Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 133-134
Deutschland isoliert sich
Von Boris Hohmeyer
Energiesparen: Die staatlich geförderte Wämedämmung verschandelt Ortsbilder
Kein Zweifel, Energiesparen tut not. Aber der politische Übereifer, mit dem es hierzulande betrieben wird, führt zu einer wachsen den Welle von architektonischer Selbstverstümmelung. 1,4 Milliarden Euro pro Jahr steckt die Bundesregierung derzeit in ihr CO2-Gebäudesanierungsprogramm, ein Großteil davon fließt in die Verpackung von Fassaden mit Hartschaum, Steinwolle oder Holzfaserplatten. Zusammen mit der zukünftigen Verpflichtung, Mietern oder Käufern einen so genannten Energiepass vorzulegen, treibt dieses Programm Hausbesitzer zu kopflosen Dämmmaßnahmen ohne Rücksicht auf Ästhetik und Bauphysik; eine weitere Verschärfung der Energieeinsparverordnung will Umweltminister Sigmar Gabriel Anfang Dezember auf den Weg bringen.
Die Folgen für Gebäude und ganze Viertel sind unübersehbar:
In Backsteinstädten wie Hamburg verschwinden viele aus drucksvolle Zwanziger-Jahre-Klinker unter Tapeten aus Industrieziegeln, während Nachkriegsbauten oft kurzerhand überputzt werden; etliche Seebäder und Bauerndörfer scheinen von reisenden Isolierern gleich komplett in Styropor gehüllt worden zu sein, und selbst die Besitzer von Fachwerkhäusern lassen sich Verkleidungen auf drängen, hinter denen Kondenswasser Balken und Gefache faulen lässt. Überhaupt ist unklar, wieweit die mehr oder weniger luftdichten Außenhäute der Bausubstanz schaden - und ob sie wirklich so viel Energie sparen wie versprochen, ist unter Experten durchaus umstritten.
Erhaltungssatzungen, die im Gegensatz zum Denkmalschutz nicht Einzelbauten, sondern Ortsbilder bewahren sollen, können Modernisierungen laut Gesetz nur dann abwenden, wenn diese "die städtebauliche Gestalt des Gebiets" beeinträchtigen würden.
In der Praxis lässt sich das schwer nachweisen, zumal viele Eingriffe dem flüchtigen Blick kaum auffallen.
Doch selbst bei schlichten Putzbauten bleibt kaum etwas wie früher: Messerscharfe Ecken, unwirklich glatte Flächen und oftmals grelle Farben wirken wie am Computer simuliert, die Wände ragen gegen alle Gesetze von Logik und Statik über ihre (in der Regel nicht gedämmten) Sockel hinaus, die Fenster versacken tief in den plumpen Fassaden.
Das verdirbt beispielsweise besonders die schmucklosen Siedlungen der fünfziger Jahre, deren präzise Proportionen erst allmählich als eigene Qualität entdeckt werden.
Besonders schmerzhaft wirkt solcher Wandel aber in einer über Jahrhunderte gewachsenen Altstadt wie der von Erfurt in Thüringen:
Die Dämmplatten tilgen alle Spuren von Handwerk oder Geschichte und lassen auch keine Patina erwarten, mit der sie selbst in Würde altern könnten.
Vielmehr bröckeln gerade beim billigen und darum auch besonders verbreiteten Hartschaum die Ecken schnell ab, Stöße hinterlassen Dellen und Löcher - so lang wie Mauerwerk dürfte kein Dämmstoff halten (siehe unten stehendes Interview).
Was aus den Massen von Kunststoffmüll wird, die da im Namen des Umweltschutzes verbaut werden, ist dann die nächste Frage.
Kasten:
Dämmungssünden Wenn Sie sich über hässliche Fassadendämmung ärgern, greifen Sie zur Kamera und senden Sie die Bilder an: kunst@art-magazin.de oder art, Brieffach 25, 20444 Hamburg - Stichwort: Dämmungssünden.
Wir zeigen Ihre Aufnahmen auf www.art-magazin.de
Das alte Mühlengebäude in der Erfurter Forsterstraße (links ein Foto von 1995) ist nach wärmedämmender Modernisierung kaum wiederzuerkennen
Links das alte Schulhaus an der Kirche im Erfurter Stadtteil Ermstedt vor der Wärmedämmung - rechts dasselbe Gebäude verkleidet und verputzt
Hamburg: Klinker-Zeile im Mettlerkampsweg - gedämmter und verputzter Klinkerbau im Chapeaurougeweg
Alte Rotklinkerfassade und wärmegedämmte Version (rechts) stoßen in dieser Hamburger Anlage aufeinander
