Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 84

Mit den Augen Jack the Rippers

Von Hans Pietsch

Das Courtauld Institute of Art zeigt die Prostituiertenbilder des britischen Malers LONDON: WALTER SICKERT

Ein Mord ist so gut wie jedes andere Thema", schrieb Walter Sickert (1860 bis 1942) und machte sich daran, einen Frauenmord auf die Leinwand zu bringen. 1907 war eine Prostituierte in ihrer Unterkunft ermordet aufgefunden worden, nur wenige Straßen von Sickerts Ateliers im Londoner Stadtteil Camden Town entfernt. "The Camden Town Murder" (um 1908) zeigt zwar keine direkten Spuren einer Gewalttat, doch die Atmosphäre des Gemäldes ist eine von Trauer und Verlust.

Zwischen 1905 und 1912 schuf Sickert ein OEuvre, das das Genre des weiblichen Aktes neu definierte. Die Schau in der Londoner Courtauld Institute of Art Gallery, die mehr als 25 Gemälde und Zeichnungen versammelt, will zeigen, wie revolutionär Sickerts Kunst war, nachdem er in den Jahren zuvor Ideen des Impressionismus nach England gebracht hatte. Die in billig eingerichteten Schlafzimmern auf ungemachten Betten liegenden nackten Frauen haben nichts von der glatten Erotik der Aktdarstellungen, die gleichzeitig in den Salons von Paris und London ausgestellt wurden, und die Sickert als "obszöne Monster" bezeichnete.

Ihm ging es nicht um ein abstraktes Ideal weiblicher Schönheit: Mit düsterer Palette und krustigem Impasto malte er die Frauen in einer realistischen Umgebung.

Seine Aktbilder haben erzählerischen Charakter, bieten oft mehrere Lesarten an. Die Vorzeichnungen zeigen, wie er mit verschiedenen Storys experimentierte, ehe er sich für eine entschied.

Während eine seiner ersten Aktdarstellungen "The Rose Shoe" (etwa 1902/05) noch der impressionistischen Vergangenheit verpflichtet ist, entstanden die ersten realitätsnahen Akte während eines Venedig- Aufenthalts 1903/04. Sickert malte auf der Straße aufgegabelte Prostituierte.

Nach seiner Rückkehr nach London richtete er sich in billigen Pensionen in Camden Town mehrere Ateliers ein, und setzte seine Untersuchung des Genres fort.

Die um 1908 entstandenen vier Darstellungen des Prostituiertenmords sind nun im Courtauld Institut of Art erstmals zusammen zu sehen. Sie zeigen Sickerts Faszination für die dunklen Seiten des Londoner Armenviertels. Anklänge an Jack the Ripper sind nicht zu übersehen, und Sickerts Interesse an dem berüchtigten Massenmörder ist dokumentiert.

Die amerikanische Krimiautorin Patricia Cornwell glaubt gar, den Maler als den Ripper selbst entlarvt zu haben.

Termin: bis 20. Januar 2008. Katalog: Paul Holberton Publishing, 20 Pfund. Internet: www.courtauld.ac.uk

Nur die Stimmung des Bildes deutet auf den Mord hin: Sickerts "Nackte von Mornington Crescent" (zirka 1907, 46 x 51 cm)