Ausgabe: 11 / 2007
Seite: 70

Krokodilstränen für die Diva

Von Birgit Sonna

Mit Stickbildern und schwülstigen Videos zelebriert Francesco Vezzoli seine Hassliebe zum großen Kino. Jetzt präsentiert er sein neuestes Werk in München

Seine Madonnen weinen kostbar glitzernde Tränen. Joan Crawford, Anna Magnani, Elizabeth Taylor - all die unnahbaren Diven der Filmgeschichte hat Francesco Vezzoli in tränenglänzenden Stickbildern verewigt. Und manch mal, ja, da weint er, emotional aufgewühlt von unerwarteten Ereignissen der Glamourwelt, selbst. Das letzte Mal, dass der vom Erfolg verwöhnte italienische Künstler echte Tränen der Rührung vergossen hat, war bei einer Fernsehübertragung zu den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes.

Alain Delon hatte gerade die Bühne er klommen und landete einen Überraschungscoup.

Ausgerechnet Frankreichs ehemals eiskalter Kino-Beau trat an, um sich bei Romy Schneider quasi postum zu entschuldigen und beim Publikum in Gedenken an ihren 25.

Todestag einen 25-sekündigen Applaus einzufordern. "Die Kameras wussten mehrere Sekunden lang nicht, wohin sie sich richten sollten, das Publikum war verwirrt.

Man muss kein großer Fernsehexperte sein, um das Ungeplante des Moments zu erkennen", sagt Vezzoli.

Ein bewegendes Ereignis, wie geschaffen für einen Sensationsplünderer wie ihn. Vezzolis künstlerische Hassliebe stürzt sich hauptsächlich auf das Faszinosum der ebenso berauschenden wie unbarmherzig manipulativen Medienmaschinerie. Der 1971 in Brescia geborene Künstler, dem die Pinakothek der Moderne in München ab Mitte November eine Ausstellung widmet, höhlt in Videos und Installationen für ein paar spektakuläre Momente das Starsystem aus.

Dies nicht zuletzt, um die für ihn übermächtigen Idole aus der Klischeeverwertung der Medien in die Kunst hin überzuretten. Viele seiner Helden sind bereits verblichen, dafür aber in den Olymp der Unsterblichkeit aufgestiegen. In nostalgischer Erinnerung an das goldene Zeit alter eines sowohl ästhetisch wie politisch ambitionierten Kinos von Fellini über Truffaut bis hin zu Visconti lässt er sie wieder aufleben. "Romy Schneider und Alain Delon als liebendes Paar, das ist letztlich eine Visconti-Fantasie", findet Vezzoli. "Luchino Visconti war der ältere Regisseur und diese beiden Schauspieler eine Weile seine größten Objekte der Begierde, nicht im körperlichen Sinne, aber filmisch." Vezzoli huldigte auch dem Filmstar Romy Schneider in einem auf durchlöchertem Stickbildergrund geprinteten Porträt (2002). Je eine smaragdgrüne, gestickte Krokodilsträne in der metallisch nobilitierten Augenfarbe der Schauspielerin rinnt direkt aus der Iris, verbreitert sich auf dem Gesicht zu einem ornamentalen Tattoo.

"Sie ist für mich die europäische Elizabeth Taylor, sie war so jung, als sie berühmt wurde und dann dieses fast identische Leiden wegen der Liebe und vermutlich auch der Kunst." Francesco Vezzoli schwärmt um so mehr für die göttergleich der Gegenwart enthobenen Leinwandheroen, wenn sie durch ihr melodramatisches Schicksal als Auserwählte stigmatisiert sind: "Ich sehe es als meine künstlerische Aufgabe an, mich mit den Geistern der Vergangenheit zu beschäftigen.

Und in Italien gibt es viele!" Man könnte Vezzoli für hochgradig sentimental halten, wenn er nicht gleichzeitig sarkastisch und intelligent die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie zumindest für die Länge eines Videos, einer Simulation von Pilotfilm, Remake oder Trailer, aus den Angeln heben würde.

Lassen wir noch einmal Vezzolis größte Piratenstücke Revue passieren:

2004 hat er einen Pilotfilm zu der rein fiktiven Blind-Date-Show "Comizi di non amore" ("Non-Love-Meetings") organisiert, bei der sich eine Grande Dame des Kinos wie Catherine Deneuve mit den Darbietungen penetranter Fans herumschlagen musste.

2005 drehte er den Trailer für "Caligula", ein angedrohtes Remake der 1979 grandios gescheiterten Hollywood- Produktion, das selbstredend niemals ins Kino kommen sollte.

Letztes Jahr schließlich hat er mit "Marlene Redux: A True Hollywood Story!" die Vorwegnahme seines eigenen hollywoodesken Scheiterns in einer Filmbiografie erzählt: Vezzoli, in der Rolle eines Wiedergängers von Pasolini, Versace & Co, versucht sich nach seinem sensationellen Aufstieg als Künstler vergeblich an einem Dokumentarfilm über Marlene Dietrich und wird infolge von wüsten Sexeskapaden mit Strichern schließlich ermordet aufgefunden. Während der ganzen Dokusaga kommentieren so genannte Freunde und Kuratoren mit schadenfroher Scheinheiligkeit den ebenso unglaublichen wie tiefen Fall des beneideten Genius Vezzoli.

Es zeichnet sich mittlerweile ein deutliches Muster hinter Vezzolis Persiflagen ab. Der heute in Mailand lebende Künstler jongliert auf manierierte Weise mit dem Trash, den Enthüllungsstorys und voyeuristischen Bloßstellungstechniken durchaus beliebter Medienformate. Warum, so fragt man sich, ist nicht längst ein Künstler darauf gekommen, in Anlehnung an Andy Warhols Pop-Idolatrie die drastisch angezogene Vermarktungs schraube der Film- und Kulturindustrie zu imitieren?

Dass Vezzoli dabei auch schamlos alle nur möglichen cineastischen Über wältigungseffekte ausnutzt, sah man in seiner bislang pompösesten Produktion: "Trailer for a Remake of Gore Vidal's Caligula" führte mitten hinein in die lasterhafte Hölle eines Pseudo-Hollywoodschinkens, in dem sich Helen Mirren, Courtney Love, Milla Jovovich und der Drehbuchautor Gore Vidal in romanesker Toga- Aufmachung um die höchstmögliche Skandalträchtigkeit balgen. Umfangen vom schwülstigen Versace-Bombast schrammten die Stars und ihre mit goldenen Dildos bewaffneten Sklaven parodistisch an den Grenzen zum Softporno entlang. Die fünfminütige, in einer Villa in Beverly Hills gedrehte Filmorgie "Caligula" war 2005 zu Recht eines der Highlights der Biennale von Venedig.

Längst ist der Celebrity-Kult in der Kunstwelt angekommen. Und so übersteigert Vezzoli das Gehabe um den Glamourfaktor, indem er mittlerweile auch die lebenden Superstars des Films in die Kunst einschleust. Wie er Helen Mirren, Catherine Deneuve oder Bianca Jagger dazu gebracht hat, an den ja immer auch lächerlichen Filmen mitzuwirken, bleibt wohl Vezzolis größtes Geheimnis. Seine Schauspieler bekommen jedenfalls keinen Cent Honorar. "Ich bezahle nur für Sex!", scherzt Vezzoli mit verruchter Italowestern-Stimme.

Für die etwas umstrittene Videoinstallation auf der diesjährigen Biennale von Venedig gewann er Sharon Stone und den französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy als Repräsentanten eines schauspielerisch inszenierten US-amerikanischen Wahlkampfs.

"Demo crazy" ist quasi die zynische Vorwegnahme des entscheidenden Medienduells zwischen den US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten im nächsten Jahr. Ein strategisches Videospiel um die makelloseste Imagekampagne, die Sharon Stone (alias Patricia Hill) in einer Mischung aus adretter, republikanischer First Lady und Hitchcock-Lockvogel gegenüber dem argumentationsstärkeren Demokraten Lévy (alias Patrick Hill) zu gewinnen scheint.

Vezzoli hatte einschlägig bekannte Politikberaterfirmen in den USA mit der Persönlichkeitsmodellierung seiner fiktiven Kandidaten beauftragt.

Von zwei großen Videoleinwänden aus predigte das Duellanten-Paar Hill mit heiligem Ernst auf das Biennale- Publikum herab. Dafür vermittelte der mit knallfarbenen Luftballons und Flaggen ausstaffierte ovale Saal genau jenes synthetische Partyflair, mit dem in Amerika gerne das stimmberechtigte Volk von den Parteien geködert wird. "Ich versuche lediglich ein Statement abzugeben, wie die Welt heute funktioniert, wie einflussreich die Medien sind. Die Publicity- Maschinerie hinter einem Kinostar oder einem populären Philosophen oder einem Politiker oder Künstler ist heute nahezu identisch", erklärt der Künstler seine Absicht.

Vezzolis mit professionellem Aufwand betriebene Medienkapriolen sind strapaziös. Es muss schnell gehen, das Budget bleibt in der Regel überschaubar, auch wenn sich mittlerweile Großsammler wie Miuccia Prada und François Pinault als Sponsoren und Auftraggeber einschalten.

In den produktionsfreien Mußestunden - man kann es kaum glauben - stickt Vezzoli eigenhändig seine heute im fünfstelligen Dollarbereich gehandelten Diven-Ikonen. "Ich bin ein leidenschaftlicher Handarbeiter", sagt er. "Vor fast zehn Jahren habe ich einmal versucht, einen Assistenten für die Stickarbeiten anzustellen. Ein Desaster!" Dazu gestikuliert er mit selten schönen Männerhänden, lang, feingliedrig und beredt.

Als Gegenpol zur Extrovertiertheit des Filmemachens versteht Vezzoli seine Stickkunst nicht nur als intimen Akt, sondern auch als Angriff auf die christliche Bildtradition: "Meine Madonna ist Greta Garbo, und ich lasse sie wie an den Wunderstätten der Heiligen blutige Tränen weinen!

Natürlich hat das stark Kontrollierte, Domestizierte der Stickerei für mich nach wie vor mit katholischen Aspekten von Schuld, Sühne und unterdrückter Homosexualität zu tun." Bereits die erste Arbeit, die er verkaufen konnte, war gestickt und trug den ketzerischen Titel "Would You Hire Blinky Palermo as an Interior Decorator?" Vezzoli verzierte die konzeptuelle Malerei Palermos mit süditalienischer Üppigkeit.

"Ich war als 19-jähriger Student regelrecht davon besessen, Palermos Referenzarbeiten zur abstrakten Kunst umzudrehen in ein Vokabular, das genau das Gegenteil davon ist. Was kann man Schlimmeres machen, als einen Palermo zu besticken und in einen Goldrahmen zu setzen?" Trotzdem oder gerade deshalb erhielt Vezzoli das in Leipzig vergebene "Blinky-Palermo- Stipendium 2001".

Im November holt Vezzoli jetzt zu einem transatlantischen Doppelschlag aus. In der Pinakothek der Moderne wird erneut die Biennale- Videoinstallation "Democrazy" aufgebaut und von einer frisch bestickten Ahnengalerie der ehemaligen USamerikanischen First Ladys flankiert.

Außerdem lässt das "Magazin" der "Süd deutschen Zeitung" mit Vezzoli die legendäre Konzeption der von einem Künstler gestalteten Ausgabe Nummer 46 wieder auferstehen. Das Heft wird um sein rund drei Wochen vorher im Guggenheim Museum in New York inszeniertes Pirandello- Stück "Right You Are (If You Think You Are)" ("Così é se vi pare") kreisen, das auch die faschistischen Aspekte des italienischen Stückeschreibers reflektieren soll.

Die Pirandello-Einlage ist das Eröffnungsstück der herbstlichen New Yorker Performancebiennale "Performa 07". In der Nacht vom 27. Oktober gibt Vezzoli im Guggenheim Museum in überschwänglicher Broadway-Manier die Premiere zu einem Theaterstück, das eigentlich nie aufgeführt wird. "So wie bereits 'Caligula' mit Hollywood kurzgeschlossen war, habe ich jetzt für eine fiktive Theaterproduktion für ein Museum Schauspieler gecastet, die am Broadway tatsächlich geschätzt werden." Über die Identität der Stars will er bis zur Premiere nicht mehr verraten, weil er den Würgegriff eines Filmproduzenten fürchtet. "Für mich steht hinter dem Pirandello- Projekt vor allem die Idee, die Eitelkeit der Unterhaltungsindustrie zu spiegeln, und ich überblende dies mit dem künstlerischen Diskurs." Vorerst wird seine hintertriebene Expedition in die amerikanische Entertainment- Landschaft mit Hollywood als Speerspitze aber erst einmal abgeschlossen sein. In Rom hat Vezzoli unlängst wieder Gefallen an der Tradition der Filmstadt "Cinecittà" gefunden: "Es mag nicht sehr schick klingen, aber ich glaube, dass man auch in einer globalisierten Welt als Künstler den Geistern der eigenen Geschichte etwas schuldet." Und tatsächlich hat Vezzoli vom italienischen Neorealismus mehr, als es der erste, oft süßliche Eindruck seiner Kurzfilme vermuten lässt. Seine filmische Kompositionen decken sich mit jener Bildmanie, die der französische Philosoph Gilles Deleuze auch bei den Protagonisten des Neorealismus beobachtet haben will: "In sehr eigener Weise hatte Fellini seine ersten Filme unter das Zeichen der Fabrikation, der Entdeckung und der Wucherungen innerer und äußerer Klischees gestellt", schrieb er 1983 in seiner Kinoanalyse "Das Bewegungs-Bild". Auch Vezzoli hat den aufrührerischen "Kreuzweg" der italienischen Klischeefabrikation eingeschlagen. Stickend und filmend arbeitet er sich langsam, aber sicher an den Phantomen der Vergangenheit ab.

Ausstellung: "Francesco Vezzoli - Primadonnas", Pinakothek der Moderne, München, 16. November bis 17. Februar 2008. Die aktuelle Edition 46 liegt der am 16. November erscheinen den Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung" bei.

Internet: www.pinakothek.de Performancebiennale: Performa 07, New York.

Internet: www.performa-arts.org Galeriekontakt: Galerie Neu, Berlin, www.galerieneu.net

Leidenschaftlicher Handarbeiter: Francesco Vezzoli stickt in Drehpausen seine Heiligenbilder

Starkult: "'Suddenly Last Summer' Walk of Fame (Elizabeth Taylor als Catherine Holly)" von 2006 (78 x 84 cm)

Stills aus Vezzolis Fünf-Minuten-Video "Trailer for a Remake of Gore Vidal's Caligula" (2005) mit Hollywoodstars wie Helen Mirren (oben) und Courtney Love (Mitte) - und Vezzoli selbst (unten rechts)

Vezzoli versteht seine Stickkunst als Gegenpol zur Extrovertiertheit des Filmemachens und als stummen Angriff auf die christliche Bildtradition

Klischeeverwertung: "Anna Bianca Magnani Jagger" (2002, 62 x 51 cm)

Wahlkampf in Venedig: In seiner Biennale-Videoinstallation "Democrazy" (2007) stellt Vezzoli

Werbespots von Sharon Stone (links) und Bernard-Henri Lévy (rechts) als fiktive US-Präsidentschaftskandidaten gegenüber

"Ich will zeigen, wie einflussreich die Medien sind: Die Publicity-Maschinerie hinter einem Kinostar oder einem Politiker oder einem Künstler ist heute nahezu identisch"