Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 91

Platzhalter der Erinnerung

Von Michael Kohler

Die britische Künstlerin erhält den August-Seeling-Preis des Lehmbruck-Museums DUISBURG: RACHEL WHITEREAD

Dem philosophischen Schabernack zugeneigte Menschen trällern bei Rachel Whiteread, 44, unweigerlich ein Galgenlied: "Es war einmal ein Lattenzaun,/ mit Zwischenraum, hindurchzuschaun./ Ein Architekt, der dieses sah,/ stand eines Abends plötzlich da/ und nahm den Zwischenraum heraus/ und baute draus ein großes Haus." Christian Morgenstern verdanken wir diese augenzwinkernde Vorwegnahme einer Kunst, die Hohlräume als Gussformen nutzt und zu geisterhaften Platzhaltern verbaut. Besonders eindrucksvoll war dies an dem zum Abriss stehenden "House" (1993) im Londoner East End zu sehen, das Whiteread mit Beton ausspritzte, um den ausgehärteten Kern anschließend von seiner architektonischen Hülle zu befreien. Dieses gestalterische Prinzip wendet sie seitdem mit wechselnden Materialien auf das Mobiliar des alltäglichen Lebens an: So ließ die Künstlerin, deren Arbeiten das Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museum nun anlässlich der Verleihung des August-Seeling- Preises zeigt, das Innere eines Kleiderschranks mit einem schwarz gefärbten Gipsblock greifbar werden, stellte ein in Eisen gegossenes Negativ ihres Atelierfussbodens her oder drückte die Unterseite eines Tisches in bräunlich schimmerndes Harz. Auf bewegende Weise treten dabei an den Stellvertretern die persönlichen Assoziationen hervor, die man am vertrauten Objekt vor lauter Gewohnheit womöglich übersieht. Was wiederum beweist: Ohne die individuelle Aufladung der Dinge mit Erinnerungen wären diese so "gräßlich und gemein", wie es Morgenstern beim Anblick des seines Zwischenraums beraubten Lattenzauns beschrieb. Termin: bis 13. Januar. Broschüre: zirka 5 Euro.

Internet: www.lehmbruckmuseum.de

Whiteread nimmt Hohlräumen greifbare Körper ab: "Doppel-Türen I (A + B)" von 2006/07