Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 98

Scharfkantige Zwischenräume

Von Kito Nedo

BERLIN: NEUE HEIMAT - BERLIN CONTEMPORARY

"Neue Heimat" lautet der altbacken klingende Titel der Überblickspräsentation zur aktuellen Berliner Kunstproduktion in der Berlinischen Galerie. Glücklicherweise spielen jedoch weder das Heimatmotiv noch die Stadt Berlin in der mit Werken von 29 Künstlern internationaler Herkunft gut bestückten Ausstellung eine Rolle. Eher scheint die künstlerische Auseinandersetzung mit gebauter Umwelt das eigentliche Thema der Schau zu sein, mit der sich ihre Kuratorin Ursula Prinz nach langjähriger Tätigkeit als stellvertreten de Direktorin der Berlinischen Galerie verabschiedet.

Schon die erste Arbeit spielt auf die ungeschriebenen Regeln an, die sich über eine Raumstruktur artikulieren: Eva Grubinger zwingt die Besucher schlangen linienförmig durch ein aufgestelltes Gurtband-Leitsystem zu gehen, als stünde an dessen Ende der Check-In-Schalter einer Billigfluglinie. Statt dessen sieht man sich mit dem Infrastrukturskelett eines Wohnhauses konfrontiert. Die Finnin Tea Mäkipää legt das Gewirr aus Wasser- und Stromleitungen, Abluftsystemen und Heizungsrohren, die sonst hinter Wänden verborgen liegenden Kreisläufe frei, an die der Stadtmensch wie selbstverständlich angeschlossen ist. Zu so viel Funktionalität bilden die Skulpturen von Jeroen Jacobs einen schönen Kontrast: Der niederländische Künstler hat verschiedene Zwischenräume in seinem Berliner Atelier mit Beton ausgegossen.

So sind Kleinskulpturen entstanden, die trotz ihrer Schwere und Scharfkantigkeit doch Leichtigkeit und Sinnfreiheit verbreiten. Während Jacobs den Raum verdichtet, geht es Nina Fischer und Maroanel Sani um seine endlose Dehnung.

In ihrer Videoinstallation "The Rise" (2007), in der ein junger Mann an der Außentreppe eines Hochhauses scheinbar endlos der obersten Etage entgegen hastet, markieren sie das Unbehagen an der modernen Architektur.

Es spricht weder für noch gegen die hauptstädtische Kunstproduktion, dass man dieser Ausstellung nichts Berlin- Spezifisches ablesen kann. Die Chance einer längst fälligen Neubewertung des Mythos "Berlin" wurde allerdings leichtfertig verschenkt. Termin: bis 7. Januar 2008. Katalog: Kerber Verlag, 19,80 Euro, im Buchhandel 29,80 Euro.

Internet: www.berlinischegalerie.de

Michel de Broins Skulptur "Black Whole Conference" (2006) umkreist eine leere Mitte