Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 76-77
Immer für eine Überraschung gut
Von Heinz Peter Schwerfel
Das Tri Postal zeigt unerwartet radikale Medienkunst aus der Sammlung Pinault LILLE: PASSAGE DU TEMPS
Scheibchen für Scheibchen enthüllt der französische Milliardär François Pinault in wohl dosierten Rationen seine geheimnisumwitterte Sammlung zeitgenössischer Kunst, deren Bestände außer ihm und einer knappen Handvoll Mitarbeitern im Detail wohl niemand genau kennt. Denn Pinault, Besitzer unter anderem der Modefirmen Gucci und Yves Saint Laurent, des Auktionshauses Christie's und des Sportartikelherstellers Puma, macht kaum Angaben und verpflichtet seine Berater zu Stillschweigen.
Solch Geheimniskrämerei schürt die Erwartungen, und tatsächlich ging bisher mit jeder neuen Enthüllung eine Überraschung einher. Nach Sammlungspräsentationen im von Pinault erworbenen venezianischen Palazzo Grassi, die neben einigen wenigen Hauptwerken der Minimal und Concept Art vor allem bunte Netzhautschmeichler aus Pop und Neopop von Damien Hirst und Jeff Koons bis Anselm Reyle präsentierten, wird in den großzügigen Gewölben des Tri Postal, der ehemaligen Hauptpost von Lille, nun ausschließlich Medienkunst aus dem Besitz des Unternehmers gezeigt.
Und groß ist das Erstaunen, wie viele museale Schlüsselwerke der bretonische Unternehmer in den letzten zehn Jahren erwerben konnte.
Auftakt der Ausstellung ist die monumentale, über 50 Meter lange Neoninstallation "Untitled (to Saskia, Sixtina, Thordis)" des Amerikaners Dan Flavin, die seit ihrer Kölner Premiere 1973 nie mehr zu sehen war. Weiter geht es mit historischen Videos von Vito Acconci, Dara Birnbaum, Dan Graham oder Gilbert & George, die allesamt in den siebziger Jahren entstanden sind. Der Dialog der Medienkunst mit dem Kino wird dokumentiert durch Schlüsselwerke wie "Through a Looking Glass" von Douglas Gordon, einer Auseinandersetzung mit Martin Scorseses Film "Taxi Driver", oder "L' El lipse" von Pierre Huyghe, der Fortsetzung einer Sequenz aus "Der Amerikanische Freund" von Wim Wenders, in der ein gealterter Bruno Ganz eine Szene nachspielt, die im Original ausgelassen worden war.
Insgesamt rund 40 Künstler illustrieren Kapitelthemen zu Leben und Überleben, Kindheit oder schlicht dem Verstreichen der Zeit. Stars wie Shirin Neshat oder Steve McQueen sind mit frühen Arbeiten vertreten, multidisziplinäre Künstler wie Fischli/Weiss, Anna Gaskell, Kimsooja oder Bruce Nauman mit jüngeren filmischen Werken. Den meisten zeitbasierten Installationen, etwa von Rodney Graham, William Kentridge, Anri Sala, Francesco Vezzoli (art 11/2007) oder T. J.
Wilcox, sind in der Ausstellung Fotografien von Cindy Sherman, Andres Serrano, Hiroshi Sugimoto oder Thomas Struth zur Seite gestellt.
Auffällig ist in der Schau die starke Präsenz französischer Künstler von Dominique Gonzalez-Foerster, Philippe Parreno, Pierre et Gilles bis Adel Abdessemed.
Bisher galt die Sammlung Pinault als stark amerikalastig. Anlässlich der ersten Präsentation von Pinaults Sammlung in Frankreich hat Kuratorin Caroline Bourgeois, die den Sammler von 1998 bis 2001 beriet, jedenfalls konsequent auf formal radikale Arbeiten gesetzt, die jede Verspieltheit oder Beliebigkeit vermeiden und Kunst konsequent zum ästhetischen und gesellschaftlichen Experiment nutzen.
Termin: bis 1. Januar 2008. Katalog: Edition Skira, 30 Euro. Internet: www.lille3000.com und www.palazzograssi.it
Kritischer Blick auf die Geschlechterrollen in der in der muslimischen Gesellschaft: Still aus Shirin Neshats frühem Film "Rapture" (1999)
Mit seiner kolorierten Fotografie "Marie- France", (1980) demonstriert das Künstlerpaar Pierre et Gilles mediale Experimentierfreude
