Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 127
"Kein bloßer Fassadenfake"
Von Susanne Altmann
Architektur: Rekonstruktion der Gropius-Villa umstritten
Am 7. März 1945 fiel in Dessau eine späte Kriegsbombe, mit deren Nachwirkungen die Stadt heute noch kämpft. Sie zerstörte das Haus des Bauhaus-Direktors Walter Gropius (1883 bis 1969) und die benachbarte Doppelhaushälfte von László Moholy-Nagy (1895 bis 1946). Nun soll das einzigartige Ensemble, das sieben Meisterhäuser umfasste, wieder komplettiert werden - als Dessauer Beitrag zur Internationalen Bauausstellung 2010. Doch die Debatte um das Aussehen des "neuen" Gropius-Hauses spaltet die Stadt. Denn 1956 wurde über dem noch erhaltenen Keller des Gebäudes ein Einfamilienhaus im Spitzdachstil errichtet. Nach Vorstellungen der Stadtverwaltung soll das Haus einer Replik des Originalbaus weichen. Dagegen verwahren sich Experten vom Bauhaus Dessau wie der Architekt Rainer Weisbach. Sein Argument: "Gropius selbst wäre nie auf die Idee gekommen, sein Haus noch mal zu bauen." So müsste entweder das Spitzdachhaus in den Entwurf einbezogen werden oder etwas Neues entstehen.
Im Sinne einer solchen architektonischen "Aktualisierung der Moderne" wurde 2006 der vierte Internationale Bauhaus Award ausgeschrieben. Die Siegeridee der Münsteraner Architekturstudenten Michél Flaßkamp und Stephan Weber schlug eine Verschiebung des umstrittenen Wohnhauses und eine Erhaltung von Gropiuskeller- und Garage vor, mit unterirdischen Veranstaltungsflächen. Dessaus Kulturamtsleiter Gerhard Lambrecht jedoch plädiert weiter für die Meisterhaus-Rekonstruktion.
Nun muss die Stadt, der die betreffenden Grundstücke gehören, einen Realisierungswettbewerb ausschreiben. Das Moholy- Nagy-Domizil soll an die noch vorhandene Doppelhaushälfte, in der Lyonel Feininger wohnte, wieder angebaut werden. Wie aber das als Besucherzentrum gedachte Gropius-Haus aussehen wird, hängt vom Ausschreibungstext und von der Jury ab, in der Vertreter beider Richtungen sitzen werden. Klar scheint, dass die Innenräume der Gropius-Wohnung nicht reproduziert werden. Denn das avantgardistische Wohnexperiment war überraschend eng - für die erhofften Besuchermassen also ungeeignet. Ein bloßer "Fassadenfake" aber ist für Bauhaus- Direktor Omar Akbar undenkbar:
"Wenn es schon sein muss, dann eine strenge Rekonstruktion."
Das Haus von Bauhaus-Direktor Walter Gropius, aufgenommen 1926
Über dem Keller des Gropius-Hauses entstand 1956 dieser Bau - eine "UmBau-Installation" zeigt Fensterumrisse des zerstörten Meisterhauses
