Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 100

Verwirrte Welt

Von Birgit Sonna

MÜNCHEN: MAX BECKMANN

Die Pinakothek der Moderne erinnert an das Amsterdamer Exil des von den Nazis verfemten Malers. Er entkam den Nazi-Schergen und Bilderstürmern fünf vor zwölf. Geistesgegenwärtig entschloss sich Max Beckmann zur Abreise nach Amsterdam just an dem Abend, als Hitler anlässlich der Eröffnung des Hauses der Deutschen Kunst in München eine vor Hetzparolen gegen die Moderne triefende Festrede hielt. Noch in der Nacht vom 18. Juli 1937 packten der Künstler und seine Gattin Quappi, geborene Mathilde von Kaulbach, ihre Koffer in Berlin. Zurückgebliebene Bilder schickte eine beherzte Hausmeistersfrau rechtzeitig vor dem Zugriff der Gestapo ins niederländische Refugium.

Zehn Jahre hat Beckmann im Amsterdamer Haus Rokin 85 verbracht, rund ein Drittel seines Werks ist dort entstanden.

Anders als in Deutschland, wo er bis zur offiziellen Nazi-Verfemung zu den hofierten Künstlern gehörte, musste er in Amsterdam ein weitgehend isoliertes Dasein hinnehmen. Die an Beckmann- Gemälden reiche Münchner Pinakothek der Moderne beleuchtet jetzt das "Exil in Amsterdam". Diese in Kooperation mit dem Van Gogh Museum in Amsterdam entstandene Ausstellung sprengt insofern den Maßstab bisheriger Beckmann- Präsentationen, als es ihr gelingt, mit kapitalen Leihgaben die von Einschränkungen bestimmte Schaffensperiode in aller Dichte vorzuführen.

Vor den in einem dezenten warmen Grauton gestrichenen Wänden entfalten fünf der grandiosen Triptychen Beckmanns ihre gespenstisch verrätselte Magie. Doch auch bislang kaum gesehene oder reproduzierte Bilder aus Privatbesitz fesseln nachdrücklich. Im "Familienbild Lütjens" (1944) drängte Beckmann den befreundeten Amsterdamer Kunsthändler Helmuth Lütjens samt Frau und Tochter in ein enges Bildgeviert, verpflichtet das Trio im nächtlichen Ambiente der Besatzungszeit zur intimen Wachsamkeit.

Beckmann versteckte sich gerne hinter den verklausulierten Botschaften seiner Bilder. Deshalb sind auch die schwarz schattierten und konturierten Anspielungen auf Folter, Fesseln, Martialisches mit Vorsicht zu betrachten.

Selbst in den Niederlanden, inmitten einer für ihn "grenzenlosen Verwirrung der Welt", suchte der belesene Beckmann nach den Urgründen des Seins. Und diese sind eher metaphysischer denn realpolitischer Natur. Und das einzige dezidiert politische Bild aus den Amsterdamer Jahren ist in New York geblieben: In "Hölle der Vögel" (1938) verschmilzt Beckmann das völkische Fortpflanzungsdiktat mit zum Hitlergruß erhobenen Kollektivgesten.

Die Münchner Schau ist auch deshalb vorbildlich, weil sie in ihrer ruhigen Präsentation von Landschaften, Porträts, allegorischen Themen so gar nicht zur Spurensuche nach künstlerischen Stigmata des "Entartetseins" taugt. Vielmehr wird bewusst, wie stark Beckmann trotz aller künstlerischer Schmähungen einen distinguierten Abstand zur Zeithistorie wahrte. Mal düster gestimmt, mal hellsichtig mit Kristallkugel ausstaffiert oder auch wieder etwas selbstherrlich auftrumpfend, spiegelte er sich als Augur. Er suchte nach den Inbildern des Getriebenseins. Das Verworfensein der Welt im Großen und Ganzen war Beckmanns Thema, die Nazis auf diesem fatal schwankenden Existenzgrund eine, wenn auch potenzierte, Erscheinung von höllischer Geistlosigkeit. Weiter sollte man bei der Auslegung lieber nicht gehen. Die grausamsten Einbildungen hatte Beckmann im Übrigen gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Termin: bis 6. Januar 2008. Katalog: Hatje Cantz Verlag, deutsche und englische Ausgabe, je 39 Euro, im Buchhandel je 49,80 Euro. Internet: www.pinakothek.de

Für die Ausstellung hat die Münchner Pinakothek der Moderne ihre reiche Beckmann-Sammlung um kapitale Leihgaben ergänzt