Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 85
Die Heilige Katharina von nebenan
Von Hans Pietsch
Die National Gallery würdigt ein vernachlässigtes Kapitel der Kunstgeschichte LONDON: RENAISSANCE IN SIENA
Uns ist die Kunstgeschichte der Sieger vermittelt worden", erbost sich der Kurator Luke Syson. Nach der Eroberung des Stadtstaates Siena durch den reicheren Nachbarn Florenz im Jahre 1555 schwärmten alle von der florentinischen Kunst der Renaissance. Die gleichzeitig entstandene Kunst Sienas verblasste dagegen und wurde immer nur an zweiter Stelle erwähnt. Künstler wie Matteo di Giovanni oder Domenico Beccafumi sind über die Grenzen ihrer Heimatstadt hinaus kaum bekannt. Sienas Pinacoteca Nazionale, in der ihre Werke zu sehen sind, zieht jährlich nur 40 000 Besucher an.
Anhand von etwa 100 Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Keramik versucht Syson mit seiner Schau in der Londoner National Gallery nun "die alternative Renaissance zu feiern". Zwar seien die Sienesen "stilistisch ganz anders als die Florentiner", blickten eher zurück als nach vorne, es handele sich bei ihnen aber um "ebenso große Künstler".
Dem Kurator ist bei seinen Recherchen ein Meisterstück kunsthistorischer Fahndung gelungen.
In Sienas Nachbarstadt Asciano entdeckte er zwei bisher als verschollen geltende Seitenflügel eines Altargemäldes von Matteo di Giovanni.
Das riesige Mittelstück, das Mariä Himmelfahrt darstellt, gehört seinem Institut.
Mit zwei weiteren existierenden Teilen kann das Altarbild nun wieder in seiner ursprünglichen Form aufgestellt werden.
Ganz besonders stolz ist Syson aber darauf, dass einer der größten Schätze Sienas in die Londoner Ausstellung reisen darf: eine lebensgroße bemalte Holzstatue der Heiligen Katharina, der Schutzheiligen der Stadt, die der Bildhauer Neroccio de' Landi 1474, wenige Jahre nach ihrer Heiligsprechung, fertigte. So besorgt ist man um ihr Wohlergehen, dass Abgesandte des Stadtteils, für dessen Kirche sie geschaffen wurde, regelmäßig nach London reisen wollen, um nach dem Rechten zu sehen.
Der letzte Raum ist Domenico Beccafumi gewidmet.
Sechs seiner Werke hängen dort zum ersten Mal wie der nebeneinander, seit sie im 16. Jahrhundert das Schlafgemach im Palast von Francesco Petrucci schmückten. Luke Syson zählt sie zu den "bedeutendsten Schlafzimmer-Dekorationen der italienischen Renaissance".
Termin: bis 13. Januar 2008.
Katalog: National Gallery Company/Yale University Press, 25 Pfund.
Internet: www.nationalgallery.org.uk
Von Domenico Beccafumi stammen "Tanaquil" (um 1520/25, 92 x 53 cm, links) und "Der Heilige Hieronymus" (1520/21, 50 x 36 cm, rechts)
Neroccio de' Landis "Heilige Katharina von Siena" (1474, Höhe 198 cm)
