Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 141
Manierierter Automobil-Tempel
Von Birgit Sonna
Architektur II: Münchens "BMW-Welt" von Coop Himmelb(l)au
Das Dach ist so generös geschwungen, dass es in seinem Wellenschlag auch den Markusplatz in Venedig überspannen könnte. Ein spindelförmiger Pavillon, der als biomorph aufgeblähter Fantasiepilz den Auftakt zum gigantischen neuen BMWUniversum markiert. Und im lichterfüllten Innern der riesigen Glashalle entfaltet sich schließlich die volle Sogkraft der gekurvten Architekturlandschaft.
Die von dem aufmüpfigen Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au gestaltete "BMWWelt" nimmt den Münchner Norden mit imposanter futuristischer Geste ein. So genannte "Carchitecture", wie sie auch in Dresdens "Gläsernen Manufaktur" von VW oder im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart realisiert wurden, haben kultischen Charakter:
Die Abholer der frisch vom Stapel laufenden Autos, gerne als Premiumkunden hofiert, nehmen ihr Gefährt in einem pseudosakralen Zeremoniell entgegen. In der "BWM-Welt" rotieren die angestrahlten Autofetische vor ihrer Übergabe minutenlang auf Drehscheiben. Kein Wunder also, wenn Baumeister Wolf D. Prix das kürzlich eröffnete, auf nur elf Pendelstützen aus Beton ruhende Aus lieferungszentrum mit einem griechischen Tempel vergleicht.
An die faszinierende Leichtigkeit der benachbarten Zeltarchitektur des Olympiazentrums reicht der amorphe BMW-Koloss nicht heran.
"Die Konstruktion im Olympiazentrum folgt den Kräften, wir biegen die Kräfte", bemerkt Prix.
Manierierte Schwurbelformen im Interieur versetzen Passanten in den Strudel einer plötzlich real gewordenen Animationsarchitektur.
Die oftmals unmotiviert auf der Galerie oder auch einer Brücke sich ausbeulenden Balkone allerdings wirken nur bedingt vertrauenswürdig.
Die durch die große spiralenförmige Abholrampe strukturierte Binnenarchitektur aus Stahlbeton bietet sechs unterschiedliche Ebenen, ausgestattet mit Restaurants, Läden, Fahrsimulatorräumen und vielem mehr. Das insgesamt 73 000 Quadratmeter große Gebäude, bis auf den Abholbereich ein frei zugängliches Erlebniszentrum, könnte sich tatsächlich als eine neue Form der Agora, eines zeitgemäßen Marktund Kommunikationsplatzes erweisen.
Beschwingt vom architektonischen Elan kann man hier bis zwei Uhr nachts lustwandeln, einkaufen, dinieren, Konferenzen abhalten sowie in einem 800 Plätze fassenden Auditorium Kultur genießen. "Ich bin auf diese komplexe BMW-Architektur stolz, sie ist elegant, dynamisch und sexy", klopft sich Prix selbst auf die Schulter und braust in seinem Porsche davon.
Termin: "Coop Himmelb(l)au" - umfassende Werkschau, Museum für angewandte Kunst in Wien, 12. Dezember bis 11. Mai 2008
Kasten:
Coop Himmelb(l)au ist 1968 von Wolf D. Prix (Foto), Helmut Swiczinsky und dem heute nicht mehr beteiligten Michael Holzer in Wien gegründet worden.
Das Architekturbüro erregte mit "dekonstruktivistischer Architektur" Aufsehen.
1988 wurde ein zweites Büro in Los Angeles eröffnet. Machte Coop Himmelb(l)au anfangs eher durch gewagte Entwürfe und flammende Aufrufe wie "Architektur muss brennen" von sich reden, so zeugt mittlerweile eine beträchtliche Anzahl weltweit realisierter Architekturprojekte von internationaler Anerkennung. Viel bewundert wurde der Umbau des Gasometers in Wien (2001). Nachdem das Akron Art Museum in Ohio dieses Jahr eingeweiht wurde, steht in den USA 2008 die Eröffnung der Central Los Angeles Area High School an.
Die riesige spiralförmige Abholrampe (links) beherrscht das lichtdurchflutete Innere des imposanten Gebäudes
