Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 76
Spiegel, Wachs und Welterfolg
Von Barbara Hein
Anlässlich der Übersichtsschau von Anish Kapoor im Münchner Haus der Kunst haben wir ihn in seinem Londoner Atelier besucht - und eine wortreiche Führung bekommen
Von außen sieht der gelb geklinkerte Industriekomplex unscheinbar aus: Einstöckig und fensterlos zieht er sich etwa 50 Meter die kleine Straße entlang. Gegenüber ist ein Schulhof. An diesem sonnigen Herbsttag haben die Kinder ihre Uniformjacken ausgezogen, lachen, rufen, dribbeln Basketbälle über den Asphalt. Nichts deutet daraufhin, dass hier im sozial schwachen Südlondoner Stadtteil Camberwell Anish Kapoor, einer der erfolgreichsten Bildhauer der Gegenwart, so etwas wie eine Fabrik für erhabene Großskulpturen betreibt.
Hinter den Mauern geht es zu wie auf einer Raumstation: Überall laufen Menschen in weißen Schutzanzügen herum, einige tragen Gasmasken. Sie grundieren, lackieren, polieren die kreisrunden, konkaven Spiegelobjekte, die zu den bekanntesten Werken Kapoors gehören und die in allen Produktionsstadien an den weiß getünchten Wänden hängen. Es riecht nach Schmirgelstaub und Lösungsmitteln, Handys klingeln, zwischen Handwerkern und Objekten schwirren junge Leute mit Kopien und Ausdrucken im Arm herum. Ohne die vielen Assistenten ginge es nicht. Sie sind es, die für den reibungslosen Ab lauf der Kapoor-Maschine sorgen, denn überall in der Welt müssen Ausstellungen, Projekte, Bücher, In terviews geplant, organisiert, koordiniert werden.
Doch die Fäden hält zweifelsohne der Meister selbst in der Hand. Nichts geschieht, ohne dass er es abgesegnet hat. Anish Kapoor - 53, klein, rund, fester Händedruck - wuchs in der nordindischen Stadt Dehradun als Sohn eines Hindus und einer irakischen Jüdin auf. Er beschreibt sein Elternhaus als liberal und aufgeklärt, wenn es eine religiöse Prägung gab, dann eher eine jüdische. Die Familie ist nicht wohlhabend, aber der Vater arbeitet für die Marine, so dass Kapoor eine Schule besuchen kann, die er selbst als das "indische Eton" bezeichnet.
Mit 19 geht er nach London, um Kunst zu studieren, und hat schon mit seinen ersten Einzelausstellungen An fang der achtziger Jahre Erfolg in New York, London und Paris. Die Neunziger bringen den Durchbruch:
1990 bespielt er den britischen Pavillon auf der Biennale in Venedig, 1991 folgt der Turner-Preis, 1997 Ehrenmitgliedschaften am London Institute und der Universität von Leeds; 1999 dann der Ritterschlag: die Berufung in die Royal Academy of Arts. Und auch wenn Kapoor lachend von sich weist, dass hier ein Zusammenhang besteht, wuchs mit dem Erfolg auch die Dimension seiner Werke: Am Anfang spielten Unendlichkeit und Unbegreifbarkeit des Raums lediglich als Verweis eine Rolle, aber mittlerweile sind einige so groß, dass man sie mit einem Blick nicht erfassen kann.
Zu Beginn bestäubt Kapoor simple geometrische Objekte wie Kegel oder Pyramiden so dicht mit leuchtenden Farbpigmenten, dass sie den Blick des Betrachters in die Tiefe sogen. Später thematisiert er Tiefe mit schwarzen Kreisen auf rohen Sandsteinblöcken ("Void Field", 1989), was unergründbare Löcher suggeriert. Es folgen die nach innen gewölbten Spiegelarbeiten, die den Blick fangen, umkehren und zurückschleudern. Aber keine Arbeit vereint Spiegeleffekt und Größe so eindrucksvoll wie "Cloud Gate" ("Wolkentor", 2004), ein tropfenförmiges Tor, das im Chicagoer Millennium Park liegt. Seine Reflektionen überfordern das Gehirn, so dass einem schwindelig wer den kann, wenn man darunter steht.
"Schwindel ist ein guter Mechanismus", findet der Urheber. "Balance ist wichtig, aber um weiter zu kommen, muss man sie manchmal außer Kraft setzen!" Kapoors freundliche Stimme übertönt die Werkstattgeräusche.
Trüge er nicht einen vollgeklecksten Arbeitsoverall, könnte man ihn glatt für seinen eigenen Pressesprecher halten. An der Art wie er über seine Kunst referiert, merkt man, dass er im Umgang mit Journalisten Routine hat: "Sie wollen bestimmt die Werkstatt sehen. Weswegen sind Sie noch gleich hier? München? Gut, dann gehen wir zuerst zur Vaseline." Die Vorbereitungen für die große Übersichtsschau im Haus der Kunst in München haben momentan oberste Priorität. Etwa 30 Werke werden gezeigt, die Kapoors künstlerische Entwicklung illustrieren. Auch ein eigens gefertigtes neu es Werk ist dabei:
"Svayambh". Das ist Sanskrit und bedeutet so viel wie "durch sich selbst er zeugt". Es handelt sich um einen waggongroßen, rot gefärbten Block aus Wachs und Vaseline, der sich im Zeitlupentempo von einem Millimeter pro Sekunde durch die Räume presst.
In der Werkstatt steht ein Holzmodell vom Haus der Kunst, darin ein Mini-"Svayambh". Kapoor stellt sich daneben und erzahlt: "Einen dieser Züge habe ich ja schon dieses Jahr in Nantes realisiert, allerdings viel friedlicher. Er passte durch die Bögen.
Dieser Block muss sich durch Türen quetschen und pressen auf seinem Weg. Das ist sehr aggressiv und sexuell.
Fragen Sie mich nicht, was diese Arbeit bedeutet. Sie hat nicht wirklich ein Sujet, ja, sie hat nicht mal einen Schöpfer, denn sie bewegt sich von alleine, sie verändert sich und den Raum praktisch jede Sekunde. Das hat mythologische Dimensionen!" Konkrete Interpretationen behagen Kapoor nicht sonderlich, er hält es lieber vage und etwas metaphysisch.
Auf die Frage, ob er Bezug nehme auf die NS-Geschichte der Münchner Räume, antwortet er: "Natürlich ist mir bewusst, dass ein Objekt mit der Gestalt eines Eisenbahnwaggons auf Schienen auf dieser Ebene lesbar ist, aber das war nie meine Intention. Ich muss leider akzeptieren, dass der Bau dem Werk diese Dimension aufzwingt.
Jedes Objekt entwickelt ein Eigenleben, auf das ich keinen Einfluss habe. Deshalb fasziniert es mich auch, Objekte zu machen, die das menschliche Bewusstsein übersteigen, weil sie mit einem Blick nicht fassbar sind." Er macht eine Pause, nimmt einen Schluck Kaffee aus einer Tasse, die er ständig mit sich herumträgt und geht zu seiner neuesten Arbeit: einem Spiegel, zusammengesetzt aus unzähligen kleinen Sechs ecken.
"Dieses Werk bringt eine neue Entwicklung auf den Punkt: Früher war meine Arbeit eine Suche nach "wholeness", nach Ganzheit. Seit etwa fünf Jahren hat sich das verändert, das hat auch mit dem 11. September 2001 zu tun. Jetzt beschäftigen mich Brüche, Facetten, Abgründe, "the fractured".
Die Wachsarbeiten waren vielleicht der erste Ausdruck da von. Das Material ist so weich, vergänglich, organisch, es sieht aus wie rohes Fleisch." Der Wabenspiegel wird in München zu sehen sein. Und ebenso ein etwa ein Kubikmeter großer Plexiglasblock, in dem still und erhaben eine Luft blase schwebt. Kapoors Stimme bebt: "Das ist der Ursprung des Lebens, die absolute Manifestation des Raums." Man kann mit der Interpretation sicherlich so weit gehen - muss man aber nicht. Denn Kapoors Kunst funktioniert auch schon auf einer viel simpleren Ebene: der optischen.
Die perfekten Oberflächen, oft dunkel, spiegelnd und changierend, üben eine ungeheure Faszination aus. Das funktioniert nicht nur im Museum, sondern auch in Firmenfoyers und Sammlerhäusern. Kunst als metaphysischer Raumschmuck. Das gilt auch für die Blasenwürfel, die Kapoor praktischerweise in unterschiedlichen Größen und in Serie produzieren lässt. Auch Architektur ist ein Grenzbereich, den er hin und wieder streift, mit "Cloud Gate" zum Beispiel oder einer U-Bahnstation in Neapel, die er gerade mit den Londoner Architekten von Future Systems baut.
Als Architekt oder Designer würde er sich freilich nie bezeichnen lassen.
"Ich bin ein Künstler, der sich mit Raum beschäftigt, egal, ob mit dem öffentlichen, privaten oder philosophischen.
Mit den Blasenwürfeln fange ich ihn ein, "Cloud Gate" thematisiert seine Unermesslichkeit, und bei "Svayambh" macht das Werk ihn sich letztlich zu eigen. Aber jetzt höre ich auf zu reden. Künstler sollten sowieso nicht so viel reden, schon gar nicht über ihre eigene Kunst." Termin: bis 20. Januar 2008. Haus der Kunst, München. Literatur: "Anish Kapoor. Sublime Dreams. Werke von 1975 bis 2007", in Englisch, ab Mitte November, Prestel Verlag, 39,95 Euro; Internet: www.hausderkunst.de
Kapoor sprengt Dimensionen und Erwartungen: Ein Klotz aus Wachs und Vaseline glitt Mitte 2007 durch mehrere Räume des Musée des Beaux-Arts in Nantes - "Svayambh" (2007)
Schwindel-Garantie: Wer unterm "Cloud Gate" (2004) steht und Erleuchtung sucht, muss damit rechnen, dass ihm übel wird
"Schwindel ist ein guter Mechanismus", findet Anish Kapoor. "Aber um weiter zu kommen, muss man die Balance manchmal bewusst außer Kraft setzen"
Kleindimensionales Frühwerk: "To Reflect an Intimate Part of the Red" (1981)
Anish Kapoor vor einem seiner konkaven Spiegelobjekte
"Früher suchte ich nach Ganzheit. Jetzt beschäftigen mich Brüche und Abgründe"
Zu groß fürs Bild: Teil von "Marsyas" (2002) in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern
