Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 38

Abenteuer Gegenwartskunst

Von Mirja Rosenau

Wo sich Preise überschlagen und Qualitätskriterien schwinden, sollen Bücher Orientierung geben

Der Kunstmarkt ist ein Dschungel: schwer zu durchschauen, voller Irrwege, Fallgruben und vergifter Pfeile, aber auch reich an Erhellung bringenden Lichtungen und blühenden Geschäften. Sein verheißungsvolles Schillern beschert ihm eine wachsende Anziehungskraft. Eilig hat der Buchmarkt eine Reihe von Wegweisern rund um "Boom", "Hype" und "Contemporary- Art-Bubble" platziert, die erlebnishungrigen Dschungeltouristen Orientierung bieten und eine berüchtigte Spukgestalt lokalisieren sollen, die sich "gute Kunst" nennt.

Wolfgang Ullrich ist ihr in Gesucht: Kunst! (Verlag Klaus Wagenbach, 300 Seiten, 14,90 Euro) dicht auf den Fersen:

Ein wendiges, chamäleonartiges Wesen hat der Kunsthistoriker ausgemacht, das aus dem Vieldeutigen und Offenen zwar einige Faszinationskraft bezieht, damit aber auch seine gelegentliche Beliebigheit kaschiert. Geradezu schulungsseminarisch zeichnet Ullrich ein Phantombild dieses "Jokers" nach, auf dass man ihm nicht auf den Leim gehe.

Die Kunstjournalisten Jörg Heiser und Karlheinz Schmid hingegen eröffnen mit ihren Kunstreiseführern einen Abenteuerparcours.

Während Schmid noch großspurig verspricht, mit seiner Reihe Ratgeber Kunst (Lindinger + Schmid, Band 1 bis 3 jeweils 144 Seiten, 14,80 Euro) "nach und nach sämtliche Fragen der gesamten Branche" zu beantworten, verliert er sich schon nach wenigen Schritten in einem Gestrüpp aus Halbgarem, Tendenziösem und insiderhaften Schlagworten. Auch Heiser macht mit Plötzlich diese Übersicht (Claassen Verlag, 368 Seiten, 22 Euro) einen Dschungel im Dschungel auf, ein buntes Diskursfeuerwerk inklusive.

Den im Titel angekündigten Überblick verschafft der dem Slapstick zugeneigte Autor zwar nicht, versteht aber, mit seinem Theorie-"Rambazamba, Biffbängbumm" (so eine sprechende Überschrift) immerhin fröhlich zu unterhalten.

Wie ein Rundflug über das unwegsame Gelände mutet dagegen Claudia Herstatts überarbeitet neu aufgelegtes Fit für den Kunstmarkt an (Hatje Cantz Verlag, 216 Seiten, 14,80 Euro). Vom Kurzabriss aktueller künstlerischer Arbeitsweisen bis zu Tipps für den Kunsttransport leistet es rundum Service am abenteuerlustigen Leser. Die ehemalige Kunstberaterin Piroschka Dossi wagt sich weiter vor, erdet den Rummel durch Besonnenheit und schlägt mit Hype!

Kunst und Geld (dtv, 260 Seiten, 14,50 Euro) erhellende Schneisen durch das streckenweise zwielichte Feld der großen und schnellen Geschäfte.

Die Wertschöpfungskette zwischen Künstlern und Käufern schreitet auch Katja Blomberg ab. Mit einer aktualisierten Fassung von Wie Kunstwerte entstehen (2005) ist für März 2008 ein weiterer Titel angekündigt, der den schnelllebigen Betrieb per Neuauflage dingfest zu machen versucht (Murmann Verlag, zirka 230 Seiten, zirka 22 Euro).

Ein Thesengewitter hat Hanno Rauterberg inszeniert, um eine Debatte um eher ideelle Werte in Gang zu setzen. Auf eine ausgemachte "Qualitätskrise" antwortet der "Zeit"-Redakteur mit einem geballten Kriteriengewölk, in das auch eine handliche Liste populärer Missverständnisse oder ein Zehn-Punkte- Plan zu einem "qualitätsvollen Sehen" keine rechte Aufklarung zu bringen vermögen (Und das ist Kunst?!, S. Fischer Verlag, 304 Seiten, 16,90 Euro). Die Frage Was ist gute Kunst? hat auch den Galeristen und Kunstberater Wolfram Völcker in seinem gleichnamigen Buch umgetrieben, für das er 13 "ausgewiesene Fachautoren", das heißt: vornehmlich Kuratoren und Direktoren hiesiger Museen zu Rate gezogen hat. - Als seien diese Hallen noch immer heilig und ein unbestrittener Qualitätsgarant (Hatje Cantz Verlag, 168 Seiten, 24,80 Euro).

Der amerikanische Sammler Adam Lindemann hat auch internationale Galeristen, Berater, Sammler, Auktionatoren und einen Kritiker in seinen Gesprächskreis aufgenommen. In die gesammelten "Worte der Weisen" - von Larry Gagosian bis zu Charles Saatchi - weiht sein 2006 erschienenes Collecting Contemporary ein (Taschen, 300 Seiten, 24,99 Euro). Ein "Kleines Glossar von Begriffen, die Sie kennen sollten" klärt in aller Knappheit über Hintergründe der "Modernen Kunst" wie der "Anteiligen Schenkung" auf.

Mit Harald Falckenberg ist ein weiterer Sammler unter die Ratgeberautoren gegangen. Knapp den Klauen eines für den Kunstbetrieb konstatierten "Raubtierkapitalismus" entkommen, leitet er über exklusive Trampelpfade und lotet hoch frequentierte Gemeinplätze aus. Seine erfahrungssatten Aufzeichnungen Aus dem Maschinenraum der Kunst (Philo & Philo Fine Arts/EVA, 376 Seiten, 22 Euro) warten unter anderem mit der Erkenntnis auf, dass sich Kunst, wie jede echte Erlebnisreise natürlich auch, "nicht erkaufen lässt, sondern erarbeitet werden muss".

Thesengewitter, weise Worte, Listen, Glossare und jede Menge gut gemeinter Tipps führen durch das undurchsichtige Gelände