Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 70-73
"Berlin ist anders, ich bin ein anderer"
Von Heinz Peter Schwerfel
Mit einer Retrospektive kehrt der Installationskünstler und Maler Jannis Kounellis zurück nach Berlin. 1982 hatte der Mitbegründer der Arte-Povera-Bewegung hier einen großen Auftritt bei der Schau "Zeitgeist". Ein Gespräch mit dem griechischen Wahlitaliener über die deutsche Hauptstadt, seine Karriere und den Reiz des Labyrinths
Seine jüngsten Ausstellungen fanden im israelischen Jaffa, im kalabrischen Cosenza, im liechtensteinischen Vaduz sowie in New York und Paris statt: Der 71-jährige gebürtige Grieche, Wahlitaliener und Wunscheuropäer Jannis Kounellis beschwört gern die griechische Antike, die mit der Erfindung von Dynamik und Bewegung die Kunst vor dem Stillstand bewahrt habe. Bewegung im Sinne von Veränderung, Neuformulierung der stets gleichen Fragen, Überarbeitung auch älterer Arbeiten und vor allem steter Reisen, um in situ, an Ort und Stelle, seine Ausstellungen realisieren zu können - Kounellis, in den sechziger Jahren Mitinitiator der Arte-Povera-Bewegung, die die Kunst vom Tafelbild befreite, ist ein ewiger Nomade, ein Wanderer in Sachen Kunst, der jetzt für mehr als drei Monate in Berlin Anker geworfen hat. art-Korrespondent sprach mit Kounellis aus Anlass seiner Schau in der Neuen Nationalgalerie, wo er ein Ensemble alter und neuer Arbeiten installiert. art: 1982 haben Sie in Berlin eine heute legendäre Arbeit gezeigt. Für die Ausstellung "Zeitgeist" verbarrikadierten Sie eines der Fenster des Martin-Gropius-Baus und blockierten den Blick nach draußen. Ein Vierteljahrhundert später schließen Sie in der Neuen Nationalgalerie wieder Fenster. Ist das ein Dialog oder eine Weiterführung der damaligen Arbeit?
Jannis Kounellis: Dialog ja, Weiterführung auf keinen Fall. Dialog, weil ich schon seit 1963 regelmäßig nach Berlin komme und die Stadt in all ihren Veränderungen, Zuständen, Stimmungen erlebt habe. Für die Ausstellung "Zeitgeist" habe ich ein Fenster verbarrikadiert, um den Inselcharakter des geteilten Berlin zu betonen, ich habe den Blick auf Mauer und Ost-Berlin versperrt. Heute gibt es kein Ost-Berlin mehr, das Drama der Teilung ist vorüber, Berlin eine andere Stadt, eine normale Stadt. Der Blick nach draußen ist ein anderer, und auch ich bin ein anderer.
Berlin hat sich normalisiert, gleichzeitig als deutsche Hauptstadt, aber auch offizialisiert.
Gleich nach der Wende habe ich an der von Heiner Müller initiierten Ausstellung "Die Endlichkeit der Freiheit" teilgenommen und anschließend an der Staatsoper Unter den Linden mit Daniel Barenboim an der Oper "Elektra" gearbeitet. Jetzt, bei meiner Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie, setze ich mich deshalb nicht mit einer spezifischen Stadt und einem spezifischen Draußen, auf das ich den Blick verweigere, auseinander, sondern ich reibe mich an Architektur, an der wunderbaren und schwierigen Architektur von Mies van der Rohe, dem es hier um Transparenz und Durchlässigkeit geht in einem normalen urbanen Umfeld, wie es in jeder beliebigen Großstadt vorkommen könnte. Durch das Aussperren dieses Umfelds schaffe ich einen neuen, unvertrauten Innenraum mit verwirrenden Blickwinkeln und asymmetrischen Aufteilungen, der verstörend wirkt und sozusagen außer Kontrolle gerät.
Mies van der Rohe ging es bei seinem Bemühen um Transparenz, um ein gegenseitiges Durchdringen von Kunst und Leben. Das ist auch für Sie Leitmotiv.
Das stimmt. Aber hier in der Neuen Nationalgalerie sorgt diese Transparenz auch für große, ganz praktische Probleme, vor allem bei Ausstellungen von Malerei.
Auch Sie haben Ende der fünfziger Jahre als Maler begonnen, große Leinwände mit Fragmenten von Wörtern, Zahlen, Zeichen bemalt, ehe Sie sich wie Mario Merz, Michelangelo Pistoletto oder Luciano Fabro, andere Künstler der Arte-Povera-Bewegung, vom zweidimensionalen Bild befreiten. Betrachten Sie sich trotzdem immer noch als einen Maler?
Absolut. Ich mache Bilder, allerdings keine geschlossenen Tafelbilder für die Wand, sondern offene, dreidimensionale Bilder, die sich im Raum entfalten, auf den Betrachter zukommen, ihn vereinnahmen.
Die Berliner Ausstellung heißt "Labyrinth" ...
Nein, sie ist namenlos, wie alle meine Ausstellungen. Wortwörtliche Labyrinthe habe ich in Rom oder Mailand installiert, hier geht es um ein Übertragen, eine freie Fortführung des labyrinthischen Konzepts. Im Mittelpunkt steht die Asymmetrie eines architektonisch streng geometrischen Raums, nicht ein Verweigern von Perspektiven.
Trotzdem soll das Publikum die Orientierung verlieren, das gewohnte Gefühl von Raum.
Das Publikum interessiert mich erst einmal überhaupt nicht. Für jede Ausstellung gibt es ein Warum, einen Anlass, aber das ist nicht das Publikum, sondern die Notwendigkeit, ganz persönliche Antworten zu formulieren auf Fragen, die mich immer schon beschäftigt haben.
Ihre Arbeit für "Die Endlichkeit der Freiheit" im Jahre 1990 bestand in der Reaktivierung eines Schienenkarrens, der - wie eine Brücke zwischen Ost und West - ein paar Säcke Kohle hin- und herschleppte.
Damals schien die Kohle ein deutlicher Verweis auf die historische Industriestadt Berlin zu sein.
Stehen bei der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie auch wieder ortsspezifische Materialien im Mittelpunkt?
Wie Vögel, Steine, Kaffee, wie Feuer oder Blei gehört Kohle zu meinem künstlerischen Vokabular; sie hat keine direkte symbolische Bedeutung, sondern sie ist Teil meiner Sprache.
Genauso wie das Labyrinth keine wortwörtliche Bedeutung hat, sondern lediglich für eine Verweigerung des Überblicks steht, des Panoramas, der Landschaft mit menschlichen Figuren darin. Bei mir kommen Menschen nur als Metapher vor, Anzug und Hut an einem Kleiderständer, ein Paar Schuhe, Metallplatten, die die Dimension eines Doppelbetts haben.
Inwieweit handelt es sich in Berlin um eine Retrospektive? Tauchen viele ältere Arbeiten auf?
Ich habe eine ganze Reihe älterer Arbeiten nach Berlin schicken lassen, aber welche wie benutzt werden, ist zweitrangig. Alles bleibt offen, nichts ist endgültig. Wichtig ist, dass die älteren Arbeiten zu einem großen Ganzen zusammengestellt werden und dass dieses große Ganze etwas Neues ist. Nur die Kraft der Inszenierung zählt und ihre emotionale Stärke. Ich bemühe mich, jedes Mal etwas Neues zu machen, selbst wenn ich historische Leihgaben benutze. Meine letzte, zur Zeit im Pariser Musée d' Orsay gezeigte Installation greift gleich mehrere Motive von früher auf: das Spiel mit der Form des Kreuzes oder die Kinderschuhe, die ich zum ersten Mal bei der Geburt meines Sohnes 1972 benutzte. Trotzdem ist es eine völlig neue Arbeit.
Sie sprechen von emotionaler Stärke, von Inszenierung und arbeiten oft am Theater, bereiten für 2008 zusammen mit Daniel Barenboim Arnold Schönbergs "Moses und Aron" an der Mailänder Scala vor. Emotionalität und Theatralik der Inszenierung ist inzwischen in der Gegenwartskunst sehr in Mode gekommen.
Fühlen Sie sich wie ein Vorläufer?
Für mich sind Emotionalität und Theatralik selbstverständlich. Für manche meiner eher minimalistischen Kollegen und Freunde war und ist das sicher anders. Aber deshalb fühle ich mich keinesfalls als Vorläufer, denn inszeniertes Drama gibt es schon sehr lange in der Kunstgeschichte, denken Sie nur an Caravaggio.
In einem früheren Gespräch haben Sie erklärt, das große Drama von heute sei die Fragmentierung der Welt, die Unmöglichkeit einheitlicher, geschlossener Visionen.
Hat Ihr Begriff des Fragments durch die Globalisierung nicht noch an Bedeutung gewonnen?
Der Begriff der Fragmentierung hat an Bedeutung gewonnen, weil die einzelnen Fragmente durch die Globalisierung noch unbedeutender geworden sind. Gerade deshalb muss ich versuchen, ihnen wieder eine Bedeutung zu verleihen, auch wenn sie noch so klein ist. Als Künstler kann ich das aber nur innerhalb eines genau umrissenen, kulturellen Territoriums. Das sind meine Grenzen, sie sind sehr eng und sehr klar, vor allem wenn ich in Museen arbeite wie jetzt in Berlin.
Haben Sie deshalb im Laufe Ihrer Karriere immer wieder in nichtmusealen, nicht zum eigentlichen Kunst betrieb zählenden Räumen ausgestellt?
Ob Museum oder Fabrikgebäude oder Lagerhalle, das ist erst einmal nicht so wichtig. Hauptsache, es sind immer öffentliche Räume, und ich bleibe mir der Grenzen des Territoriums bewusst.
Zumal ich diese ja gern absichtlich noch enger ziehe. Das Errichten eines Labyrinths macht mein Spielfeld ja noch kleiner, es schottet nach außen ab. Damit im Innenraum die Freiheit um so größer wird.
Sie sind der letzte Überlebende einer Generation italienischer Künstler, die unter dem Namen "Arte Povera" Kunstgeschichte geschrieben haben. Was bedeutet das für Sie?
Meine Kollegen und Weggefährten aus dieser Generation sind tot, das ist ein Fakt. Erst kürzlich starb völlig überraschend mein gleichaltriger Freund Luciano Fabro, das ist schrecklich. Aber worauf es ankommt, ist, dass viele jüngere Künstler unsere Ideen und Arbeitsweisen aufgegriffen haben; sie bauen Räume und verzichten auf das Tafelbild. Ich gehe heute einen Weg weiter, den ich schon vor langer Zeit eingeschlagen habe, um etwas anderes zu machen. Auf diesem Weg kann ich nicht innehalten, ich kann nicht einfach stehen bleiben, ich muss weitermachen.
Termin: bis 24. Februar 2008, Neue Nationalgalerie, Berlin. Katalog: Hatje Cantz Verlag, zirka 39,80 Euro, erscheint im Dezember. Internet: www.smb. museum Literatur: Kounellis, Galerie Karsten Greve, erscheint im Dezember; Jannis Kounellis, Der Wind - Texte und Zeichnungen, Edition Nautilus 2006. Kontakt: Galerie Karsten Greve, Köln, www.artnet.de/kgreve.html
Seit Jahrzehnten ein Nomade des Kunstbetriebs:
Jannis Kounellis vor der Neuen Nationalgalerie, wo gerade seine neue Ausstellung aufgebaut wird (Foto: Gerhard Zwickert)
"Ich reibe mich an der schwierigen Architektur von Mies van der Rohe"
Ein Labyrinth für Besucher:
Blick in die aktuelle Berliner Ausstellung (Foto: Gerhard Zwickert)
"Bürgerliche Tragödie" (1975) mit vergoldeter Wand und Hutständer
Im Umbruchsjahr 1990 zeigte Jannis Kounellis in der Ausstellung "Die Endlichkeit der Freiheit" im Berliner E-Werk diese Installation ohne Titel - der Schienenkarren fuhr durch den Raum
"Für mich sind Theatralik und Emotionalität ganz selbstverständlich"
