Ausgabe: 12 / 2007
Seite: 137
Kernfrage ausgespart
Von Susanne Altmann
KOMMENTAR
An dieser Stelle will Dresden mit aller Gewalt barock sein. Das mussten die Architekten Jelena Bozic und Peter Cheret schmerzlich erfahren, als der Architekturstreit um ihr geplantes Gewandhaus auf dem Dresdner Neumarkt ausbrach. Unmittelbar gegenüber der Frauenkirche sind die Stuttgarter Wettbewerbssieger für das neue Gebäude offenbar im Begriff, heilige Erde zu entweihen. Dabei war ihr Auftrag doch eindeutig: Sie sollten einen zeitgenössischen Kommentar im pseudohistorischen Umfeld schaffen. Zudem setzt ihr Entwurf für eine private Kunsthalle durchaus auf barocke Inszenierungsmaßnahmen: eine breite Außentreppe befriedigt den Hang zum Repräsentieren, der frei zugängliche Dachbalkon gewährt einen grandiosen Blick auf die wiederaufgebaute Altstadt. Nun sollen die Architekten mit einer teuren Fassadenattrappe ihre Pläne rechtfertigen - vor allem vor den Stadträten, die offenbar nicht in der Lage sind, sich den Bau anhand von digitalen Animationen und einem Modell vorzustellen.
Anfang 2008 soll im Stadtrat die Entscheidung für oder gegen den Bau fallen. Schon jetzt signalisieren einige Parteien Widerstand, denn schließlich stehen 2009 ja Kommunalwahlen an.
Dabei wird die Kernfrage, nämlich nach dem Inhalt des neuen Gewandhauses, kaum diskutiert: Wer sollen die Privatsammler sein, die hier auftreten?
Wer entscheidet über die Qualität der Sammlungen? Überhaupt:
Wer finanziert den Betrieb des Kunstorts? Die Stadt will dem Investor die Suche nach Sammlern und privaten Finanzierungsmöglichkeiten überlassen. Sie zahlt lieber165 000 Euro für die Fakefassade. Eine solche Summe könnten die wenigen kommunalen Galerien gut brauchen. Sie sind chronisch unterfinanziert und leiden am schweren Stand der Gegenwartskunst in Dresden.
