus, ihn verpackte er in eine Ästhetik, wie wir sie aus der Werbung kennen. Aber so schamlos wie jetzt hat noch keiner vorsätzlich den Preis hoch getrieben. Die Mediengesellschaft braucht ihre kleinen Stromschläge, und wer den kurzen Schauer zu geben weiß, der kann reich werden. Belohnt wird, wer sich anpasst, chic ist, was alle kennen, teuer, was alle wollen. Und Kunst ist, was keinen überfordert, weil eh klar ist, dass es nicht um Kunst geht.
Woran liegt das? Ist die zeitgenössische Kunst deshalb so gefragt, weil wir in ihr folgenlos genießen, dass alles auch ganz anders sein könnte? Tanzen wir schon wieder auf dem Vulkan und goutieren in der Kunst die Haltlosigkeit unseres Daseins? Wir wissen doch, wie es um unsere angeblichen Sicherheiten bestellt ist: Das Öl wird ausgehen, das Klima ändert sich, in den Sozialsystemen knirscht es, der Terror kommt näher, das politische System erstarrt, die Freiheit schwindet ... Was bleibt, ist Geld. Glamour als Betäubungsmittel hat sich in vielen historischen Situationen bewährt. Wieso soll er nicht auch jetzt dafür sorgen, dass einem beim Blick in den Abgrund die Luft nicht wegbleibt?
Gibt es einen anderen Bereich innerhalb des Kapitalismus, in dem die Unterschiede zwischen den Habenichtsen und den Erfolgreichen so groß sind wie in der Kunst?
Raubtierkapitalismus und Kunstidealismus stehen sich in der Kunst diametral gegenüber. Ein Autor, der über einen weltweit erfolgreichen Künstlers schreibt, bekommt dafür bestenfalls ein Trinkgeld. Nicht anders ein Hochschullehrer, der Künstler, Kunsthistoriker - neuerdings auch Galeristen oder Kunsthändler - ausbildet und für das Fundament sorgt. Das große Rad drehen andere. Und Museen, die Künstler bekannt machen, indem sie Ausstellungen und Publikationen erarbeiten, werden schamlos als Showroom missbraucht und sollen am Ende horrende Summen bezahlen, wenn am Markt die Post abgeht.
Nirgends sonst sind die Unterschiede so eklatant. Der Künstler mutiert zum Unternehmer und betäubt sein schlechtes Gewissen mit kritischem Gequatsche und den Früchten seines Opportunismus. Rollen, in die man schlüpfen kann, gibt es genug. Heute Neo-Neo-Punk, morgen Zyniker, übermorgen seriös wie Josef Ackermann. So narkotisiert die Gesellschaft in der Morbidität des Kunstsystems ihre eigene. Es lacht der Totenschädel über alle idealistischen Selbstausbeuter. This is tomorrow.
Advent, Advent. Cheerio!
"Belohnt wird, wer sich anpasst, chic ist, was alle kennen. Kunst ist, was keinen überfordert, weil eh klar ist, dass es nicht um Kunst geht"
