Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 140

Abendrobe statt Camouflage

Von Birgit Sonna

Haus der Kunst: Dercon rüstet schon für den 100. Geburtstag

Unlängst erst ist das Münchner Haus der Kunst von seinen romantisierenden Weinranken befreit worden. Der Wein, das sei doch nichts als "Camouflage" gewesen, sagt Direktor Chris Dercon. Just 70 Jahre nach der Einweihung des "Hauses der Deutschen Kunst" durch Hitler hat Dercon bei seinem peu à peu erfolgten "kritischen Rückbau" nun eine wesentliche Etappe abgeschlossen.

Die baulichen Nachkriegskaschierungen aus dem "Ehrensaal" sind beseitigt worden. Um diese Mittelhalle für Veranstaltungen sowie Film- und Videoinstallationen variabel nutzen zu können, hat Dercon einen pompösen Vorhang von der niederländischen Designerin Petra Blaisse entwerfen lassen. Wie eine schwere Abendrobe umhüllt die modifizierbare Vorhangkonstruktion nach Bedarf unterschiedliche Raumgrößen.

Doch Dercon, ausgestattet mit einer gesunden Portion Hybris, hat bereits den 100-jährigen Geburtstag des Hauses im Visier. Alle zwei Monate bildet er mit den Architekturgrößen Rem Koolhaas und Herzog & de Meuron einen so genannten "Think Tank". "Da geht es darum, welche Geschichte man mit dem Haus der Kunst überhaupt erzählen will", erklärt Dercon. "Die Nazi-Vergangenheit ist fundamental, aber es gibt auch interessante Interpretationen des Hauses nach dem Krieg." Überdies stehen enorme Umstrukturierungen an: Nach dem Auszug des Bayerischen Staatsschauspiels aus dem Westflügel möchte Dercon die Räume dort mit einem kommerziellen Mischprogramm aus Kunstmessen, Modeschauen, Empfängen und Bällen bespielt wissen. Wenn der Westflügel dann restauriert ist, möchte Dercon seine Ausstellungen in diesen Trakt verlagern, dafür die Ostseite einem Kulturbetreiber zuschlagen.

Diese avisierten Baumaßnahmen waren wohl entscheidend dafür, dass die nach London abgewanderte Kuratorin Stephanie Rosenthal durch Ulrich Wilmes vom Museum Lud wig in Köln ersetzt wurde. Ein Kurator, der sich eher durch Übernahmen als durch eigene Projekte hervorgetan hat, aber viel Erfahrungen mit Umbauten besitzt.

Toni Schmid, Leiter der Kunstabteilung im Staatsministerium, unterstützt die Pläne: "Der Gedanke, mit der kommerziellen Nutzung eines Flügels Geld für Ausstellungen zu verdienen, ist verführerisch."

Chris Dercon peppt das Erscheinungsbild des Hauses der Kunst gern auf:

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