Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 60-62
Einfach, praktisch, gut
Von Oliver Herwig Robert Brembeck
Stuhl, Kochtopf, Seifenspender - Stefan Diez erfindet die banalen Dinge des Alltags neu. Ein Besuch bei Deutschlands gefragtestem Jungdesigner
Die Bierbank glänzt in der Sonne des späten Nachmittags. Bäume werfen Schatten auf ein Baguette, sechs Gläser und die Espressokanne. Besprechung bei Stefan Diez, einem der erfolgreichsten deutschen Industriedesigner. "Kaffee?" Drei Mitarbeiter nicken. Diez denkt mit den Händen. Er liebt Modelle. Wenn er nicht einen Block Styropor bearbeitet, aus ihm neue Formen schneidet oder schnell mal eine Umrisslinie skizziert, wirkt er wie auf dem Sprung. Vertraute Dinge dreht und wendet er so lange, bis er ihnen Neues abgerungen hat. Eine Kette, an der normalerweise ein ordinärer Stöpsel für Waschbecken baumelt, wird bei ihm zum Schmuckstück, ein Faltkarton zum Sitzmöbel.
Zu viel Theorie macht ihn nervös.
"Brot ist Brot", sagt der 36-Jährige.
"Und ein Stuhl ist ein Stuhl." Diez sieht sich als Handwerker, der über Dinge nachdenkt. Sehr erfolgreich nachdenkt.
Gerade hat er sein Atelier im Münchner Glockenbachviertel renoviert.
Als gelernter Tischler weiß er, wie so etwas geht: morsche Träger auswechseln, neue Balken einziehen, kräftig aufräumen. Zugleich hat er Platz geschaffen für seine wachsende Mannschaft.
Knapp ein halbes Dutzend Mitarbeiter arbeitet an der großen Welt der kleinen Dinge. Diez zählt zu den wenigen deutschen Stars der internationalen Szene.
Kantige Entwürfe machten ihn bekannt: Auf dem Salone Satellite in Mailand 2002 erhielt der frisch diplomierte Gestalter den Design Report Award für sein stapelbares Containersystem "Big Bin". Statt nur Ablagen übereinander zu türmen, fügen sich sei ne Container zusammen wie Teile eines Baukastens. Diez arbeitet mit System. Der richtige Dreh, vielmehr Knick, gehört auch zu seinem Möbelprogramm "Bent", das er zusammen mit Christophe de la Fontaine entwickelt hat. Biegen war Programm für einen Tisch aus perforiertem Aluminiumblech, der als große Tafel beginnt und Knick für Knick Gestalt annimmt.
Die Beine falten sich V-förmig nach innen, gehen geradewegs in eine sechseckige Tischplatte über - wie ein überdimensioniertes Blech origami. Der Tisch erinnert an einen Tarnkappenbomber, dem nur der letzte Anstrich fehlt, er bezieht Stellung, ohne anzuecken.
Vielleicht ist das ein Geheimnis seines Erfolgs, auch harte Dinge ganz charmant auszusprechen. "Es geht nicht um Philosophie, es geht um Verantwortung." Für Diez ist der Designer ein Knoten im internationalen Netz der Produktion. Er bringt Dinge zusammen. Je nachhaltiger, desto besser.
Nur bei der Qualität seiner Dinge kennt er keine Kompromisse. Keinesfalls dürfe man einem Produkt ansehen, welche Mühen es bereitet hat.
Was ist Gestaltung anderes als Aufbrechen und Zusammenfügen, sinniert Diez an der Bierbank, der bereits selbst in Karlsruhe Nachwuchsdesigner unterrichtet. Er will etwas Erfolg mit den jungen Leuten teilen. Seine Auftraggeber klingen schließlich wie ein Bestellbuch der deutschen Exportwirtschaft:
Besteck und Töpfe für Rosenthal-Thomas, eine Couch für Elmar Flötotto, Seifenspender und Taschen für Authentics und Ausstellungsdesign für die Pinakothek der Moderne in München - es gibt wenig im Haushalt, was er nicht schon angepackt, durchgeschüttelt oder verändert hätte. So ein Erfolg kommt nicht von ungefähr. Diez hat sich seine Lehrmeister genau ausgesucht. Richard Sapper, Altmeister der strengen Formsprache, und Konstantin Grcic, dessen puristisch-kantige Haltung seit Jahren das Maß aller Dinge darstellt. Konsequent durchlief Diez die klassische Ausbildung zum Industriedesigner.
Nach einer Lehre als Schreiner studierte er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Richard Sapper und wurde 1998 dessen Assistent. Im Jahr darauf ging der Bayer nach München - als rechte Hand von Konstantin Grcic. "Er war hartnäckig", erinnert sich sein damaliger Mentor an das Vorstellungsgespräch.
"Patent undpraktisch." Diez, der Pragmatiker, wollte lernen, experimentieren, anpacken. "Notfalls zehn Stunden am Tag, die ganze Woche lang", sagt Grcic, der in dieser Zeit an seinem "Chair One" arbeitete, dessen konstruktive Formsprache bis heute nachklingt. Ein Fotobuch zeigt Diez inmitten einer Staubwolke, Diez überzogen mit Silikon und Kunstharz, Diez, wie er lötet und Gips anrührt.
Drei Jahre dauerte diese Lehre.
Nach seinem Abschluss in Stuttgart gründete Diez im Januar 2003 sein eigenes Studio und sammelt seither Preise wie andere Leute Briefmarken:
"iF-product design award" für das Kochtopfset "Genio" und das Besteck "Tema" von Rosenthal-Thomas, "Best New Furniture Design" für den Stuhl "Friday", "reddot design award - Best of the best" für die Couch von Elmar Flötotto, zudem folgten der Förderpreis Angewandte Kunst der Stadt München und der Designpreis der Bundesrepublik Deutschland in Silber für "Genio". Diez, zeige, dass "sich junges deutsches Design mit klugen und pragmatischen Lösungen auch auf internationaler Ebene durchsetzen kann", lobte ihn Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung - Staatliches Museum für angewandte Kunst in der Pinakothek der Moderne. Trotz seiner Erfolge blieb der gefragte Designer bescheiden. Kein schickes Büro, kein goldenes Klingelschild. Ein matschiger Weg führt zu Künstlerateliers und Schuppen im Glockenbachviertel.
Am Ende der Kiespiste arbeitet Diez.
Eine echte Werkstatt: Bohrer liegen neben Computern, Muster neben Prototypen. Auf einem Tisch stapeln sich Lichtschalter. Kleine Plastikrahmen, ein neues Projekt. Durch die geöffnete Tür dringt Kindergeschrei.
"Kleine Räuber", lacht Diez, "meine Tochter ist auch dabei." Mitten im gesetzten München hat Stefan Diez eine eigene Welt geschaffen, einen Abenteuerspielplatz für Gestaltung.
Mit seinen Mitarbeitern arbeitet er parallel gleich an mehreren Projekten, Taschen und Sofas, Stühlen und Schmuck. Der wiederum entsteht zusammen mit seiner Frau Saskia, Goldschmiedin und Designerin. Für den deutschen Juwelier Jens Biegel erarbeiteten sie das Set "Oyster", Perlenschmuck der besonderen Art. Wie eine doppelte Dosenlasche umschließt das Gold die schimmernde Kugel. Eine einzige, durchgehende gewölbte Form, ohne Lötstellen, Anschlüsse und komplizierte Ausbuchtungen.
Hände brauchen manchmal wenig Worte. Da reicht ein Nicken oder eine Geste. Seine Mitarbeiter verstehen, was er meint. Diez vergleicht das mit einem Tennismatch: "Man kontrolliert den Ball nur für einen Moment und bekommt ihn dann verwandelt zurück." Genau dies hat ihn zu einem der erfolgreichsten Gestalter seiner Generation gemacht, die Kunst, tote Materie in Dinge des Alltags zu verwandeln.
Internet: www.stefan-diez.com
Stefan Diez in seinem Münchner Atelier mit Prototypen für einen neuen Hocker, hinten sein gelber Holzstuhl "404" für Thonet
Sitzbank, Garderobenständer und Tisch der Serie "Upon" aus gebogenem Stahlblech
Sitzelemente der Serie "Bent" aus perforiertem Aluminiumblech; Entwürfe für eine Fahrradtasche
Stefan Diez zeigt, dass sich junges deutsches Design mit klugen Lösungen auch auf internationaler Ebene durchsetzen kann
OLIVER HERWIG
