Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 20
Die Furien des Verschwindens
Von Michael Kohler
Die Zwillingsbrüder Gert und Uwe Tobias faszinieren das Publikum mit großformatigen Holzschnitten und spukhaften Wiedergängern der siebenbürgischen Folklore
Anfang des letzten Jahrhunderts hatte sich die Malerei so lange in der Verfeinerung ihrer Wahrnehmung geübt, dass in einer neuen Generation die Sehnsucht nach einfachen Ausdrucksformen wuchs. Die einen trieb sie in die Ferne, die anderen begnügten sich mit dem, was frei Haus geliefert wurde.
Paul Gauguin sah nach langer Suche in der Südsee die Sonne seiner Kunst aufgehen, Pablo Picasso soll sich eine Eintrittskarte für die ethnologische Sammlung des Pariser Trocadéro gekauft haben und mit den "Desmoiselles d'Avignon" im Kopf wieder hinausspaziert sein. So unterschiedlich die künstlerischen Wege waren, sie führten zum selben Ziel: Die Quelle der neuen Inspiration entsprang im so genannten Primitiven, dessen Erfindungen das Publikum mitunter anrührten wie die Schauer einer Dar winschen Selbsterkenntnis.
Diese Epoche der modernen Kunst ist lange vorbei, und ihre Geschichte wurde oft genug erzählt. Trotz dem fesselt uns der wohl inszenierte Einbruch des Volkstümlichen in die Tempel der hohen Kunstwelt immer noch - und immer wieder. Weniger anbetungswürdig kommt man sich auch angesichts der großformatigen Holzdrucke von Gert und Uwe Tobias vor, die ihre gespenstischen Motive mit Vorliebe der siebenbürgischen Folklore entlehnen.
Da blüht schon mal ein Totenschädel aus einer Blumenvase, ein altes Mütterchen wächst aus dem Grab heraus oder drei Harlekine wippen auf spindeldürren Körpern um die Wette.
Mit dem Figürlichen ist es aber auf diesen Bildern so eine Sache: Das 1973 im rumänischen Kronstadt (Brasov) geborene Zwillingspaar hat eine eigenwillige Technik des farbigen Holzschnitts entwickelt, bei der sämtliche Druckelemente, ausgehend von einer zeichnerischen Vorlage, einzeln zugesägt und schließlich wie Puzzlestücke auf den Papierbogen gedrückt werden. Auf diese Weise entstehen düster leuchtende Flickenteppiche, aus deren Mustern sich makabre Wiedergänger menschlicher Gestalten schälen. Vergleichbares findet sich eher bei William Blake und Edvard Munch als in anderen zeitgenössischen Ateliers.
Wenn nicht alles täuscht, steht den in Köln lebenden Künstlern der internationale Durchbruch kurz bevor.
Gerade haben die Brüder den "Cologne Fine Art"-Preis erhalten, im November stellen sie im New Yorker MoMA aus, das zudem drei Holzdrucke für die eigene Sammlung erwarb.
Diese rasante Entwicklung ist schon deswegen bemerkenswert, weil die beiden Absolventen der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste noch vor fünf Jahren eine allenfalls ungefähre Vorstellung ihrer Zukunft hatten.
Sie gingen nach Köln, um nicht im Strom der Kommilitonen nach Berlin zu schwimmen, und beschlossen, zu gleichen Teilen auf ihr handwerkliches Geschick und auf eine selbst entwickelte Holzsäge zu setzen. Dank eines frei stehenden Sägeblatts können die Tobias-Brüder auch größere Elemente individuell bearbeiten und haben mittlerweile eine seltene Meisterschaft im malerischen Umgang mit der Drucktechnik erreicht. Die Werke sind auf eine beunruhigende Weise schmückend, und selbst die Patina unsauber gedruckter Stellen gehört zum Plan.
Erstes Aufsehen erregten Gert und Uwe Tobias mit einer Ausstellung über das Geheimnis Transsilvaniens. Unter dem Titel "Come and see before the tourists will do" nahmen sie rumänische Pläne aufs Korn, einen Erlebnispark rund um den Mythos des Grafen Dracula zu errichten, und schlugen gleichzeitig eine Brücke in ihre ursprüngliche Heimat. Immerhin rund zwölf Jahre verbrachten die Zwillinge am Rande der Karpaten, bevor sie 1985 mit ihren Eltern und einer Schwester nach Deutschland übersiedelten.
Hier frischen sie die Erinnerungen nicht zuletzt mit Gruselfilmen auf: Obskure Titel wie "The Hunger", "The Devil Is Not Mocked" oder "Condemned To Live" prangen in Schnörkelschrift auf einer 25-teiligen Serie farbiger Holzdrucke, mit denen auf noch beinahe spitzbübische Weise die "wahre" Volkskunst Transsilvaniens gegen den drohenden Ausverkauf verteidigt wird. Dafür schneiden die Tobias-Brüder Motive aus dem Symbolkreis des siebenbürgischen Brauchtums für ihre Zwecke zu und setzen Ornamente aus Stickereihandbüchern, Wappen oder ländlichen Trachten in ihre Bilder. Meist bleibt vom folkloristischen Ursprung nur ein abstrahiertes Zeichen übrig und findet so ein Exil im grafischen Repertoire der Kunstgeschichte.
Die schaurige Thematik verschaffte Gert und Uwe Tobias einen schönen Auftritt, sorgte allerdings auch schon für einigen Verdruss. Als Avantgarde eines kulturellen Klischees wollen die Brüder nun wirklich nicht auf dem Kunstmarkt reüssieren und sehen sich mit eher gemischten Gefühlen als "Draculas Drucker" tituliert. Eben so wenig können sie mit der Frage nach dem doppelten Lottchen in der Kunstwelt anfangen. Es fällt leicht, Zwillingen eine besondere Verbindung nachzusagen, doch dafür erscheint die Arbeitsteilung der Tobias-Brüder eigentlich zu funktional: Die zeichnerischen Vorlagen entstehen in gemeinsamen Sitzungen, werden gescannt und am Computer auf den geplanten Maßstab hochgerechnet; die handwerkliche Ausführung obliegt dann abwechselnd einem Zwilling allein, während sich der andere nach dem ersten Arbeitsdurchgang mit der Autorität eines unbestechlichen Kritikers zu Wort meldet. Erst wenn beide das gemeinsame Werk absegnen, hat es seine endgültige Form erreicht.
Mit ihren Holzdrucken drängen die Tobias-Brüder auf einen Kunstmarkt, der sich nach authentischen Formen verzehrt und die eigenwillige Linie im gekonnten Handwerk wieder schätzen lernt. Die Zwillingswerkstatt läuft also gerade zur rechten Zeit auf Hochtouren und findet immer neue Techniken, um an deren Herausforderungen zu wachsen. Das folkloristische Formenarsenal erscheint mittlerweile auf Gouachen, Zeichnungen und Schreibmaschinenarbeiten, es gibt Keramiken und Skulpturen eine Form und liefert den Grundrissräumlicher Inszenierungen. Auf der "Art Basel" (Art Unlimited 2007) haben die Brüder ihren Kubus zum "Heimatmuseum" umgewidmet und neben ihren Holzdrucken deformierte Keramikfiguren aufs Podest morbider Fantasien gesetzt; über allem wachte eine Art konstruktivistischer Totempfahl. Gert Tobias gibt die denk bar einfachste Erklärung für diese Experimentierlust:
Die Brüder müssen "sich bei Laune halten".
Ihren alptraumhaftesten Ausdruck findet dieser siebenbürgische "Primitivismus" bislang in den mit dem Kugelschreiber oder der Schreibmaschine vollendeten Gouachen. Durchscheinende Gestalten steigen spukhaft aus getuschten Hintergründen auf und bekommen ihre Gesichtszüge buchstäblich eingehämmert; mit der Kugelschreibermine gezogene Münder wirken gleichsam zugenäht, während die geschwungene Pinselführung auf anderen Werken zum Munchschen Schrei entschlossen scheint. Immer wie der grinst die Walpurgisnacht aus dem Papier, ein karnevalesker Reigen zieht vorüber, um in stetig wiederkehrenden Masken die universale Gestalt des Todes zu beschwören und seine Schrecken gleichzeitig in einer spöttischen Grimasse zu bannen.
Wenn man sich fragt, inwieweit Gert und Uwe Tobias vielleicht doch Kinder des touristischen Transsilvanien- Bildes sind, dann fallen einem ihre schwermütigen Begegnungen mit dem Tod ein. Auch ihre Schreibmaschinenarbeiten sind von der Nachtseite der Überlieferung erfüllt und lassen neben Tier- und Blumenornamenten gehörnte Todesengel und Totenschädel aus den wimmelnden Tastendruckbildern entstehen. Bei diesem Teil des Werks sind freilich nicht die Motive das Verblüffende, sondern das handwerkliche Geschick, mit dem die Brüder ihre Schreibmaschinen-Mondgesichte zeichnen.
Am Ende rührt das Werk der beiden auch deswegen an unsere Urängste, weil in ihm die Furie des Verschwindens tobt. In der globalisierten Welt scheinen die Tage des regionalen Brauchtums und der Volkskünste gezählt, und wir ahnen dunkel, was wir mit ihnen verlieren. Es liegt ein schönes Paradox in diesen spukhaften Gestalten:
Der Tod ist allgegenwärtig, und gleichzeitig lebt das Totgesagte bei den Tobias-Brüdern wieder auf.
Sie führen die folkloristische Praxis im eigenen Handwerk fort und befragen die Kunstgeschichte nach ihren Möglichkeiten, das Ursprüngliche zu bewahren. Natürlich wissen sie, dass niemand hinter die "dekorativen" Meisterwerke eines Henri Matisse oder Paul Klees "kindliche" Erfindungen zurück kann. Dafür kann man aber immer noch nach einem unverwechselbaren Ausdruck suchen und damit nach der Quelle des künstlerischen Schaffens selbst. Auf diesem Weg sind Gert und Uwe Tobias schon weit gekommen.
Ausstellungen: "Projects 86. Gert & Uwe Tobias," 28. November bis 25. Februar 2008, MoMA New York. Internet: www.moma.org; 6. März bis 12. Mai 2008, Kunstmuseum Bonn.
Internet: http://kunstmuseum.bonn.de Galerie: Michael Janssen, Köln, Tel. (02 21)
1 30 08 30, www.galeriemichaeljanssen.de Katalog: Gert & Uwe Tobias, Snoeck Verlag 2007
Linke Seite: die Brüder Tobias vor ihrem Kölner Atelier, fotografiert von Ludolf Dahmen. Oben: "The Devil Is Not Mocked" (Farbholzschnitt auf Papier, 2004, 200 x 165 cm)
Ohne Titel (Farbholzschnitt auf Papier, 2007, 268 x 402 cm)
Vor fünf Jahren hatten die Brüder kaum eine Vorstellung von ihrer Zukunft - heute zeigt das New Yorker MoMA ihre Werke
Auf Flickenteppichen erscheinen Wiedergänger menschlicher Gestalten
Oben: "The Hunger" (Farbholzschnitt auf Papier, 2004, 200 x 165 cm), rechts: ohne Titel (Schreibmaschine auf Papier, 2006, 30 x 21 cm)
Abstraktes Porträt: Farbholzschnitt ohne Titel (2006, 200 x 190 cm)
Ort einer streng arbeitsteiligen Produktion: das Atelier der Tobias-Brüder (Foto: Ludolf Dahmen)
Der Tod ist allgegenwärtig - doch gleichzeitig lebt das totgesagte Handwerk im Werk der Tobias- Brüder wieder auf
