Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 140
Keine Visionen
Von Birgit Sonna
Architektur I: Aus für die Werkbundsiedlung München
Es war das einzige ambitionierte Projekt, das München im Bereich des Wohnungsbaus seit längerem vorzuweisen hatte: Zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Werkbunds hatte der Werkbund Bayern einen Entwurfswettbewerb für die Neubausiedlung Wiesenfeld initiert. Architekt Kazunari Sakamoto aus Japan setzte sich durch. Sein Entwurf eines Stadtraumgebildes aus "Punkthäusern" wurde von der Fachkritik gefeiert. Doch scheiterte das mit seinen unterschiedlich hohen Kuben zwar verdichtete, aber den noch über viele Freiflächen verfügende urbane Zu kunftsmodell an Bedenkenträgern aus der Koalition von SPD und Grünen. art-Korrespondentin Birgit Sonna sprach nach der Ablehnung im Stadtrat mit Münchens Stadtbaurätin Elisabeth Merk, die für die Siedlung plädiert hatte. art: Münchens Oberbürgermeister Christian Ude vergleicht Sakamotos Wohnvision mit einer "Tokioter Würfellandschaft". Wie bewerten Sie das Projekt in ästhetischer Hinsicht?
Merk: Er wäre sicher gestalterisch ein Beitrag zur Revision der Moderne gewesen. Wiesenfeld hätte die Chance geboten, die nicht eingelösten Versprechen der Moderne neu zu kommunizieren. Wenn es um Retroentwürfe oder den "New Urbanism" geht, gibt man den Ideen der Moderne heute ja wieder Raum.
Welche Probleme warf der Entwurf dennoch auf?
Die ökologische Bilanz blieb leider grenzwertig, das konnte auch ich nicht völlig entkräften.
Worin liegt das innovative Potenzial des Entwurfs?
Das Modell spiegelt sehr wohl Wünsche von Bürgern, die nach einer neuen Form des Wohnens und der Nachbarschaft verlangen und sich partizipativ in die Bauprozesse einbringen wollen.
Es gibt in einer so großen Stadt wie München genug Menschen, die eine möglichst urbane Wohnform wollen und dafür brauchen wir auch mehr Angebote.
Ist eine historische Chance vertan worden?
Es wird ja immer die erste Werkbundsiedlung, die Weißenhofsiedlung in Stuttgart von 1927, herbeizitiert. Wenn man sich mit bekannten Siedlungen der Vergangenheit beschäftigt, so hatten diese stets ein Hauptthema: Sie lieferten entweder einen grundlegenden Beitrag zum Städtebau, zur Wohntypologie oder zur Bautechnik.
Städtebaulich war die Weißenhofsiedlung unabhängig von der schönen Lage am Killesberg ein Schlag ins Wasser.
Sind Fehler der Auslobung gemacht worden?
Der Werkbund wollte in München wohl zu viel auf einmal!
Man ist letztlich an den großen Ansprüchen, ein gestalterisches als auch ökologisches und soziales Idealmodell einer heutigen Stadtsiedlung entwickeln zu wollen, gescheitert.
Baurätin Elisabeth Merk vor dem Siegerentwurf des Architekten Kazunari Sakamoto
