Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 86
Wilderer im Wald der Stile
Von Till Briegleb
Die Kunsthalle mutet sich eine Gesamtinstallation des Kölner Künstlers zu ZÜRICH: KAI ALTHOFF
Niemand erntete bei der letzten Berlin-Biennale so viel Mitleid wie die Aufpasser im Plattenbau Auguststraße 44. Nur mit Duftschwämmen unter der Nase hielten sie es in dem ehemaligen Hausmeisterbüro aus, das Kai Althoff zusammen mit Lutz Braun in rund vier Wochen in eine veritable Kunsthölle verwandelt hatte. Böden und Wände waren bedeckt mit Zeugs und beschmiert mit Farbe, kopulierende Puppen und Ornamente in der Kloschüssel wechselten sich ab mit lose herumstehenden Kunstwerken und schwer identifizierbarem Gammel. Wer hier verzweifelt nach Luft rang, der atmete entweder den süßlichen Duft von Raumspray ein oder den noch schlimmeren von Exkrementen, die Kai Althoff und Lutz Braun hinter einer Tür zurückgelassen hatten.
Diese Attacke auf die Sinne, deren Kunstwert zahlreiche Besucher kategorisch in Frage stellten, behauptete die Tradition jener Installationskunst von Dieter Roth über Paul McCarthy bis Jonathan Meese, die mit infantilen Mitteln auf verdrängte psychische Muster aufmerksam machen will. Aber die Orgie kindischen Verhaltens und pubertärer Rebellion steht in Althoffs Werk noch für ein anderes Kernthema: das schmerzhafte Abenteuer, ein Jugendlicher zu sein.
Obwohl Althoff mittlerweile über 40 ist, beschäftigt er sich seit rund 20 Jahren in zahlreichen Medien mit der Überforderung jener Jahre, die zwischen sexueller und beruflicher Orientierung stehen.
Anfänglich bebildert mit dem Zeichenschatz seiner eigenen Jugend in den Siebzigern, entwickelte der Kölner Künstler bald eine breit aufgestellte Virtuosität der Mittel, um die Ängste, Irrungen und exzessiven Freuden der Adoleszenz auszudrücken. In seinen fein gezeichneten Bild werken zitiert er Giotto, Dix und Jugendstil, um Geschichten von zwischenmenschlicher Sehnsucht und Enttäuschung darzustellen. Er erfand Kunstfiguren wie den Hippie Hakelhug, der nach dem gescheiterten Versuch, eine Land- WG zu gründen, dort alleine Tonfiguren und Wasserfarbenbilder herstellt. Er baute Krippenspiele und Jugendbesäufnisse mit großen Puppen nach und wilderte mit seinem Musikprojekt "Work shop" im Wald der Stile.
In der Kunsthalle Zürich wird Althoff nun alle Räume in eine Gesamtinstallation verwandeln, in deren Rahmen er in einer Übersichtsschau Arbeiten seit 1994 zeigt. Sehnlichster Wunsch der dort Angestellten: Er möge auf die olfaktorische Erweiterung diesmal verzichten.
Termin: 10. November bis 13. Januar 2008.
Internet: www.kunsthallezurich.ch
Gammel-Look: Im Walker Art Center in Minneapolis stellte Althoff 2006/07 mit Thomas Hirschhorn, Ellen Gallagher und Edgar Cleijne aus
