Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 97

Nach allen Regeln der Kunst

Von Heinz Peter Schwerfel

LYON: DIE 9. BIENNALE

Intelligente Spielverderber, die gegen das kuratorische Prinzip verstoßen, verhelfen der 9. Lyon-Biennale zu einer treffenden Definition der Gegenwartskunst. Den schönsten Moment der diesjährigen Biennale von Lyon erlebt der Besucher in einer Saalflucht des Musée d'Art Contemporain de Lyon. Mit einem Kopfhörer ausgerüstet durchläuft er mehrere leere Räume, denen der französische Choreograf Jérôme Bel jeweils ein Stück populärer Unterhaltungsmusik zugedacht hat. Edith Piaf macht den Anfang mit "La Vie en Rose", dann intonieren in einem mit schwarzem Tuch verhängten Raum die Rolling Stones "Paint It Black", ehe vor einem überdimensionierten Spiegel die Heulboje James Blunt ihr "You're Beautiful" schluchzt. Leise lächelnd und in lockerem Tanzschritt füllt der Besucher mit seinen ganz privaten Erinnerungen und Gefühlen die leeren Museumsräume, und wenn im letzten Saal große Fenster den Blick auf die Grünanlagen von Lyons Cité Internationale freigeben und Louis Armstrong dazu "What a Wonderful World" gurgelt, dann ist diese Biennale zum Glücksfall geworden.

Im internationalen Ausstellungsbetrieb ist die Lyon-Biennale mit ihren gerade mal rund 60 Künstlern an vier Orten eher ein Kinderspiel. Und just dieses Spielerische wird zum Leitmotiv, denn die Kuratoren Stéphanie Moisdon und Hans-Ulrich Obrist haben keine Künstler, sondern Kommissare ausgewählt und eine simple Spielregel erfunden: 60 Ausstellungsmacher, Kritiker und Künstler wurden gebeten, jeweils einen Künstler beziehungsweise eine Arbeit zu benennen oder zu entwerfen, die ihrer Meinung nach charakteristisch ist für das "noch namenlose Jahrzehnt", wie der Ausstellungstitel es nennt - die Jahre "00", die erste Dekade des dritten Jahrtausends nach Christus.

Anstatt auf kulturtouristischen Kurz reisen willkürlich Positionen außerhalb der gängigen Westkunst zu suchen, nutzen Moisdon und Obrist ihre globale Vernetzung, indem sie die kuratorische Verantwortung an meist lokale Kompetenz abtreten. Das Ergebnis hätte eine in ihre Einzelteile zerfallende Schau der Beliebigkeit werden können, gäbe es nicht einen intelligenten und schlüssigen Parcours, der in den ehemaligen Lagerhallen La Sucrière mit einem im Zelt gezeigten Reisefilm der Chinesin Cao Fei beginnt, und mit "Clamor" von Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla endet, einer betonierten Bunkerlandschaft, aus der martialische Marschmusik und Durchhaltefanfaren tönen. Hier ein den Besucher einbeziehendes Schattenspiel der Inderin Shilpa Gupta, dort Hollywood-Ästhetik kurzschließende Videos von Una Szeemann, das sexuell aufgeladene Strandidyll des Kaliforniers Christian Holstad oder die aus pornografischen Fragmenten bestehende Eva von Thomas Bayrle.

Die Krönung bildet schließlich eine eigenwillige Retrospektive des Franzosen Pierre Joseph, der junge Kollegen eingeladen hat, seine Arbeiten aus den neunziger Jahren neu zu interpretieren: ein gelungener Verstoß gegen das kuratorische Prinzip. So verleihen intelligente Spielverderber autoritären Spielregeln erst ihren eigentlichen Sinn.

Besser könnte man im ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends die Funktion von Gegenwartskunst kaum definieren.

Termin: bis 6. Januar 2008. Katalog: 28 Euro.

Internet: www.biennale-de-lyon.org

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