Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 116-117
Unterhosen mit Liebesschwüren
Von Kerstin Schweighfer
Kunstaktion: In Amsterdam stehen Besucher an für arabisierte Kaufhaus-Ware
Neugierig ziehen die beiden Besucherinnen aus Groningen ein T-Shirt aus dem Wühltisch, das mit arabischen Schriftzeichen bedruckt ist. Ein ideales Mitbringsel für die daheimgebliebenen Ehegatten, finden sie:
"Man sollte allerdings wissen, was draufsteht!" - Das wäre in der Tat angebracht, denn in diesem Falle geht es um Komplimente, mit denen Männer in der arabischen Welt mit Frauen anzubandeln pflegen, etwa in der Art: "Du bist ein süßer Nachtisch auf zwei Beinen." Die so genannten "Pick-Up-T-Shirts" sind der letzte Schrei auf der "El Hema"- Ausstellung im alten Posthochhaus unweit vom Amsterdamer Hauptbahnhof, wo das Stedelijk Museum bis zur Fertigstellung seines Erweiterungsbaus untergebracht ist.
Die ungewöhnliche Kunstaktion, bei der arabische und niederländische Grafiker und Designer zusammenarbeiteten, ist benannt nach der populären niederländischen Warenhauskette Hema. Deren Angebot von der Fleischwurst, über Schokostreusel bis hin zu Socken wurde konsequent arabisiert: Statt der lateinischen Schriftzeichen wurde alles ins Arabische übertragen, angefangen bei den Preisschildchen bis zu den Etiketten mit den Waschanweisungen. Mit dieser Aktion lieferte die Amsterdamer Kunststiftung Mediamatic, Initiator des Projekts, einen erfrischenden, entkrampfenden Beitrag zur Multikulti-Debatte. Die wird in den Niederlanden seit dem Attentat auf den islamkritischen Regisseur Theo van Gogh 2004 sehr hitzig geführt.
"El Hema" dagegen bietet reichlich Anlass zum Schmunzeln:
Da gibt es Unterwäsche mit arabischen Liebesschwüren und Weinflaschen mit romantischen Gedichten aus dem Libanon. Heiß begehrt ist auch die "Cut up- Djellaba", ein ursprünglich bodenlanger Kapuzenmantel, der in der El- Hema-Version je nach Wunsch bis auf Minirock-Länge zurückgeschnitten werden kann Böse Reaktionen blieben nicht aus: "Ein paar Leute schickten Hass-Mails", erzählt Mediamatic- Direktorin Jans Possel. Gerade so, als hätten die Moslems mit Hema die letzte Bastion niederländischer Identität erobert: "Dabei geht es hier nicht um den Islam, sondern um arabische Kultur", so Possel. Doch der Erfolg der Aktion übertrifft alle Erwartungen:
Schon am Eröffnungswochenende stand das Publikum Schlange; die T-Shirts waren ruck, zuck ausverkauft, bei Socken und Unterhosen gab es Lieferengpässe.
Der Hema-Konzern hatte zunächst mit juristischen Schritten gedroht, aber schnell eingelenkt:
Die Vergabe des "El Hema-Designpreises" für einen der orginellen Entwürfe erfolgt am 3.
November nun im Beisein von Vertretern der Warenhauskette.
KERSTIN SCHWEIGHÖFER Termin: bis 4. November.
Internet: www.mediamatic.net
Hema-Fleischwurst, mit der ganze Generationen von Niederländern groß geworden sind, gibt es in der arabisierten Variante als Halal-Rinderwurst Besonders gefragt bei den Besuchern von "El Hema" in Amsterdam: T-Shirts mit arabischen Schriftzügen
Arabische Schriftzeichen zieren Schokolade und Handtuch
KERSTIN SCHWEIGHÖFER
