Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 20-25

Herr der Klebefolien

Von Sandra Danicke

Tjorg Douglas Beer malt mit Plastikplanen und Klebeband. Seine Bilder und Installationen verarbeiten spielerisch den Irrsinn der Welt - armes Material, reicher Inhalt

Die Tür im Obergeschoss einer ehemaligen Fabrikhalle ist nur angelehnt. Klingeln hätte ohnehin keinen Zweck: Drinnen hämmern Handwerker im Badezimmer herum. Die Waschmaschine gurgelt, und Tjorg Douglas Beer hat zum Ausgleich den Klassiksender im Radio aufgedreht. Die Räume in Berlin-Kreuzberg, die Beer zugleich als Wohnung und Atelier nutzt, sind hell, weitgehend leer und sehr aufgeräumt.

Ganz anders als in den dichten Bildern und Installationen des Künstlers, in denen die Mächte der Finsternis hausen und bis an die Zähne bewaffnete Krieger wüten. In denen Särge, Galgen und Knochen gruselige Ornamente bilden und seltsame Tiere, Grimassen und Kriegsfahrzeuge ihr Unwesen vor düsteren Hintergründen treiben. "Das Wichtigste ist die richtige Atmosphäre", brüllt Beer über eine nun ebenfalls in Betrieb genommene Espressomaschine hinweg, und man ist nicht ganz sicher, ob er die Räume oder die Kunst meint, wahrscheinlich beides.

So, wie an manchen Orten das Raumgefühl einfach das richtige ist, ohne dass man das vorher schon im Detail planen kann, geht es Tjorg Beer auch in seiner Kunst um eine aufgeladene, wenngleich diffuse Atmosphäre, die eher durch ein versiertes Herumprobieren erreicht wird, als durch exakt umgesetzte Konzepte. "Es geht um die Suche nach Unmittelbarkeit, nach einem Moment, der nicht berechenbar ist", erläutert der Künstler, dessen Arbeiten häufig so assoziationsreiche Titel wie "Troja Boja-Morgentodde", "Parawahn/ Einbauschranke" oder "Schizotropenfolter" tragen.

Das kalkulierte Ausformulieren eines vorher Gedachten finde er totlangweilig, ruft der 34-jährige Maler und Bildhauer, dem das akustische Tohuwabohu nicht das Geringste auszumachen scheint. Langeweile allerdings ist ein Zustand, den Tjorg Beer keine fünf Minuten erträgt. Also läuft er nicht nur wie getrieben in seiner Wohnung umher, er ist auch fast ständig auf Reisen. Wenn er nicht in Berlin ist, arbeitet Beer in einem New Yorker Atelier, besucht Messen in Miami oder London oder baut Ausstellungen in Oslo, Sapporo oder Karlsruhe auf.

Künstler, die immer wieder Ähnliches reproduzieren sind Tjorg Beer ein Rätsel.

Er jedenfalls wechselt gerne mal das Medium, malt, klebt, filmt, baut Rauminstallationen oder Paravents mit apokalyptischen Landschaf en, in denen Menschen oder ähnliche Wesen schicksalsergeben in blutige Abgründe stürzen oder sich duellieren.

Auch in der Wahl der Materialien liebt Beer die Abwechslung. Mal ist es Pappe, mal Latex, Holz, Plastikfolie, Alublech, oder es sind Neonröhren, die den Künstler zu improvisiert anmutenden Objektcollagen und Rauminszenierungen inspirieren. Es sei übrigens ein Gerücht, dass er nur billige Trashmaterialien verwende, erklärt Beer. Schließlich sei eine Rolle Klebeband genauso teuer wie eine Tube Farbe. "Es geht mir ja nicht um Ärmlichkeit, sondern um eine bestimmte Material ästhetik, darum, dass es eine gewisse Kraft, eine rohe und ungeschliffene Energie ausstrahlt." 1973 in Lübeck geboren, wuchs Beer zunächst in einem Hamburger Vorort auf, um schließlich in Hamburg Kunst zu studieren. Nebenbei betrieb er zwischen 1999 und 2004 mit Tatjana Greiner den Ausstellungsraum "Taubenstraße 13" an der Reeperbahn, in dem die örtliche Kunstszene ein und aus ging und die Präsentationen im Ein- bis Zwei-Wochen-Rhythmus wechselten. So wurden innerhalb von fünf Jahren mehr als 150 Ausstellungen gezeigt - ein atemberaubendes Tempo.

Zwischendurch trieb sich Beer in den Reeperbahn-Bars und Theatern herum, und womöglich hat er nicht zuletzt hier gelernt, dem Irrsinn um sich herum mit einer Mischung aus Zynismus, aufrichtigem Interesse und infantiler Ignoranz zu begegnen. "Ich will diesen unglaublichen Quatsch, der uns umgibt, auf für mich adäquate Weise formulieren, den ganzen tristen, tragischen, unverstehbaren Dauerunfall der Menschheit kanalisieren, bearbeiten und entladen", erklärt der Künstler vollmundig. Dafür sei es auch schon mal notwendig, "mit Vollkaracho rückwärts immer wieder durch sich selber hindurch zu krachen".

Wenn Tjorg Beer über seine Kunst spricht, klingt das bisweilen kryptisch und auch schon mal ein wenig umständlich.

Mit weitschweifigen Formulierungen versucht er sich dem anzunähern, was seine Arbeiten rein assoziativ vermitteln sollen. Etwas, das sich weder in Worte noch in allzu akkuraten Formen fassen lässt. Verbissenheit und erhobene Zeigefinger sind Beer genauso ein Graus wie Perfektion.

Die Welt sei schließlich auch nicht perfekt und die interessanten Menschen seien doch wohl die mit den Macken, findet der Künstler. Tjorg Beer will Fehler zulassen und sich bei seinen "Versuchen zu etwas hin" selbst ins Stolpern bringen. Keine Frage: Beer ist ein Idealist. Einer allerdings, der sich und die Welt nicht allzu ernst nimmt und dem bei aller Inbrunst immer ein Lächeln im Mundwinkel steckt.

Ernste Themen wie Krieg oder Zukunftsängste behandelt der Künstler mit Witz und einer traumwandlerischen Leichtigkeit. Er wolle, so Beer, "die Schrecken und Ärmlichkeiten der Welt in ein Szenario verfrachten, in dem sie zu lächerlich einfach überwindbaren Figuren werden". In seinen jüngsten Installationen, die Titel wie "Hirnwaschanlage", "Tohuwabohu" oder "Himmelfahrtskommando" tragen, wähnt man sich in einem seltsamen Niemandsland, in dem palästinensische Krieger, christliche Gralshüter (die mit ihren hohen, spitzen Mützen auch als Angehörige des Ku- Klux-Klans durchgehen würden) und Science-Fiction-Wesen eine groteske Kampfzone ausgerufen haben. Die erschreckt jedoch nur auf den ersten Blick, bis man sich klar macht, dass die Maschinengewehre aus PVC-Rohren gefertigt und die Sektenführer lächerliche Zwerge sind. Stets kombiniert Beer naive mit brutal wirkenden Elementen, schafft Monster, die in ihrer dilettantischen Machart schon wieder rührend anmuten und bannt so die Gespenster, die ihn umtreiben.

Derzeit ist es die Steuererklärung.

Als ein Windstoß seine sorgfältig sortierten Belege vom Küchentisch fegt, schließt Beer leise fluchend das Fenster, bleibt eine Weile dort stehen und lobt schließlich die Aussicht. Die Waschmaschine hat sich inzwischen zum Schleudergang vorgearbeitet, aus dem Bad kreischt eine Kreissäge, und Tjorg Beer schaut versonnen in die Ferne.

In zehn Tagen schon fliegt er für vier Wochen nach New York.

Galerien: Produzentengalerie Hamburg, www. produzentengalerie.com; Mitchell-Innes & Nash, New York, www.miandn.com Literatur: Tjorg Douglas Beer, "Mañana Resistance", Revolver Archiv für aktuelle Kunst, 2006

Versiertes Herumprobieren:

Tjorg Douglas Beer in seinem Berliner Atelier (Foto: Julia Baier)

Gralshüter in apokalyptischen Landschaften: "Bande/Maladie (2007, 200 x 141 cm, verschiedene Materialien auf Aluminium)

"Polyxena" (2007, 80 x 60 cm, verschiedene Materialien auf Plastikfolie): "Es geht um eine gewisse Materialästhetik"

"Tohuwabohu" (2006): Installationsansicht von Beers Ausstellung in der Galerie Erik Steen in Oslo